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Der «Neujahrsbote» blickt auf den Weltkrieg zurück

Sperrseile gegen Fliegerangriffe, riskante Passstrassen, die nie gebaut wurden, und der harte Alltag hiesiger Bergbauern. Diesen Themen geht der «Neujahrsbote» des südlichen Glarnerlands nach.

Südostschweiz
16.11.21 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Kontakte strengstens verboten: Die polnischen Internierten schufteten in der Schweiz und erhielten dafür Schutz vor der deutschen Wehrmacht.
Kontakte strengstens verboten: Die polnischen Internierten schufteten in der Schweiz und erhielten dafür Schutz vor der deutschen Wehrmacht.
Pressebild

von Tina Wintle

Wer vor ein paar Jahrzehnten ob Schwanden von Mettmen zur Leglerhütte wanderte, dem ist vielleicht ein rostiges Drahtseil aufgefallen. Ein Seil, das quer über den Weg und über die ganze Matt von einer Talseite zur anderen reichte. Ein Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als man im Glarnerland Sperrseile zum Schutz der Staumauern vor Fliegerangriffen über das Tal spannte.

Auch wenn die Schweiz vom Krieg verschont blieb, waren die Auswirkungen der beiden Weltkriege bis ins Glarnerland spürbar. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 begann in Europa eine Phase der militärischen Aufrüstung. Die Schweiz intensivierte ihre Bemühungen für einen aktiven und passiven Luftschutz der Zivilbevölkerung.

Wie die Seilsperren zur Fliegerabwehr über dem Stausee Garichte oberhalb von Schwanden entstanden, erzählt Autor Fred Heer in der aktuellen Ausgabe des «Neujahrsboten»; ausführlich bebildert mit historischem Fotomaterial.

Strasse wird nie gebaut

Während des Zweiten Weltkriegs war man in der Schweiz, im Hinblick auf die Stärkung der Abwehrbereitschaft des Landes, intensiv mit dem Ausbau der Verkehrswege beschäftigt. So entstand zum Beispiel in den Kriegsjahren eine moderne Strasse über den Sustenpass und auch die Projekte für den Strassenbau über den Pragel und den Panixer kamen wieder ins Gespräch. Ursprünglich stand für den Kanton Glarus die Erstellung einer Panixerstrasse im Vordergrund. Aus Gründen des «allgemeinen Landesinteresses» sprach sich 1939 die Bundesversammlung trotz Protest aus der Glarner Bevölkerung für das Projekt Kistenstrasse aus. Das Projekt sah vor, dass die neue Passstrasse am linken oder am rechten Talhang über den Limmerenboden geführt und nachher durch einen Tunnel unter dem Kistenstöckli hindurch nach Graubünden geführt hätte.

Dass der Bau einer solchen Strasse unter äusserst schwierigen Verhältnissen im steilen felsigen Gelände und wegen des vorherrschenden Klimas eine aussergewöhnliche Herausforderung für die Planer darstellte, versteht sich von selbst. Was dem Bauprojekt Rückenwind gab, wer für Gegenwind sorgte und warum das Projekt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges schlussendlich fallengelassen wurde, zeigt Autor Fridolin Baumgartner in seinem Bericht auf.

Die polnischen Internierten spielen ebenfalls eine Rolle im «Neujahrsboten». Autor Stefan Paradowsky beschreibt, wie im Jahr 1940 rund 12 500 polnische Soldaten in Lagern in der ganzen Schweiz interniert waren. Zusammen mit 30 000 französischen Soldaten suchten sie vor der Übermacht der deutschen Wehrmacht Schutz in der Schweiz. Die Polen, die bis Kriegsende in der Schweiz blieben, bauten dafür Strassen und Brücken, auch im südlichen Glarnerland.

«Im Huusligufel»

In einer weiteren Geschichte im aktuellen «Neujahrsboten» geht es nicht um Kriege, aber um andere kleine und grosse Katastrophen des Alltags, die es in der Vergangenheit zu meistern galt. In der Geschichte «Im Huusligufel» des Matter Landwirts Hansjakob Marti geht es um das gleichnamige Berggut, das ob Elm liegt. Früher hätten die Menschen das Wohnen in den Tälern aus Angst vor den Bächen gemieden. Heute würde auf solche Sachen nicht mehr geachtet, schreibt Marti in seiner Erzählung in Matter Mundart.

Die Erzählung gibt einen Einblick in das Leben im abgelegenen steilen Gelände und beschreibt einen Alltag, der den meisten Menschen heute fern und unbekannt ist. Es ist die Rede von robusten Frauenzimmern, die auf kalten Holzböden Kinder gebären, von Pfarrern, die hinaufsteigen und die Bergbauern von der Notwendigkeit eines Schulbesuches der Kinder zu überzeugen versuchen, oder von Jagd- und Schiesskünsten der Pro­tagonisten, die dem «Böggli mitem Saggmesser dr Ranzä uufghauä und d Inneriiä usä gnuu» haben.

Nebst den sorgfältig aufgearbeiteten Geschichten aus der Vergangenheit bietet der «Neujahrsbote» in den Chroniken der Dörfer auch aktuellen Lesestoff, der beschreibt, was die Dörfer des südlichen Glarnerlands im letzten und im aktuellen Jahr beschäftigte.

Der «Neujahrsbote» des südlichen Glarnerlands ist ab Dezember erhältlich.

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