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«Die Angst ist in der Erziehung ein Tabuthema»

Der Schulstart kann Kindern Angst bereiten. Die auf Kinderängste spezialisierte Karin Zink aus Benken sagt, dass die Unsicherheiten der Erwachsenen solche Ängste fördern können.

Fabio
Wyss
Dienstag, 12. Mai 2020, 20:28 Uhr Wiederbeginn der Schulen
Ab heute heisst es wieder: Schulbank drücken. Während das die einen Kinder freut, kann es anderen auch Angst bereiten.
BILD KEYSTONE

Die in Benken wohnhafte Karin Zink ist spezialisiert auf das Thema Kinderängste. Die Coronakrise im Allgemeinen und insbesondere der heutige Schulstart könnten die Kinder belasten, sagt Zink. Als Psychosoziale Beraterin, langjährige Kindergartenlehrerin und Psychomotorik-Therapeutin gibt sie Tipps, wie Kinder die Angst bewältigen können.

Karin Zink, die Angst treibt unsere Gesellschaft in den letzten Wochen um. Wie sieht das bei Kindern aus?

KARIN ZINK: Zurzeit kommen Kinder deswegen in die Beratung. Sie haben teils Angst, rauszugehen wegen einer Ansteckung, oder wachen in der Nacht nach Angstträumen auf. Seit bekannt ist, dass die Schulen öffnen, berichten einige Kinder und Eltern vermehrt von solchen Träumen.

Müsste die heutige Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts nicht für viele Schüler eher ein Freudentag sein?

Das ist ihnen zu wünschen, denn sie sehen wieder ihre Schulkameraden. Bestimmt gibt es aber auch jene, die ängstlich sind, weil ihnen noch nicht alle Regeln der Schule bekannt sind. Zudem gibt es auch bei den Eltern Unklarheiten. In Benken gilt trotz Angrenzung zu den Kantonen Schwyz und Glarus nicht das Gleiche.

Sie sprechen die kantonalen Regelungen zu Halb- und Vollklassen-Unterricht an.

In St. Gallen sind viele Eltern damit nicht so glücklich. Denn die einzelnen Schulgemeinden gehen wiederum den Halbklassen-Unterricht unterschiedlich an. Für meine Kinder in Benken bedeutet das, dass sie jede Woche an anderen Tagen Schule haben. Organisatorisch ist das eine enorme Herausforderung – gerade für Berufstätige oder Alleinerziehende. Dass es jede Woche einen anderen Stundenplan gibt, sorgt für Diskussionen – und Ungewissheit.

Überträgt sich diese Ungewissheit auf die Kinder?

Das kann sehr gut der Fall sein. Wir Eltern sind Vorbilder. Wir sind gewissermassen ein Kompass, den Kinder brauchen, um sich zurechtzufinden. Es kommt also sehr stark darauf an, wie sich die Eltern verhalten. Es gibt viele Faktoren, die nicht förderlich sind für eine angstfreie Entwicklung der Kinder. Zum Beispiel: Hamsterkäufe, Ängste vor einer Erkrankung in der Familie, partnerschaftliche Probleme oder eine finanzielle Notlage.

Was heisst das für Kinder?

Für sie kann es zu einer Belastung werden. Wir Eltern sollten Geborgenheit und Sicherheit geben – ein Anker sein. In einer schwierigen Familiensituation fällt das weg. Dazu fehlen Schulkameraden und Lehrpersonen als wichtige Bezugsperson.

Und eigene Unsicherheiten gilt es auch zu bewältigen.

Genau, gerade wegen des Schulbeginns. Schüler fragen sich, ob sie dem Anspruch an den Schulstoff noch genügen und ob sie mit den anderen Schülern noch mitkommen. Verschärft wird das Ganze, wenn Kinder Familienangehörige haben, die zur Risikogruppe gehören.

Wie manifestiert sich denn die Angst bei Kindern?

Jüngere Kinder, finden die Worte für dieses Gefühl noch nicht. Darum zeigen sie Angst nicht direkt, sondern äussern häufiger, dass sie Bauch- oder Kopfweh hätten. Schlaflosigkeit, Angstträume oder auch aggressives Verhalten sind weitere Anzeichen.

Wenn dieses Verhalten nicht gezeigt wird, ist aber alles gut?

Es gilt auch dann, sich Zeit für das Kind zu nehmen, sich mit ihm zu unterhalten und zu fragen, wie es ihm geht. Die einen Kinder stecken die aktuelle Situation einfach besser weg als andere. Bei wiederum anderen könnten sich Probleme erst später herauskristallisieren, wenn der Stressmoment überstanden ist.

Wie können denn Eltern die Angst nehmen?

Eine Kuschelrunde setzt beruhigende Körpergefühle aus, und die Beziehung wird gestärkt. Das Kind bekommt dadurch das Zeichen: Du bist nicht alleine. Weiter kann man das Kind fragen, wie seine Angst aussieht oder wo sich die Angst im Körper zeigt.

Macht es Sinn, eine solche Massnahme zu treffen, gleich nachdem die Eltern gestritten haben – quasi als Ausgleich?

Eher nicht. Man muss Eisen schmieden, wenn sie kalt sind. Sprich, wenn die Sachlage sich beruhigt hat, kann man eher den Zugang wieder finden. Erst dann kann besser auf die Gefühle anderer geachtet werden. Trost muss authentisch sein. Es geht nicht darum, Theater zu spielen, das würden die Kinder merken.

Was machen Sie in der Beratung, um die Angst zu lindern?

Die Angst wird externalisiert. Bei Kindern heisst das, dass die Angst einer Gestalt zugeordnet wird. Man gibt ihr einen Namen oder zeichnet Bilder davon. Wenn das vegetative Nervensystem verrückt spielt und ein Kind Herzrasen hat, können Atemtechniken oder Fantasiereisen ein Kind herunterholen. Das Ziel der Beratung ist, dass das Kind die Angst im Griff hat und nicht die Angst das Kind.

Sie wandeln die Angst also um in gesunden Respekt?

Ich weiss nicht, ob Respekt das richtige Wort ist, oder eher der angemessene Umgang mit der Angst.

Aber gehört es zum Erwachsenwerden nicht einfach auch dazu, Ängste zu haben?

Es gibt entwicklungsbedingte Ängste, die sind ganz normal: wie die Angst vor Dunkelheit oder einem angeblichen Monster unter dem Bett. Diese sollten dennoch nicht kleingeredet werden.

Haben Sie denn aktuell viele Beratungen?

Die Nachfrage blieb in etwa gleich. Möglicherweise zeigt sich eine erhöhte Nachfrage erst nach der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts. Ängste und Unsicherheiten in der Erziehung sind nach wie vor Tabuthemen.

Was passiert, wenn Sie nicht helfen können?

Dann müssen Kinder weiterverwiesen werden zur Kinderpsychologin oder zum Kinderpsychiater. Wenn wegen Corona ein Kind ständig die Hände waschen will, kann das in einem zwanghaften Verhalten enden. Das ist schon eine Stufe zu weit und braucht eine Therapie. Die Beratung sollte verhindern, dass es soweit kommt.

Haben Sie persönlich eigentlich auch Ängste?

Ja, da unterscheide ich mich nicht von anderen. Ich wohne in einem Drei-Generationen-Haus mit meinen Eltern, da macht man sich Gedanken. Ich stelle mich der Angst, aber sie soll nicht meinen Alltag bestimmen. Wenn wir die Vorgaben des Bundes einhalten, sind wir auf einem guten Weg – dem muss man auch vertrauen.

Über Karin Zink: Expertin für Kinderängste.

Zur Person
25 Jahre hat Karin Zink als Kindergarten-Lehrerin und Psychomotorik-Therapeutin mit Kindern gearbeitet. Sie sagt: «Kinder können nicht isoliert betrachtet werden.» Um Kinder ganzheitlich zu erfassen, ist die 48-Jährige nun als Individualpsychologische Beraterin tätig. Dabei nimmt sie sich dem Thema Kinderängste an. Zink wohnt in Benken und ist Mutter zweier Kinder im Primarschulalter. (wyf)

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