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Der Vollblut-Schauspieler

Andrea Zogg hat sein Quarantäne-TV aus Valzeina vorerst beendet. Aber eine Bühne braucht er einfach.

Ruth
Spitzenpfeil
Sonntag, 03. Mai 2020, 04:30 Uhr «Zmorga mit»
Barista-Qualität: Andrea Zogg bei seinem Morgenritual im ehemaligen Pfarrhaus von Valzeina, wo er seit Kurzem wohnt.Bild: Philipp Baer
PHILIPP BAER

Seine Kaffeemaschine, ein exklusives Modell aus der Schwandener Manufaktur Olympia Express, sei das wichtigste für ihn am Morgen, sagt Andrea Zogg. Die müsse auf jeden Fall mit aufs Bild, gibt er gleich zu Beginn unseres Besuchs als Regieanweisung durch. Wir treffen den normalerweise viel beschäftigten Schauspieler in erzwungener Wartestellung zu Hause in Valzeina an. Erst im Januar ist er in das Prättigauer Dorf hoch über Grüsch gezogen – und zwar in das frühere Pfarrhaus. Dass der Frühstückstisch ausser dem in Barista-Qualität zubereiteten Cappuccino leer bleibt, hat einen Grund. Die erste Mahlzeit gebe es bei ihm erst am Mittag. Dieses seit gut zwei Jahren praktizierte Intervallfasten habe dazu geführt, dass er viel abnehmen konnte. So erklärt sich also das deutlich verschlankte Erscheinungsbild des Mimen – früher ein Berg von einem Mann.

Herr Zogg, 2015 der Pfarrer im «Schellenursli», 2019 im «Zwingli» der Chorherr Hofmann, 2020 im Kanzelgespräch in Seewis – und jetzt sitzen wir hier im Pfarrhaus von Valzeina. Werden Sie in reiferen Jahren noch richtig fromm?

Ich weiss nicht, was richtig fromm wäre. Aber eines muss ich sagen: Das Programm «Georg Friedrich Händels Auferstehung», das ich ja immer noch spiele, hat irgendwie Religiosität in mir wieder wachgerüttelt. Durchaus.

Und warum Valzeina?

Wir hatten neben dem Wohnsitz ennet der deutschen Grenze im Klettgau immer auch eine Station in Graubünden. Das war bisher eine kleine Wohnung in meinem Elternhaus in Tamins. Das gibt es jetzt nicht mehr, und da mussten wir uns etwas Neues suchen. Es sollte ein Ort sein mit Ruhe und in der Höhe. Ziemlich schnell sind wir dann hier fündig geworden. Ein Pfarrer hat hier schon lange nicht mehr gewohnt. Die Gemeinde ist mit 134 Einwohnern schlicht zu klein dafür.

Wir müssen natürlich auch über Corona reden. Was sind konkret bei Ihnen die Auswirkungen?

Mein Hauptverdienst dieses Jahr ist weggebrochen. Das ist der momentane Stand der Dinge. Da sind einmal die Drehtage für den «Zürich-Krimi». Zudem hätte ich in einem neuen Kinofilm des Regisseurs Detlev Buck spielen sollen, eine Neuverfilmung des Thomas-Mann-Romans «Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull». Es wäre eine sehr schöne Rolle gewesen: der Hoteldirektor Stürzli in Paris. Als dritter Posten ist mir dann noch die Inszenierung der «Carmen» bei der Gartenoper Langenthal, einem Freilichtspiel im Oberaargau, verloren gegangen. Weil ich das alles am Vorbereiten war, ist dieses Jahr noch kein Franken hereingekommen.

Haben Sie Hilfen beantragt?

Ich habe Erwerbsausfall für Selbstständigerwerbende eingegeben beim Bund, sowie für die ergänzenden Leistungen vom Kanton. Das war vor vier Wochen; noch ohne Antwort. Anderen geht es sicher schlechter. Wir haben finanziell etwas Luft, aber nicht für ewig. Was mir Angst macht, ist nicht der Virus, sondern die Angst der Menschen und was das alles verändern wird. Unsere Gesellschaft macht gerade einen riesigen Schritt in Richtung Autismus.

Mit Autismus haben Sie ja in der Familie Erfahrung. Wie ist das jetzt für Ihren Sohn?

Den können wir im Moment nicht sehen. In dem Heim, in dem er lebt, herrscht Besuchsverbot. Wir skypen einmal pro Woche, meistens mit seinem Betreuer. Er mag das gar nicht. Normalerweise sehen wir ihn von unseren erwachsenen Kindern am meisten.

Sie gehören zu den Künstlern, die in der Krise recht schnell im Internet aktiv geworden sind.

Meine Frau Eva Roselt hatte die Idee für ein Programm auf Youtube schon, bevor wir hier herauf gezogen sind. Sie ist ja gelernte Filmemacherin. Dann kam Corona, und ein Freund schickte uns ein witziges, recht schräges Gedicht zu dem Thema. Da sagten wir, das ist es jetzt. So legten wir los mit «Radio TV Valzeina Prettygau».

«Prettygau» statt Prättigau. Wer hat das erfunden?

Das war Evas Idee. Jeder Touristiker müsste vor Neid erblassen. Tatsächlich haben uns die insgesamt sieben Sendungen ganz schön auf Trab gehalten. Jetzt ist aber genug mit dem Quarantäne-TV. Es begann, sich zu wiederholen. Bald werden wir dann mal etwas machen zum Thema Freiheit. Aber der Start war schon mal gut. Und ich habe halt wieder gemerkt, dass die Schauspielerei, das Auftreten auf einer Bühne, einfach meine Berufung ist. Ich kann gar nicht anders.

Zogg, Jahrgang 1957, wuchs in Tamins auf. Der Vater, Bauunternehmer, Gemeindepräsident und Grossrat, verlangte den Abschluss des Lehrerseminars in Schiers. Danach könne er machen, was er wolle. Und der junge Mann wollte eigentlich nie etwas anderes als Schauspieler werden. Durch die Aufnahmeprüfung sämtlicher Schauspielschulen sei er zwar gerasselt – er sei nicht führbar, hiess es – doch der Einstieg in den Beruf sei dank der vielen freien Truppen damals gar nicht so schwer gewesen. 1981 spielte er noch als Laie in der ersten Produktion der neu gegründeten Freilichtspiele Chur. Gegeben wurde die Komödie «Campiello» von Carlo Goldoni. Mit von der Partie war auch Oliver Krättli, der ihm schliesslich das erste Engagement am damaligen Kleintheater Kramgasse in Bern verschaffte.

Der April vor 30 Jahren. Was ist da passiert?

Das wäre 1990. Ah, da ist mein erster «Tatort» ausgestrahlt worden. Natürlich ein wichtiges Datum für mich. In meinen ersten Berufsjahren habe ich irgendwie immer gedacht, bist du denn überhaupt ein richtiger Schauspieler, du hast ja nie eine Schule gemacht. Der «Tatort» hat mich dann von diesen Selbstzweifeln befreit. Wenn du «Tatort»-Kommissar wirst, dann hast du im deutschen Sprachraum etwas erreicht, dann kannst du so schlecht nicht sein. Am Anfang war ich zwar nur der Assistent von Mathias Gnädinger als Detektivwachtmeister Howald, doch weil der sich laut Drehbuch am Schluss umbringt, war da bereits die Option zum Aufstieg da. Aber bereits in der ersten Folge hatte ich fast doppelt so viele Drehtage wie mein «Chef». Trotzdem konnte ich mich zuerst noch ein bisschen hinter Gnädinger verstecken. Ich hatte nämlich noch kaum Erfahrung im Film; das war dann gleich ein sehr intensives Gesellenstück.

Was hat diese Rolle mit Ihrer Karriere gemacht?

Es war Wahnsinn, was danach abging. Obwohl der Hype um den «Tatort» damals noch nicht so extrem war wie heute. Ich habe immer gesagt, für mich ist die Königsdisziplin das Theater. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich mich immer für die Bühne entscheiden. Der Live-Moment ist mit nichts zu vergleichen. Aber angenehm war es dann schon, was mir der «Tatort» für Türen geöffnet hat.

Nach dem fulminanten Einstieg in die grosse Film- und TV-Welt ging es für Zogg gleich weiter mit Xavier Kollers «Reise der Hoffnung» und damit einem «kleinen Zeh des Oscars», wie er es ausdrückt. Die Serie «Die Direktorin» hatte in der Schweiz eine enorm grosse Beachtung.

Erschrickt man manchmal, wenn man realisiert, wie lange das schon her ist?

Ich hatte noch nie ein Problem mit dem Älterwerden. Ich bin so alt, wie ich bin, und das ist gut so. Im Gegenteil, als ich 50 wurde, empfand ich das sogar als beruhigend. Ich dachte mir, du hast so viel erreicht, was jetzt noch kommt, kann nur eine schöne Zugabe sein.

Als Frau wären Sie in Ihrem Beruf schon längst unsichtbar geworden?

Das stimmt. Bei den Frauen ist das gnadenlos. Bei mir ist noch der Vorteil, dass ich nie der jugendliche Liebhaber war. Früher habe ich ein bisschen darunter gelitten, dass ich immer der ungehobelte Naturbursche sein musste und nie der Romeo. Aber irgendwer sagte zu mir, warte es ab, je älter du wirst, desto besser wird dein Gesicht und du bekommst die Rollen, um die dich die anderen beneiden. Und recht hatte er.

Inzwischen machen Sie auch immer wieder Regie. Also doch nicht immer vorne an der Rampe?

Meine erste Regiearbeit liegt sogar schon 30 Jahre zurück. Und zwar war das die legendäre Inszenierung des Stücks «Schiffbruch» in der Churer Badi Sand. Ich habe das Regieführen nie forciert; es musste immer erst eine Idee da sein, die mich interessierte – wie 1994 Dürrenmatts «Die Panne» in der «Klibühni» in Chur. Mit der Zeit wurde es immer mehr, und schliesslich kamen dann die Anfragen, wie zuletzt für das wunderbare Stück «Willkommen» am Theater am Hechtplatz in Zürich. Da kam ein völlig neues, junges Publikum. Das hat mich total aufgestellt.

Und die Opern?

Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Der Dirigent Gion Gieri Tuor aus Obersaxen hatte ein Alpenmusical im Sinn. Daraus wurde zwar nichts, aber mit Tuor habe ich mich sehr gut verstanden, und so gewann er mich für den «Guglielmo Tell» und die «Carmen».

Wenn Geld keine Rolle spielte, was würden Sie gerne hier machen?

Ich weiss gar nicht, ob ich das sagen soll. Eigentlich müsste ich erst mit den Leuten reden. «Die Orchesterprobe» von Federico Fellini mit der Kammerphilharmonie Graubünden. Keine Ahnung, ob man das hier finanzieren kann. Aber wer weiss. Das wäre eben so eine Zugabe, die das Leben bereithält.

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