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Mit der Tschu-Tschu-Bahn zum Landwasserviadukt

Mit der Tschu-Tschu-Bahn zum Landwasserviadukt

Nicht immer müssen die Wanderschuhe geschnürt werden, um die Region besser kennenzulernen. Eine besondere Fahrt durch Filisur lädt zur Entdeckungstour ein.

Anna
Panier
vor 1 Woche in
Aus dem Leben

Der Himmel ob Filisur zeigt sich an diesem Sonntagnachmittag ungewöhnlich farblos. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken und der Wind bringt die Blumen beim Bahnhofscafé in Filisur zum Tanzen. Es ist eindeutig nicht der Sommertag, der tags zuvor noch angepriesen wurde.

Dem ist sich wohl auch der Chauffeur des Landwasser-Expresses bewusst und lädt sogleich mit einem Lächeln auf den Lippen zum Einsteigen ein. Knapp ein Dutzend Gäste haben es sich in der roten Tschu-Tschu-Bahn mit dem Namen «Muson River» gemütlich gemacht. Der Motor beginnt zu rattern. Die Räder setzen sich in Bewegung. Und rasch tönt ein vertrautes «Allegra» aus den kleinen Lautsprechern, die in den Ecken der drei Waggons befestigt sind. Unsere Rundfahrt zum wohl bekanntesten Viadukt Europas beginnt pünktlich auf die Minute, wie ein letzter Blick auf die immer kleiner werdende Bahnhofsuhr verrät.

Preise und Tickets
Einfache Fahrt Erwachsene: 8 Franken / Rundfahrt: 15 Franken
Einfache Fahrt Kinder bis 16 Jahre: 4 Franken / Rundfahrt: 7 Franken
Kleinkinder bis sechs Jahre, welche keine eigenen Plätze benötigen, fahren gratis mit. Dasselbe gilt für Hunde.

Tickets für Rundfahrten können online inklusive Sitzplatzgarantie gekauft werden. Vor Ort in Filisur sind Tickets – auch für einfache Fahrten – am Billettautomaten, beim Fahrer oder beim Bahnhöfli Filisur erhältlich.Weitere Informationen und den Fahrplan finden Sie hier.

Geschichtenreiches Dorf 

In gemächlichem Tempo geht es vorbei an den Gleisen, weiter in Richtung Dorfzentrum. Es rumpelt und schüttelt. Angekommen beim Gemeindehaus unterbricht eine Durchsage die idyllische Ruhe im Bergdorf. Es wird von früher erzählt. Etwa von der einstigen Bedeutung des Dorfs als Passzugang oder von der Geschichte der Engadiner Häuser. Nach einigen Minuten endet die Geschichtsstunde, welche auf Deutsch und Englisch zu hören war. Die ganz kleine Rote biegt nun in eine Gasse ein, die eigentlich zu schmal für sie scheint. Doch der Chauffeur, der die Strecke dreimal täglich in Angriff nimmt, lenkt sein Fahrzeug gekonnt weiter in Richtung Landwasserviadukt. 

Spannende Geschichte: Die Häuser in Filisur wurden im Engadiner Baustil erbaut.
Bild Anna Panier 

Natur unterwegs erleben

Eine Viertelstunde seit der Abfahrt am Bahnhof ist um. Die Räder der Tschu-Tschu-Bahn drehen noch immer ununterbrochen. Die Passagiere an Bord lauschen nun gespannt den Erklärungen zur hochalpinen Gärtnerei «Schutz Filisur». Links und rechts sind Hunderte Töpfchen mit Jungpflanzen zu sehen. Es sei das höchstgelegene alpine Gartencenter Europas, erklärt die Frauenstimme aus den Lautsprechern.

«Schutz Filisur» bewirtschaftet eine Anbaufläche von circa 120'000 Quadratmetern.
Bild Anna Panier 

Noch immer umgeben von diversen Pflanzen geht es bergab. Wir fahren durch eine Unterführung und passieren eine Brücke. Das Rattern der Tschu-Tschu-Bahn wird von einem lauten Rauschen übertönt. Unter uns fliesse die Albula, deren Name sich vom Lateinischen «albulus» (Redaktionelle Übersetzung: weisslich) ableite, erklärt die Stimme passend dazu. Dem Bach folge auf seiner ganzen Länge die Albulalinie der Rhätischen Bahn, zu der auch unser Endziel gehöre.

Weg am Wasser 

Die weltbekannte Eisenbahnbrücke ist nach der 20-minütigen Fahrt aber noch nicht in Sichtweite. Dafür eröffnet sich jetzt vor uns eine grüne Landschaft. Weit und breit ist niemand zu hören oder zu sehen. Einzig die «Muson River» unterbricht mit ihrem Rattern immer wieder die Stille. Es geht für einige Minuten über Stock und Stein, bis der zuvor schnurgerade Weg eine Kurve bildet. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät, das Ziel kann nicht mehr allzu weit entfernt sein. Nun meldet sich wieder die vertraute Frauenstimme und macht auf das Landwasser aufmerksam, dessen Rauschen zu hören ist.

Unterwegs mit der Tschu-Tschu-Bahn: Die Hinfahrt dauert rund 30 Minuten.
Bild Anna Panier 

Unser Weg führt weiter am Bach entlang über eine Brücke bis zu einem Parkplatz, von wo aus auch ein Spazierweg zum Fuss des Viadukts führt. Wir bleiben aber sitzen und lehnen uns noch einmal für die letzte Etappe unserer Reise zurück. Die Strasse wird wieder schmaler. Zwischen der Tschu-Tschu-Bahn und den Ästen der umliegenden Bäume bleibt kaum mehr Platz. Die letzten Meter führen uns mitten durch einen Wald. Hin und wieder begegnen wir gut gelaunten Gesichtern, denen es sichtlich nichts ausmacht, für den Landwasser-Express Platz zu machen. Mittlerweile scheinen auch die ersten Sonnenstrahlen durch die kleinen Fenster auf die Gesichter der Passagiere.

Am Ziel angekommen

Ein letztes Mal meldet sich die Frauenstimme und informiert über die Geschichte und Konstruktion des Viadukts. «Es ist ein architektonisches Meisterwerk», erklärt sie. Ihr Timing könnte nicht besser sein, denn vor uns ist jetzt die 65 Meter hohe und 136 Meter lange Brücke zu sehen. Die Tschu-Tschu-Bahn wird langsamer, bis sie schliesslich stoppt: «Bitte alle aussteigen!» Nebst dem imposanten Viadukt befindet sich auf dem gleichnamigen Platz ein Infokiosk, der kalte und warme Speisen, Getränke und Snacks sowie alle möglichen Informationen rund um die Touristenattraktion anbietet. Um länger zu verweilen, gibt es ausserdem verschiedene Sitzgelegenheiten, Toiletten und eine Grillstelle, von wo Rauch in die Höhe steigt.

Der Infokiosk bietet warme und kalte Speisen.
Bild Anna Panier 

Es herrscht reges Treiben auf dem Platz. Eine ganz besondere Stimmung macht sich breit. Kameras und Stative werden aufgestellt. Manche der Besuchenden versuchen angestrengt, die beste Position ausfindig zu machen. Ihre Schweissperlen auf der Stirn glitzern im Schein der Sonne.

Bald überquert die kleine Rote, die grosse Schwester unserer Tschu-Tschu-Bahn, das Viadukt. Dies hat die freundliche Stimme aus den Lautsprechern kurz vor dem Aussteigen noch erwähnt. Bis dahin bleiben noch einige Minuten. Manche der Interessierten nutzen die Zeit und machen sich auf zur Brücke. Der Spazierweg führt direkt unter das Bauwerk. Mit dem Kopf im Nacken und mit nach oben gerichtetem Blick wird das Viadukt bestaunt.

Das Landwasserviadukt besteht aus Kalkdolomit.
Bild Anna Panier 

Nur noch wenige Minuten bis zur Durchfahrt. In schnellem Schritt geht es zurück zum Ausgangspunkt. Die Kameras in unterschiedlichen Grössen werden final in Richtung Viadukt gerichtet. Oberhalb unserer Köpfe donnert es. Doch es ist nicht der Himmel, der sich wieder im gleichen Grau wie die Steine des Viadukts gefärbt hat, sondern die Rhätische Bahn, die Richtung St. Moritz fährt. Kaum ist das Spektakel vorbei, wiederholt es sich noch einmal. Dieses Mal jedoch von St. Moritz herkommend.

Bis zur Rückfahrt mit der kleinen Bahn bleibt uns noch genügend Zeit, die Sitzgelegenheiten zu testen und den Durst zu stillen. Verschiedene Gespräche in unterschiedlichen Sprachen sind auf dem Viaduktplatz, der mitten in der Natur liegt, zu hören. Manche unterhalten sich über das geschichtsträchtige Werk aus Kalkdolomit, andere über die Tschu-Tschu-Bahn, deren Farbe im Schein der wieder hervorgekommenen Sonne besonders intensiv zur Geltung kommt. Nochmals andere stellen ihr handwerkliches Talent an dem «Holzschittstand» unter Beweis (siehe Bild oben). 

Die Tschu-Tschu-Bahn hält direkt am Fusse des Landwasserviadukts.
Bild Anna Panier 

Nach einer guten halben Stunde bittet der Chauffeur, wieder im Landwasser-Express Platz zu nehmen. Auch die Stimme aus den Lautsprechern heisst die Passagiere wieder willkommen und erklärt sogleich, dass es nun wieder zum Bahnhof zurückgehe. Die «Muson River» beginnt sich in Bewegung zu setzen. Sie fährt über den gleichen Weg zurück in Richtung Parkplatz, über die kleine Brücke und dem Bach entlang. Nach der grossen Kurve zeigt die ganz kleine Rote, dass sie fast mit dem Tempo ihrer grossen Schwester mithalten kann.

Die grüne Landschaft erstreckt sich wieder vor uns. «Hier fahren wir durch einen Teil des Parc Ela», ergänzt dieses Mal die vertraute Stimme. Genauso vertraut fühlen sich die ruckartigen Bewegungen im Waggon an. Es geht vorbei an den verschiedenen Pflanzen, die wieder für einen Ausblick der besonderen Art sorgen. Unsere Reise neigt sich langsam dem Ende zu. Die Tschu-Tschu-Bahn nimmt die letzten Meter hinauf zum Bahnhof Filisur in Angriff. Noch ein letztes Mal ertönt die Frauenstimme und beendet offiziell unsere Reise mit dem Landwasser-Express. (paa)

  

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