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Ein bisschen Wüste im Safiental

In der Gemeinde Safiental sind neben rund 950 Bewohnerinnen und Bewohnern auch einige Tiere zu Hause. Zwei ganz spezielle Einheimische befinden sich in der Fraktion Safien Platz.

Jasmin
Schnider
04.08.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

Bis zum Daheim der Familie Bandli ist es ein langer Weg. Von Chur aus geht es durch die Rheinschlucht bis kurz vor der Dorfeinfahrt von Versam. Dort führt eine Abzweigung in Richtung Safien, anschliessend folgt noch eine halbe Stunde Fahrzeit auf einer zum grossen Teil einspurigen Naturstrasse – mit vielen Kurven, Tunnels und aktuell auch Baustellen. Dann, gleich am Dorfeingang von Safien Platz, unterhalb der Strasse, liegt er, der Gädemli-Hof. Kein herkömmlicher Bauernhof mit Kühen oder Schafen. Denn hier leben zwei Trampeltiere, einige Lamas und eine Herde Yaks.

«Buben, kommt hoch, kommt», ruft Angelika Bandli ihren Tieren zu. Mit «Buben» meint sie Ivan und Aladin, die beiden Kamele der Landwirtefamilie. Wobei es sich streng genommen um Trampeltiere handelt. «Kamel» sei bloss der Oberbegriff für Trampeltiere und Dromedare, erklärt Bandli. Ivan und Aladin jedenfalls lassen an diesem warmen Sommertag Ende Mai nicht lange auf sich warten und laufen auf die Landwirtin zu, beschnuppern sie und auch die Gäste ohne Zögern. «Kamele erkennen Menschen aufgrund ihres Atems», sagt die Bäuerin und gibt gleich Entwarnung: «Ivan und Aladin sind sehr zahm, sie beissen auch nicht.»

Der Besuch auf dem Hof der Bandlis wurde auch auf Video festgehalten.

Video Jürg Huber

Wie ein Teil der Familie

Seit rund 20 Jahren sind die Wüstentiere fester Bestandteil des Hofs in Safien Platz. Als Angelika und ihr Mann Erwin vor 22 Jahren mit der Landwirtschaft begannen, hielten sie erst nur Lamas und Yaks. «Mir fehlte aber etwas», so Bandli. Eines Tages kam sie auf die Idee, den Hof mit Kamelen zu ergänzen. «Kamele sind die nächsten Verwandten von Lamas, und die Mongolen haben immer Yaks und Kamele zusammen gehalten.» So ging die Suche los, und nachdem die Bandlis einige Bedingungen erfüllt hatten, um die Tiere halten zu dürfen, kauften sie sich im Jahr 2004 ihr erstes Kamel Dschingis aus dem Walter-Zoo in Gossau (St. Gallen).

Wenig später konnten sie das deutsche Zirkustier Aladin ins Safiental holen. Als Dschingis im Jahr 2017 starb, kam Mulan dazu, und nachdem dieser die Kastration nicht überlebt hatte, stiess vor drei Jahren Ivan zur kleinen Herde. Kostenpunkt eines solchen Tieres: 5000 bis 20’000 Franken. Je nach Zucht des Tiers variiert der Preis gemäss Bandli stark. Heute können sich die Bandlis ein Leben ohne Kamele nicht vorstellen. Die ganze Familie sei vernarrt in die Tiere. Auch Beat, der älteste Sohn der Familie, wolle nicht auf die Kamele verzichten, wenn er im nächsten Jahr den Hof übernehme.

Wir können uns ein Leben ohne Kamele nicht vorstellen.

Angelika Bandli, Landwirtin aus Safien Platz

Manchmal gibt es auch blaue Flecken

Auch die beiden Kamele machen den Eindruck, dass es ihnen hier gefällt und sie nicht mehr ohne die Familie Bandli leben können. So lassen sie sich gerne von Angelika Bandli kraulen oder bürsten. Besonders in der Zeit, in der die beiden ihre Wolle abstossen. «Das beginnt bereits Ende Februar, wobei sie dann ihr Fell aufgrund der Kälte noch behalten sollten.» Erst wenn es wärmer wird, beginnen die Bandlis die Tiere gründlich zu bürsten.

Doch nicht immer gefällt ihnen die tägliche Bürsterei. «Ich wollte Aladin einmal schnell noch putzen, habe mich aber nicht angekündigt. Daraufhin ist er erschrocken und hat ausgeschlagen», erzählt die Landwirtin. Das komme aber selten vor. In der Regel seien die beiden sehr gemütliche Tiere. «Man muss einfach immer genügend Abstand zu den Hinterbeinen der Tiere halten», warnt Bandli. Wenn sie sich nämlich erschrecken oder freuen würden, schlügen sie nicht wie ein Pferd nach hinten aus, sondern nach allen Seiten. Ebenso beim Rennen: «Dann verwerfen sie ihre vier Beine wie in einem Comic, es sieht also nicht sehr elegant aus.»

Bitte lächeln: Kamel Ivan hält seinen Kopf gern in die Kamera, während er sich kraulen lässt.
Bitte lächeln: Kamel Ivan hält seinen Kopf gern in die Kamera, während er sich kraulen lässt.
Bild Jasmin Schnider
Bitte hinhalten: Auch Aladin geniesst die täglichen Streicheleinheiten.
Bitte hinhalten: Auch Aladin geniesst die täglichen Streicheleinheiten.
Bild Jasmin Schnider

Im Allgemeinen sind Aladin und Ivan laut Bandli jedoch sehr ruhige Tiere. Wobei Ivan der Ruhigere sei. «Aladin ist etwas lebendiger, erlaubt sich mehr Schabernack.» Ivan sei stolzer und gelassener. «Während Ivan gemütlich den Kopf hebt, sobald etwas passiert, ist Aladin schon am Herumzappeln», beschreibt Bandli die beiden.

An diesem warmen Sommertag geben die beiden kaum einen Laut von sich. So ist neben dem Rauschen des Windes, den gackernden Hühnern, den Glocken der Yaks und dem Geräusch der Kettensäge, die Erwin Bandli bedient, bei genauem Hinhören nur der Atem der beiden Kamele zu hören. «Sie können aber auch anders», sagt die Landwirtin lachend. Wenn die Kamele streiten, was sehr selten vorkomme, töne es wie eine knarrende Holztüre. Manchmal würden sie aber auch weinen. «Wenn ich mit den Lamas weglaufen und sie zurückbleiben müssen, dann klingen sie wie das Nebelhorn eines Schiffs.»

Viele Nationen auf einem Hof

Reaktionen aus dem Dorf erhält die Familie nicht viele. Schliesslich gehören die Kamele in Safien Platz schon fast zum Inventar. Von Anfang Sommer bis zum Herbstbeginn spazieren die Bandlis jeden Tag mit den Kamelen vom Stall zur Weide. Der Weg führe sie dabei durchs Dorf, erklärt Angelika Bandli, und daher seien die Einheimischen an den regelmässigen Anblick der Trampeltiere gewöhnt. «Nur Touristen haut es manchmal fast aus den Socken.» 

«Für Safien Platz sind die Kamele nichts Spezielles, sie gehören einfach zum Dorf.»

Angelika Bandli, Landwirtin aus Safien Platz

Am besten hätten bisher zwei Biker auf die speziellen Bauernhoftiere reagiert. «Die beiden fuhren oberhalb des Hofs ins Dorf», beginnt Bandli zu erzählen. «Als sie die Tiere dann gesehen haben, hat der eine zum anderen gesagt: ‘He, schau mal dort unten, Kamele – hab gar nicht gewusst, dass wir schon so weit geradelt sind!’»

Ganz in der Wüste angekommen sind die beiden Biker damals dann doch nicht. Auf den Hof der Bandlis haben aber so einige Nationalitäten ihren Platz. Trampeltiere stammen schliesslich ursprünglich aus den kalten Wüsten Asiens, Lamas haben ihren Ursprung in Lateinamerika und Yaks kommen aus der Mongolei und dem Himalaya. Zudem schmücken den Hof der Bandlis tibetische Gebetsfahnen. Sie seien eine Erinnerung an einen guten Freund aus Nepal, der vor zehn Jahren verunglückt sei. «Die Fahnen sollen den Stall und seine Bewohner segnen», sagt Bandli. 

In Erinnerung an einen Freund: Tibetische Gebetsfahnen schmücken den Hof der Familie Bandli. Sie erinnern an einen Freund der Familie.
In Erinnerung an einen Freund: Tibetische Gebetsfahnen schmücken den Hof der Familie Bandli. Sie erinnern an einen Freund der Familie.
Bild Jasmin Schnider

Sie dürfen einfach hier sein

Wie viele Bergbauern leben die Bandlis hauptsächlich von den Direktzahlungen, welche sie für ihr Land erhalten. Ein weiteres Einkommen der Familie ist das Lamatrekking und der Verkauf von Yaks und Yakfleisch. Zudem bezieht Angelika Bandli Gemüse und Obst hauptsächlich aus dem eigenen Garten, und sie führt die Spensa, der Laden für Produkte aus dem Safiental.

Mit Ivan und Aladin hingegen verdienen die Bandlis kein Geld. «Ich werde oft gefragt, welchen wirtschaftlichen Nutzen die Tiere haben – sie haben keinen. Sie dürfen einfach hier sein.» Dafür seien die Tiere gut für das Gemüt. «Die Kamele sehe ich nicht als Aufwand.» So hat es für Bandli schon fast einen meditativen Charakter, wenn sie nach einem langen, strengen Sommertag auf dem Feld am Abend mit den beiden durchs Dorf laufen kann.

An diesem warmen Sommertag Ende Mai sind die Kamele jedoch ausnahmsweise schon im Stall. Das kommt Aladin gerade recht, denn als erste Donnerschläge zu hören sind und dunkle Wolken aufziehen, wirkt er plötzlich angespannt. «Aladin hat Angst vor Gewitter», erläutert Bandli. Er werde dann immer unruhig und flippe fast aus vor Angst. «Gut, dass wir schon im Stall sind, sonst hätte ich ihn jetzt von der Weide holen müssen.» 

Jasmin Schnider produziert als redaktionelle Mitarbeiterin Beiträge und Interviews für Radio Südostschweiz, zudem schreibt sie Geschichten für die Zeitung «Südostschweiz» und für «suedostschweiz.ch». Sie kommt aus Obersaxen und ist seit August 2020 Teil der Medienfamilie Südostschweiz. Mehr Infos

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