×

Im unordentlichen Garten fühlen sich die Igel wohl

Claudia Trümpy aus Ennenda hütet vier Igel-Findelkinder, die sich bald in die Freiheit aufmachen sollen. Sie hofft, dass ihr Garten für die Igel so attraktiv ist, dass sie später wieder zu Besuch kommen.

Daniel
Fischli
Dienstag, 04. August 2020, 04:30 Uhr Igel-Findelkinder bald in Freiheit
Claudia Trümpy fasst ihren «Kleinen Dunkeln» nur mit Handschuhen an.
SASI SUBRAMANIAM

Richtige Namen haben sie nicht. Claudia Trümpy und ihre Kinder nennen drei der jungen Igel nach ihrem Aussehen «Grosser», «Kleiner Dunkler» und «Heller». Der vierte Igel ist eine Igelin und heisst «Lady». Seit ein paar Tagen leben die etwa zwei Monate alten Tiere im Garten der Familie Trümpy in Ennenda. Igel sind Wildtiere und ihre Haltung ist deshalb verboten. Die vier Ennendaner Igel sind aber Waisen und damit eine Ausnahme.

Ende Mai haben Angestellte des Kraftwerks Löntsch in Netstal beim Mähen eines Bordes sechs kleine Igel gefunden. Von der Mutter fehlte jede Spur. Als sie bis am Abend nicht mehr auftauchte, wurden die erst ein paar Tage alten Igelchen in einen Karton gepackt und in die Igelstation in Mels gebracht. Ohne Mutter hätten sie wohl die Nacht nicht überlebt. Drei der sechs Geschwister leben nun im Garten der Familie Trümpy, den sie bald verlassen dürfen. Die «Lady» ist aus dem Rheintal zuerst in die Igelstation und dann zu Familie Trümpy gekommen.

Nicht die ersten Pfleglinge

Claudia Trümpy ist gelernte Tierarztgehilfin. Die vier Igel sind nicht ihre ersten Pfleglinge. Sie habe Kätzchen aufgepäppelt, erzählt sie. Und vor vielen Jahren schon einmal drei Igel, die damals in die Tierarztpraxis gebracht worden seien. In ihrem Garten habe es früher immer wieder auch wild lebende Igel gehabt, sagt Trümpy. «Aber seit ein paar Jahren habe ich keine Spuren von ihnen mehr gefunden.» Da sie gerne wieder Igel im Quartier hätte, hat sie sich nach einem Bericht in den «Glarner Nachrichten» über die beherzten Angestellten des Kraftwerks Löntsch bei der Igelstation in Mels gemeldet. Die Igel sind mittlerweile gross genug, dass sie die Igelstation verlassen konnten. Bei Familie Trümpy werden sie an das Leben in Freiheit gewöhnt.

Familie Trümpy hat kurzerhand eine katzensichere Fressstation und ein Igelhaus gezimmert. Und sie hat – was man eigentlich nicht machen sollte, aber in diesem Fall sinnvoll ist – ihren Garten ausbruchssicher gemacht. Igel legen in der Nacht auf Futtersuche kilometerlange Wege zurück. Senkrechte Mäuerchen mit glatten Oberflächen oder engmaschige Gitter sind unüberwindliche Hindernisse, die ihr Territorium einschränken. Die Ennendaner Igelkinder sollen aber den Garten noch ein paar Tage nicht verlassen. Deshalb ist er mit Brettern abgeriegelt worden.

Igelstationen bieten Rat

Pia Albrecht führt die Igelstation in Mels, wo die sechs gefundenen Igelchen von Netstal ihre zwei ersten Lebensmonate verbracht haben. Die Angestellten des Kraftwerks hätten nach dem Fund der Igel sehr vorbildlich gehandelt, sagt Pia Albrecht. Wichtig ist, die Igelchen nicht anzufassen. Wenn die Mutter dann nämlich zurückkommt, nimmt sie wegen des menschlichen Geruches ihre Kinder nicht mehr an. Ein gefundenes Igelnest muss wieder hergestellt und möglichst ungestört gelassen werden, denn aufgeschreckte Igelmütter töten manchmal ihren Nachwuchs. Wenn ein junger oder erwachsener Igel aber Hilfe braucht, soll man, bevor man etwas unternimmt, bei einer Igelstation um Rat fragen.

In der Igelstation Mels finden 43 Igel Platz. Die in Netstal gefundenen sechs Igelchen sind von Hand alle vier Stunden «geschöppelt» worden. «Wie ein Baby», sagt Pia Albrecht. Trotzdem sind zwei der sechs Geschwister gestorben. Ein drittes hatte ein gebrochenes Bein und ist deshalb in der Igelstation geblieben. Ob es in Freiheit überleben kann, ist nicht klar. Nach dem Schoppen haben die Igel pürierte Bananen und dann Katzenfutter bekommen. Vor zwei Monaten wogen die Igelchen etwa 35 Gramm, jetzt bringen sie schon über 500 Gramm auf die Waage. Sie brauchen Reserven, um den nächsten Winter in Freiheit überleben zu können.

Einfach weniger aufräumen

Claudia Trümpy wünscht sich mehr igelfreundliche Gärten im Glarnerland. «Es ist ganz einfach», sagt sie. «Man muss einfach weniger aufräumen.» Denn in Ast- und Laubhaufen finden Igel Nahrung und Unterschlupf. Im Garten der Familie Trümpy wachsen einheimische Pflanzen und manches darf unordentlich wuchern. Und es fährt kein gefährlicher Rasenmähroboter herum.

Noch in dieser Woche wird Claudia Trümpy die Bretter um ihren Garten entfernen. Die Igel können sich dann auf Wanderschaft begeben. «Ich bin gespannt, ob es im Frühling junge Igelchen gibt», sagt Claudia Trümpy.

Kommentar schreiben

Kommentar senden