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Entscheidung über Leben und Tod

Seit rund 30 Jahren ist Maria Roffler-Montanaro Pilzkontrolleurin. Zwei Mal pro Woche bietet sie im Auftrag der Gemeinde ihre Dienste in Davos an. Dabei trägt sie grosse ­Verantwortung.

Barbara
Gassler
19.07.22 - 11:56 Uhr
Aus dem Leben
Maria Roffler (l.) nimmt die Pilze von Doris und Urs Berger ganz genau in Augenschein.
Maria Roffler (l.) nimmt die Pilze von Doris und Urs Berger ganz genau in Augenschein.
bg

«Niemals einen Pilz freigeben, bei dem man nicht absolut sicher ist.» Das ist das Credo der Pilzkontrolleure, und auch Roffler wiederholt es einige Male. «Als ich mit der Arbeit anfing, hatte ich schlaflose Nächte», erzählt sie anlässlich eines Besuchs der DZ bei ihrem ersten Einsatz der Saison in Davos. «Bei der Kontrolle hatte ich den Pilz zwar zweifelsfrei erkannt. Des Nachts kamen dann aber die Zweifel.» Nun, die Sorgen waren überflüssig, es war nie ein giftiges Exemplar dabei. Doch Roffler ist sich ihrer grossen Verantwortung jederzeit bewusst. Denn das Pilzreich bietet zwar sehr schmackhafte Arten, aber auch tödlich giftige. Sie alle gilt es zu kennen und Ungeniessbares nötigenfalls auszusortieren. Dabei orientiert sie sich an einer von der Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane der Schweiz herausgegebenen Liste, auf der jeder zum Verzehr freigegebene Pilz verzeichnet ist.

Besuch von Stammkunden

Pilzsammler betreten das ehemalige Stimmlokal im Jörg-Jenatsch-Haus. Es sind Stammkunden, wie Roffler sie liebevoll nennt. Urs und Doris Berger haben nach dem Umzug nach Wiesen das Pilzesammeln als Hobby entdeckt und sogar einen Pilzkurs bei der Kontrolleurin besucht. Sie bringen zwei Handvoll Eierschwämme, zwei Zigeuner und einige Fragen mit. Nachdem Roffler den beiden Wissensdurstigen die Merkmale des Zigeuners genau erklärt hat, notiert sie die Pilze auf der erwähnten Liste und gibt das Original den Sammlern. Eine Kopie behält sie für sich: «So kann ich jederzeit beweisen, welche Pilze ich gesehen habe.» Denn oft genug komme es vor, dass die Leute nur einige wenige Exemplare zur Kontrolle bringen, den Rest aber zu Hause lassen. «Ich muss aber alle sehen. Selbst bei den so vertrauten Eierschwämmen sind Verwechslungen mit giftigen Doppelgängern möglich», sagt sie.

Lange Liste der Fehler

«Plastiksäcke», kommt es wie aus der Pistole geschossen bei der Frage nach den häufigsten Fehlern. Ohne Luftzirkulation würden die Pilze in dem feucht-warmen Klima schon zu gammeln an­fangen, bevor man überhaupt die Pilzkontrollstelle erreicht habe. «Manchmal muss ich den Leuten gleich alle wegnehmen.» Nicht gut ist ausserdem, wenn Pilze in Zeitungspapier gewickelt ankommen. «Die Druckerschwärze überträgt sich. Schon das ist nicht gesund, oft werden die Exemplare dadurch aber auch verfärbt.» Denn es sind oft nur kleine Details, die über die eine oder andere Art entscheiden. Darum können auch zu kleine oder alte und kaputte Pilze nicht bestimmt werden. «Die lässt man besser im Wald stehen», empfiehlt Roffler und erklärt auch gleich, wie man das Alter eines Pilzes erkennt: «Wenn zum Beispiel beim Steinpilz der Hut eingedrückt werden kann, ist er zu alt». Im Wald lassen sollte man auch Erde, Moos oder anderes, was den Pilzen oft anhängt. «Zur einwandfreien Bestimmung können ein oder zwei Exemplare unberührt gebracht werden. Alle anderen werden schon im Wald geputzt.» Nur den Kopf schütteln kann die Expertin ausserdem, wenn ihr geschnetzelte, gekochte oder tiefgefrorene Pilze vorgelegt werden. «So etwas mache ich schon gar nicht», ist sie kategorisch. Vorgelegt wurden ihr auch schon angeschimmelte Pilze. «Da wird jeder Pilz giftig.» Zu erkennen seien solche an einem weisslichen Überzug.

Nichts was es nicht gibt

Für die Bergers ist Rofflers Expertise sehr wichtig. Einerseits gibt sie ihnen Sicherheit, andererseits können sie sich mit Fragen an die Pilzkundlerin wenden. «Inzwischen kommen wir gelegentlich auch, um etwas zu plaudern», gesteht Urs, bevor sich das Paar wieder verabschiedet. Nicht alle von Rofflers Kunden sind so pflegeleicht. So schätzt sie es gar nicht, wenn selbst ernannte Pilzkundler ihr über die Schulter schauen und ihre Arbeit kommentieren. «Schlussendlich hafte ich.»

Doch ihre Tätigkeit ist eine wichtige, weshalb die Gemeinde die Kosten dafür übernimmt. «Zu mir kommen Einheimische und Gäste gleichermassen», erzählt sie. Und oft genug muss sie massiv eingreifen. «Wenn die Saison mager ist, raffen die Leute alles zusammen, was auch nur annähernd nach Pilz aussieht.» Entsprechend gross ist dann die Zahl der aussortierten Exemplare. Wie etwa bei jenem Pilzler, der ihr einmal voller Stolz einen ganzen Sack voller Fliegenpilze brachte. Gut, wenn dann jemand da ist, der die Leute vor solch verhängnisvollen Fehlern bewahren kann.

Pilzkontrolle in der Villa Vecchia, Jörg-­Jenatsch-Strasse 1, Davos Dorf, noch bis zum 28. September jeweils am Mittwoch von 15.30 bis 16.30 Uhr und Samstag von 18 bis 19 Uhr (ausgenommen in der Schonzeit vom 1. bis 10. jeden Monats).

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