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Das Coronavirus zwingt das Glarnerland in die Pause

Ab heute sind die Schulen geschlossen. Im Kantonsspital und in Heimen gilt ein Besuchsverbot. Und in Gastrobetrieben werden nur noch maximal 50 Personen zugelassen. Das «Märchenhotel» musste vorzeitig schliessen.

Martin
Meier
Montag, 16. März 2020, 04:30 Uhr Nach neuen Massnahmen
Kein Wasser? In Netstal füllt ein Ehepaar Wasser in PET-Flaschen ab.

Wie immer läuten in Linthal am Samstag um 11 Uhr die Kirchenglocken den Mittag ein, obwohl da nichts mehr ist wie immer. Im Gegenteil. Am Freitag, dem 13., stellte der Bundesrat die Schweiz auf «Pause» – und damit auch das Glarnerland.

Nichts geht und fährt mehr, vor allem nichts mehr in den Skigebieten. Gähnende Leere dominiert den Parkplatz bei der Braunwaldbahn-Talstation. «Die Gesundheit unserer Gäste, Einwohner und Mitarbeiter liegt uns am Herzen», prangt in der Schalterhalle auf den Bildschirmen. Wegen der Vorgaben des Bundes werde daher die Wintersaison per sofort beendet. Obwohl man sich vor Tagen noch überlegt hat, diese um ein Wochenende zu verlängern.

«Wir sehen keine andere Möglichkeit, als das Skigebiet per sofort zu schliessen», informieren auch die Elmer Sportbahnen ihre Gäste.

Das «Märchenhotel» hat vorzeitig geschlossen

Den Empfehlungen des Bundesrates folgt auch das «Märchenhotel». Der Stolz Braunwalds ist seit gestern geschlossen, eine Woche früher als geplant. «Wir zählen bei Vollbesetzung 160 Gäste, 70 davon sind Kinder», erklärt Hoteldirektor Patric Vogel den Entscheid. «Da können wir unseren Betrieb einfach nicht mehr aufrechterhalten.» Zudem haben die Vorschriften des Bundesrats eine Stornierungswelle ausgelöst.

Wie hoch sich der Schaden summiert, kann «Märchenhotel»-Direktor Patric Vogel noch nicht sagen. «Aber so viel: Ein Hotel kostet Geld. Schliesslich beschäftigen wir 45 Mitarbeiter.» Wegen der Ausbreitung des Coronavirus’ beendete am Freitag auch das Berghotel «Bischofalp» ob Elm die Saison.

Konzerte verschoben oder entschädigungslos abgesagt

Den Schaden haben allerdings noch andere: Auf Facebook meldet sich die Glarner Stimme des Männerchors «Heimweh» zu Wort: «Aktueller Stand (März) für meine Einzelfirma», schreibt da Markus Stadelmann. «Drei Konzerte verschoben, zwei Konzerte, zwei Eventmoderationen und eine Tagungsmoderation abgesagt. Entschädigungslos.» Da fände er es irgendwie noch toll, wenn man dies ergänzen könnte mit: «Miete, Krankenkassenprämien und weitere wiederkehrende Kosten bezahlen – ersatzlos abgesagt.»

Auch das Beizen-Festival in Glarus findet nicht statt

Von den Verordnungen des Bundes ist vor allem die Unterhaltungsbranche finanziell stark betroffen. So kann Sänger Marc Storace, mit der Rockband Krokus für den Prix Walo nominiert, im Güterschuppen Glarus mit den Livestrings auch nicht auftreten. «Das Coronavirus hat auch der Konzertreihe ‘Gleis1’ den Stecker gezogen», teilt Mitorganisator Martin Huber mit. Doch damit nicht genug: Auf den 28. November verschoben wird auch das Beizen-Festival «Glarus Live», das Ende März stattfinden sollte. Natürlich seien da die engagierten Bands enttäusch», meint Organisator Ivo Helbling. «Doch die Gesundheit der Bevölkerung geht vor.»

In Schwierigkeiten sind auch die Restaurations- und Barbetriebe, die im Maximum noch 50 Personen aufnehmen dürfen. Dies auch nur, wenn sie die Empfehlungen des Bundes einhalten. So müssen nebst der Hygiene pro anwesende Person jederzeit mehr als vier Quadratmeter Aufenthaltsfläche zur Verfügung stehen. «Wenn jetzt auch noch die Erstkommunions-Essen abgesagt würden, können wir einpacken», meint ein Glarner Wirt.

In verschiedenen Kirchgemeinden findet der erste Empfang des Sakraments schon jetzt nicht am Weissen Sonntag statt. Zudem sind im Bistum Sitten alle für diesen Frühling geplanten Firmungen verschoben.

Am Eingang zu den Kirchen stehen auch schon Behälter mit Desinfektionsmittel. Weihwasser wird nicht mehr offen angeboten. Die Fastensuppe, das Alters- und Spaghettiessen hat die katholische Kirchgemeinde Glarus Süd abgesagt.

Sogar Trinkwasser wird gehamstert

Die Schweiz und das Glarnerland machen Pause, die Sonne tat das am Sonntag nicht. Trotzdem waren die S-Bahnen, die im Endbahnhof Linthal ankamen, Geisterzüge. Letzte Passagiere stiegen bei der Braunwaldbahn-Station aus. Eine Frau im mittleren Alter telefonierte: «Doch. Die Klubschule der Migros hat bis am 4. April geschlossen.» Das Schwimmen der Gewerkschaft sei auch abgesagt.

Tobias, der Berner, ist froh, dass wenigstens die Standseilbahn noch fährt. Damit hat er nicht gerechnet. Gerechnet hat er mit einem anderthalbstündigen Fussmarsch hinauf nach Braunwald, ins Ferienhaus seines Freundes. Das gewünschte Mehl hat er allerdings nicht dabei. «Es war im Spar ausverkauft», sagt Tobias. «Ein Mitarbeiter hat mir gesagt, dass einer den ganzen Bestand aufgekauft hat.»

Beim Einkaufen scheint die Solidarität vielerorts aufgehört zu haben. Man sieht es den leeren Ladenregalen an. Was häufig fehlt, ist nicht nur Mehl. Mangelware sind auch Eier oder zum Beispiel Toilettenpapier.

Und der Hamster-Wahnsinn macht vor (fast) nichts Halt. Nicht einmal vor dem Glarner Trinkwasser, das ein aus Zürich im Auto angereistes älteres Ehepaar mitten in Netstal abfüllt – frisch ab Brunnen in sackweise mitgebrachte Petflaschen.

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