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Im Kundertriet lässt der Biber die Späne fliegen

Im Kundertriet lässt der Biber die Späne fliegen

Biber bekommt man selten zu Gesicht. Dafür sieht man jetzt ihre Spuren umso besser. So auch in der Umgebung des Escherkanals. Dort hat ein Biber in den letzten Wochen für reichlich Holzschlag gesorgt.

Südostschweiz
vor 3 Monaten in
Aus dem Leben

von Monica Marti*

Nördlich von Mollis, beim Kundertriet, liegen kreuz und quer umgestürzte Bäume. Manche brachte der schwere Schnee zu Fall. Bei anderen verrät der glatte Schnitt den Einsatz einer Motorsäge. Ob so viel Holz am Boden könnte man das Werk von Meister Bockert fast übersehen. Doch seine Spuren sind unverkennbar. Die vom Biber bearbeiteten Bäume stehen und liegen unten am Damm, direkt am Ufer des dort vorbei fliessenden Rütelibachs. Das erstaunt nicht, denn der gute Schwimmer und Taucher wagt sich selten mehr als ein paar Meter vom schützenden Wasser weg. Zudem erleichtern Bäche und Flüsse dem an Land eher plumpen Tier das Vorwärtskommen.

Holzbildhauer mit Biss

Biber sind vorwiegend nachtaktiv. Bei Kälte bleiben sie aber die meiste Zeit ihn ihrem Bau. Begegnungen mit ihnen sind Glückssache. «Am Escherkanal ist vermutlich ein Einzeltier am Holzen. Vielleicht auch ein Paar», vermutet Wildhüter Marco Banzer. Aufschluss könnte im nächsten Winter das schweizweite Biber-Monitoring geben. Auch Nachwuchs habe man im Glarnerland noch nicht gesichtet, so Banzer. Der Wildhüter weiss aber, dass sich der ins Ufer gegrabene Biber-Bau weiter nördlich im Naturschutzgebiet befindet.

Und auch am Linthkanal und dessen Hinterwasser seien zwei bis drei Biber tätig. Entlang der Linth zwischen Mollis und Bilten finden sie geeigneten Lebensraum. Besonders viele frische, noch helle Nagespuren entdeckt man zur Zeit aber beim Kundertriet. Da der bis zu 30 Kilogramm schwere Nager nicht klettern kann, kappt er Bäume einige Handbreit über dem Boden, um an die begehrte Rinde zu gelangen. Sie ist im Winter praktisch seine einzige Nahrung.

Als Werkzeug dienen dem Biber beim Fällen seine grossen Nagezähne, mit denen er Holzspan um Holzspan abhobelt. Da er sich dabei um den Baum bewegt, entsteht am Stamm eine sanduhrförmige Frassstelle, die später an der dünnsten Stelle bricht. Biberzähne sind für diese Schwerstarbeit gerüstet: Die Nagezähne wachsen zeitlebens und trotzen so der Abnutzung. Dank Eiseneinlagerungen im Zahnschmelz nutzt sich ihre Aussenseite weniger ab als die Innenseite. So schleifen sich die Nagezähne mit jedem Biss selber nach.

Saisongerechte Speisekarte

Dünne Stämmchen, wie jene am Rütelibach, fällen Biber innert weniger Stunden. Manchmal wagen sich die Nager aber auch an dicke Bäume, deren Stamm ein Mensch mit seinen Armen nicht umfassen kann. An solchen arbeiten sie über Wochen, verkneifen sich aber den letzten Biss. Schliesslich sind es der Wind und die Schwerkraft, die den geschwächten Baum zu Fall zu bringen. Erst wenn dieser sicher am Boden oder im Wasser liegt, tun sich Biber an seiner Rinde und den Knospen gütlich. Doch mit dem Holzschlag ist bald Schluss. In wenigen Wochen stellt Meister Bockert seine Speisekarte auf Sommer um. Dann stehen wieder Mädesüss, Wasserdost, Löwenzahn, Brennnesseln, Brom- und Himbeerblätter und viele andere krautige Pflanzen auf dem Menüplan des Vegetariers. Auch sie sucht der Biber in unmittelbarer Gewässernähe. Nur manchmal locken ihn Äpfel und Feldfrüchte weiter vom Ufer weg. Vor allem Zuckerrüben sind beliebt. Sie werden im Glarnerland aber nicht angebaut. «Bisher mussten keine Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen vergütet werden», lautet denn auch die Auskunft des dafür zuständigen Glarner Jagdverwalters Christoph Jäggi. Jetzt im Winter ist das sowieso kein Thema. Mangels anderem Grünzeug hält sich der Biber nun an Rinde. Und er bevorzugt dabei vor allem Weiden.

Kein Problem mit Biberfrass

Diesen Weichhölzern kann Verbiss wenig anhaben. Als typische «Auen-Bäume» sind Weiden daran angepasst, von Hochwassern umgerissen oder Bibern gefällt zu werden. Ihre Baumstrunke reagieren sofort mit Stockausschlag. Und vom Wasser weggeschwemmte Zweige bilden Wurzeln, sobald sie anderswo anlanden. Zudem schützen sich junge Weidentriebe zwei Jahre lang mit Bitterstoffen gegen erneuten Biberfrass. Bis sie wieder geniessbar sind, muss der Nager an anderen Stellen Nahrung suchen. Das könnte der Grund sein, weshalb der Biber diesen Winter auffallend viele Spuren im Kundertriet hinterlässt. «Vor ein, zwei Jahren war er vor allem im Gebiet Chli Gäsitschachen am Holzen», weiss Banzer. Die rasche Regeneration der Weiden, das Abwandern der Biber bei Nahrungsknappheit, und dass Biber ihre Reviere gegen familienfremde Artgenossen verteidigen, gibt den Bäumen Zeit, sich zu erholen. Biber rotten ihre Nahrungsgrundlage nicht aus. Ihr Werken verändert aber die Landschaft.

Biber bringen Natur zurück

Wo Biber holzen, wachsen Weiden öfter in Form von Gebüschen. Das ist auch für natürliche, unverbaute Flussufer typisch, wo Hochwasser das Aufkommen von hohen Bäumen verunmöglichen. Zudem sorgen Biber mit ihren Umgestaltungen für Dynamik in der Landschaft und erschaffen auf kleinem Raum viele unterschiedliche Lebensräume. Wo sie Bäume in bewaldeten Gebieten wie dem Chli Gäsitschachen fällen, profitieren lichtliebende Pflanzen und wärmeliebende Libellen und Schmetterlinge von den vorübergehenden Lücken in der Vegetation.

Ins Wasser gefallene Äste sind beliebte Verstecke von jungen Bachforellen und Elritzen. Sie dienen aber auch dem prächtig schillernden Eisvogel, der den Fischen auflauert, als willkommene Sitzwarte. Staut der Biber einen Bach, wirkt sich das positiv auf den Grundwasserspiegel aus und es bilden sich feuchte Stellen und Pfützen in Geländemulden. Auf solche Laichplätze ist die bedrohte, in Glarus Nord beheimatete Gelbbauchunke angewiesen. Für den Menschen sind die Umgebungsveränderungen des Bibers gewöhnungsbedürftig und manchmal auch eine Herausforderung. Im Glarnerland kam es bisher aber zu keinen Konflikten mit dem Landschaftsgestalter. Dafür schenkt er hier Erholungssuchenden eine erlebnisreiche Naturlandschaft, wie ein Spaziergang auf dem Escherkanal-Damm eindrücklich zeigt.

*Monica Marti ist Biologin und Co-Leiterin des Naturzentrums Glarnerland.

Mehr zu den Glarner Bibern im Naturzentrum

Das Naturzentrum Glarnerland im Bahnhofgebäude in Glarus öffnet kommenden Dienstag wieder seine Türen für Besucher. Die Ausstellung «Aufgetaucht – die Biber sind wieder da» wurde bis am 29. Mai verlängert. Wer vorher schon mehr über den Biber erfahren will, findet einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung und ein Biber-Märchen für Kinder im Internet unter www.naturzentrumglarnerland.ch. (mma)

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