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Es sieht fast aus wie Ferien, es sind aber keine Ferien

Die Glarner Schüler und Lehrer lernen gerade, wie Schule auf Distanz funktioniert. Gestern war Tag 1 der Schulschliessung wegen Corona. Ein Augenschein in Oberurnen.

Daniel
Fischli
Dienstag, 17. März 2020, 04:30 Uhr Distance-Learning
Gegen die Langeweile: Zwei Schülerinnen vertreiben sich im Schulhaus in Oberurnen die unfreiwillig freie Zeit.Bild Daniel Fischli

Der Erstklässler singt: «It’s corona-time, it’s corona-time!» Das habe er bei seiner grossen Schwester gehört. Nur gerade vier Schüler sind gestern Vormittag im Schulhaus Oberurnen versammelt, wo sich normalerweise über 160 Schüler vom Kindergärtler bis zur Sechstklässlerin tummeln. Es ist Tag 1 des Corona-Fernunterrichts an den Glarner Schulen.

Am Freitagnachmittag hat der Bundesrat die Schliessung aller Schulen in der Schweiz verfügt. Der Kanton Glarus will aber die Betreuung der Kinder sicherstellen, für die es keine andere Lösung gibt. Deshalb findet in den Kindergärten und Primarschulhäusern ein improvisierter kostenloser Hortbetrieb statt. Denn es ist besonders wichtig, dass die Kinder nicht von ihren Grosseltern beaufsichtigt werden, die in der Regel zu Risikogruppen gehören. Auch die Kinderkrippen und regulären Kinderhorte sind deshalb nicht geschlossen worden.

Der Zivi macht Spiele

Der singende Erstklässler macht mit dem 21-jährigen Zivildienstler Benjamin Habert ein Spiel. Habert und die Lehrerin Stefanie Eckert betreuen ihn und drei Mädchen in einem Klassenzimmer. Auch die Mädchen machen ein Gesellschaftsspiel. Eckert bereitet Lektionen für ihre abwesenden Schüler vor.

Es ist Benjamin Haberts dritte Woche im Zivildienst, und eigentlich wäre er als Assistent im regulären Schulunterricht vorgesehen. Jetzt ist alles anders, sicher bis zu den Frühlingsferien. Und eigentlich rechnen alle damit, dass die Schulen auch nach den Ferien nicht wieder öffnen. Eines der drei Mädchen sagt: «Mir ist langweilig.» Schon am ersten Tag.

Sie sei überrascht, wie wenige Kinder für die Betreuung angemeldet worden seien, sagt die Oberurner Schulleiterin Olivia Galliker. Mehr als zehn würden es auch im Lauf der Woche nicht, sagt sie. Und das ist gut, denn: «Je weniger Kinder hier sind, desto grösser ist die Wirkung der Schulschliessung.» Alle Eltern sind über das Wochenende von den Lehrern ihrer Kinder angerufen worden, und vielen sei es offenbar gelungen, eine Betreuungslösung innerhalb der Familie zu finden. Etwa, dass die älteren Geschwister, die ja auch nicht zur Schule gehen dürfen, auf die jüngeren aufpassten. Oder es hätten sich Eltern untereinander organisiert, sagt Galliker.

Zwei Tage Zeit zum Vorbereiten

Schulleiterin Olivia Galliker hat über das Wochenende nicht viel freie Zeit gehabt. Die Schulschliessung kam überraschend; zuvor hatte sich der Bundesrat wegen des Problems der hütenden Grosseltern dagegen ausgesprochen. «Wir wären froh gewesen, wenn wir etwas mehr Zeit für die Vorbereitung gehabt hätten», sagt Galliker.

Denn die Schüler haben keine Ferien, der Eindruck der vier spielenden Kinder im Klassenzimmer täuscht, sie sollen auch in dieser besonderen Situation ihren Stoff lernen. Sechstklasslehrer Sven Feldmann sitzt deshalb auch an diesem Montagmorgen in seinem Schulzimmer am Computer. Seine ganze Klasse macht dasselbe zu Hause. «Sie sind alle online», sagt Feldmann.

Sven Feldmann arbeitet mit seiner Klasse schon seit dem Beginn des Schuljahres intensiv via Computer. Und er testet ein digitales Französisch-Lehrmittel, was ihm jetzt zugutekommt. Feldmann gibt seinen Schülern online Arbeitsanweisungen, die Ergebnisse kommen online zu ihm zurück. Normalerweise sitzen aber auch Feldmanns Schüler ganz wie alle andern im Schulzimmer. «Es ist schon sehr eigenartig, so alleine im leeren Zimmer zu sein», sagt er. Die Herausforderung sei es, rechtzeitig mitzubekommen, wenn bei einem Schüler Probleme auftauchten. «Live» im Schulzimmer sei das viel einfacher.

Aufträge per Video

Die Lehrer und Lehrerinnen des Kindergartens und der unteren Primarklassen stehen noch vor einer anderen grossen Herausforderung: Wie gibt man einem Kind auf Distanz eine Anweisung, wenn es nicht oder noch kaum lesen kann? Mit einem selbst gemachten und per E-Mail verschickten Filmchen? Jetzt, am Anfang, klappe sicher noch nicht alles reibungslos, sagt Schulleiterin Olivia Galliker. Vieles müsse sich noch einspielen. Sie sei froh, wenn die Eltern dafür Verständnis hätten.

Die Zweitklasslehrerin Margrit Neeracher hat für ihre Schüler einen Wochenplan auf Papier vorbereitet. Die Kinder holen das Material in der Schule ab. Nicht alle auf einmal, sondern gestaffelt, versteht sich. It’s corona-time.

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