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#sofunktionierts: Was tue ich, wenn mich ein Arzt nicht ernst nimmt?

#sofunktionierts: Was tue ich, wenn mich ein Arzt nicht ernst nimmt?

Es gibt Tage, da läuft nichts wie geplant. Damit ihr euch in allen misslichen Lagen zu helfen wisst, gibt es die #sofunktionierts-Artikel. Heute: Was tue ich, wenn mich mein Arzt nicht ernst nimmt?

Südostschweiz
vor 2 Wochen in
Aus dem Leben
Weshalb und was genau? Gespräche zwischen Patient und Ärztin sollten informativ, offen und respektvoll sein.
Symbolbild Pexels

Erkältet zu sein, ist energieraubend und lästig, geht aber meist von allein wieder weg. Ein Unfall oder eine Krankheit, die eine medizinische Behandlung erfordern, gehen ans Eingemachte. Fragen zu Verhütung und Schwangerschaft sind sehr persönlich und können von Unsicherheit begleitet werden. Umso wichtiger ist es zu wissen, dass wir in all diesen Situationen auf das Wissen und die Ratschläge von vertrauens- und respektvollen Ärzten zurückgreifen können. Doch nicht immer ist dies der Fall. Was können wir in einer solchen Situation tun?

«Sich nicht ernst genommen zu fühlen stellt eine Verletzung des Selbstwertgefühls dar», sagt Daniel Tapernoux von der Schweizerischen Stiftung SPO  Patientenorganisation. «Und dieses ungute Gefühl ist für die Betroffenen meist gravierend.» Als Arzt kennt er beide Seiten des Arzt-Patienten-Dialogs.

Fühle sich ein Patient von seinem Arzt nicht ernst genommen, gebe es zwei Verhaltensgrundregeln, erklärt Tapernoux. Die erste: Nachfragen. «Wer nicht genau verstanden hat, wozu ein bestimmtes Medikament eingesetzt wird, soll eine weitere Erklärung verlangen. Auch kann es sich lohnen, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, offen anzusprechen.» Die zweite Grundregel: Eine Zweitmeinung einholen. Wer beispielsweise Vorbehalte gegenüber einem Behandlungsweg habe, könne sich die Meinung von einem anderen Arzt einholen. «Ein Arzt, der den Patienten noch nicht kennt, kann den Fall unter Umständen objektiver mit mehr Abstand beurteilen und erkennt womöglich etwas, das bislang ausser Acht gelassen wurde», so Tapernoux.

Es braucht Mut!

Tapernoux weiss, dass es unter Umständen schwierig ist, beim Arzt auf eine Erklärung zu bestehen. Ärzte seien – wenn auch nicht mehr im selben Ausmass wie noch vor ein paar Jahrzehnten – noch immer Respektspersonen, sagt Tapernoux. «Deshalb braucht es Mut und Überwindung, nachzuhaken oder eine Zweitmeinung einzufordern.»

Der fachärztliche Berater für die SPO macht auf weitere Faktoren aufmerksam, die das Gespräch zwischen Arzt und Patient erschweren können: «Wenn es grundsätzlich nicht harmoniert zwischen diesen beiden Personen, verläuft das Gespräch womöglich auch nicht zufriedenstellend.» Oder wenn die Arbeitsbelastung des Arztes zu gross sei, leide dessen Einfühlungsvermögen. «Und auch wenn diese Faktoren keine Entschuldigung für nicht zufriedenstellende Gespräche sind: Ärzte sind auch nur Menschen.»

Rechtliche Sicht

Aus rechtlicher Sicht sei entscheidend, ob hinter dem Gefühl des Patienten, von seinem Arzt nicht ernst genommen zu werden, eine objektiv belegbare Unsorgfalt des Arztes stehe. Und ob diese wiederum das Ausmass der Krankheit beeinflusst habe, zum Beispiel durch eine Verzögerung der Behandlung, so Tapernoux. Die Rechtsschutzabteilung der Axa hält als Grundlage für das Arzt-Patienten-Gespräch fest, dass die Ärzte ihre Patienten aus rechtlichen Gründen detailliert informieren müssen. Die Versicherungsgesellschaft empfiehlt den Patienten, ihre Fragen im Vorfeld eines Termins zu notieren und beim nächsten Arzttermin anzusprechen. Weiter sei es hilfreich, über Symptome und Beschwerden Buch zu führen. 

Um das Thema anschaulicher zu erläutern, haben wir ein paar Beispiele zusammengetragen und von den oben erwähnten Fachpersonen beurteilen lassen.  

Fall A: Individuelle Nebenwirkungen

Ohne Gefahr? Der Arzt sollte unbedingt auf allfällige Nebenwirkungen eines Medikamentes eingehen.
Bild Pixabay

Fall:  Der Patient spürt Nebenwirkungen von einem Medikament, das ihm der Arzt verschrieben hat. Der Arzt geht aber nicht auf diese Nebenwirkungen ein und verändert auch die Dosierung des Medikamentes nicht.

Axa: Die Nebenwirkungen sollten bei der Nachkontrolle angesprochen werden, auch dass diese unangenehm sind und welchen Einfluss sie auf den Alltag haben. Der Patient sollte nach der Dosierung und Alternativen zur Therapie fragen.

Tapernoux: Nochmals nachfragen!

Fall B: Eingebildete Schmerzen?

Fall:  Eine Patientin wird nach einem Unfall am Knie operiert. Auch Tage nach der OP beschreibt die Patientin Schmerzen im Knie. Diese können sich die Ärzte aber nicht richtig erklären und gehen deshalb nicht darauf ein bzw. halten diese für eingebildet. Erst ein paar Wochen später finden die Ärzte heraus, dass auch nach der OP im Knie etwas noch nicht stimmt und sie nochmals operieren müssen.

Axa: Sollten sich nach der Operation andere oder stärkere Schmerzen ergeben oder aber nicht abklingen, sollte die Patientin wiederholt die Schmerzen thematisieren. Sie sollte die Schmerzen und die damit verbundenen Probleme auch gegenüber dem Pflegepersonal und den Therapeuten ansprechen. Weiter sollte die Patientin auch ihre Angehörigen über die Schmerzen informieren, damit diese den Arzt und das Personal darauf aufmerksam machen können.

Fall C: Richtig zuhören

Richtig zuhören: die Grundlage für jedes respektvolle Gespräch.
Bild Pixabay

Fall: Eine Patientin erklärt ihrem Hausarzt, dass sie das hormonelle Verhütungsmittel abgesetzt habe und künftig auf natürliche Weise – mit der Temperatur-Messmethode – verhüten wolle. Der Arzt kann partout nicht verstehen, weshalb sie kein hormonelles Verhütungsmittel mehr verwenden will. Er glaubt bis zum Schluss, dass sie schwanger werden möchte, obwohl sie das gar nicht will.

Axa: Wir empfehlen der Patientin, darauf zu bestehen, dass alle Fragen geklärt worden sind. Der Arzt hat hier nicht nach dem Warum zu fragen, sondern muss das Wie beantworten.

Tapernoux: Der Arzt sollte an dieser Stelle nicht seiner Verwunderung über den Wunsch nach Änderung Ausdruck geben, sondern die Patientin über Vor- und Nachteile von beiden Verhütungsmethoden aufklären. In letzter Zeit sind vermehrt auf verschiedenen Ebenen Nebenwirkungen der Pille als Verhütungsmittel bekannt geworden. Diese gilt es gegenüber der höheren Sicherheit der Verhütung aufzuzeigen. Weiter ist es sehr wichtig zu erwähnen, dass Verhütung nicht nur ein Frauen-, sondern auch ein Männerthema ist. Den Männern sollte aufgezeigt werden, welche Nebenwirkungen eine Frau bei der Einnahme der Pille erleiden kann. 

Fall D: Ist Humor erlaubt?

Fall: Ein Kind im Primarschulalter leidet jeden Winter ein- oder mehrmals unter einer Mittelohrentzündung. Bei einem Arztbesuch diagnostiziert der Arzt (einmal mehr): starke Mittelohrentzündung. Die Mutter fragt: Ist das sehr schlimm? Der Arzt antwortet: Schlimm wäre, wenn wir Hochwasser hätten und hier alles unter Wasser stehen würde.

Axa: Gerade im Zusammenhang mit einer Krankheit ist es schwierig, humorvoll zu sein. Hier kann die Mutter den Arzt bitten, sachlich zu bleiben. Auch sollte sie hartnäckig sein, bis ihre Fragen beantwortet sind. Allenfalls kann es in einem solchen Fall auch sinnvoll sein, eine Zweitmeinung einzuholen.

Tapernoux: In Bezug auf Kinder ist es noch wichtiger, dass der Arzt Einfühlungsvermögen zeigen kann. Das Empfinden anzusprechen, nicht ernst genommen zu werden, ist hier wahrscheinlich sinnvoll – ebenso das Einholen einer fachärztlichen Zweitmeinung bezüglich der Hintergründe der wiederholten Entzündungen.

Fall E: Auf Vorbehalte eingehen

Fall: Eine Patientin kriegt verschiedene Medikamente, darunter einen Immunsuppressor. Gegen diesen äussert die Patientin Vorbehalte. Der Arzt geht aber gar nicht darauf ein.

Axa: Ein Arzt, der in einem solchen Fall einen Patienten mit seinen Fragen und Befürchtungen alleine lässt, handelt nicht nur fahrlässig, sondern macht sich unter Umständen sogar angreifbar für haftpflichtrechtliche Konsequenzen. Auch hier kann eine Zweitmeinung sinnvoll sein.

Tapernoux: Es lohnt sich für die Behandlung immer, wenn der Arzt auch nur ein paar Minuten für Erklärungen aufwendet. So verstehen die Patienten viel besser, wozu ein Mittel eingenommen werden soll. Eine Erklärung des Arztes ist hier sehr wichtig, weil diese die Wahrscheinlichkeit vergrössert, dass der Patient die Medikamente einnimmt. Die selbstständige Dosierungsänderung eines Medikamentes ist nur dann angebracht, wenn die Patientin genau weiss, aus welchem Grund sie es einnimmt und wenn es nicht grundlegend ist für die Aufrechterhaltung der körperlichen Funktionen. Blutverdünner zum Beispiel dürfen nicht selbst abgesetzt werden, die Reduktion von Schmerzmitteln hingegen kann eine Patientin meist in nicht zu grossen Schritten selbstständig vornehmen.  

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