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Der «Glarner des Jahres» ist auf Heimatbesuch

Im Januar ist Jonas Müller von unseren Leserinnen und Lesern deutlich zum «Glarner des Jahres 2019» gewählt worden. Nun ist der Näfelser für vier Wochen aus Indonesien zu Besuch – nicht grundlos.

Paul
Hösli
Freitag, 06. März 2020, 04:30 Uhr Jonas Müller
Wahl-Indonesier: Der «Glarner des Jahres 2019», Jonas Müller. braucht eine Pause und besucht daher für vier Wochen das Glarnerland.
SASI SUBRAMANIAM

Jonas Müller ist wohl das, was man lapidar als Gutmensch bezeichnet. Immer aufgestellt, freundlich und mit einem ansteckenden Lächeln im Gesicht. Seit vier Jahren engagiert er sich im Archipel Raja Ampat in Indonesien für Kinder als Umweltlehrer. Er bringt ihnen bei, welchen Fisch sie essen sollen und welchen nicht, wie man mit Abfall umgeht und vieles mehr. Es ist zu seiner Lebensaufgabe geworden, welche er mit viel Herzblut ausführt.

Nun ist der Näfelser für vier Wochen auf Heimatbesuch. «Ich benötigte eine Pause, ich war speziell im mentalen Bereich sehr müde», erzählt der 29-Jährige. Im Inselparadies engagiert sich Jonas Müller 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr für «seine» Kinder. «Dort gibt es für mich jeweils keinen Feierabend oder Wochenende», erzählt der «Glarner des Jahres». Er habe nun schlicht Abstand vom Ganzen gebraucht, erzählt er weiter. «Nicht von den Kindern per se, aber vom rundherum», möchte er noch festhalten.

Auf ein Glarner Bier

Der Heimatbesuch kommt auch der Redaktion der «Glarner Nachrichten» entgegen, denn so konnte Jonas Müller seinen Preis für die Wahl zum «Glarner des Jahres» in Empfang nehmen. Eine Schiefertafel mit Gravur. «Ich denke, ich werde sie nicht mit nach Indonesien mitnehmen», erzählt er und lacht. Sie werde in seinem Elternhaus in Näfels ein Plätzchen finden.

In seiner Wahlheimat Indonesien würden sich die Leute für solche Sachen sowieso weniger interessieren. «Obwohl: Einige haben dank Facebook mitbekommen, dass ich diese Wahl gewonnen habe. Aber sie können es natürlich nicht richtig einschätzen», erklärt Müller. «Das Einzige, was die Inselbewohner verwirrte, war die Tatsache, dass ich diesen Preis gewann, obwohl ich nicht mehr in der Schweiz wohne.»

Auf der faulen Haut wird Jonas Müller während seines Heimatbesuchs nicht liegen. «Ich werde von hier aus arbeiten, primär sind das administrative Arbeiten.» Dank Internet bleibt er mit Raja Ampat in Kontakt, vor Ort wird eine Indonesierin mit Schweizer Wurzeln während seiner Abwesenheit die Geschicke leiten. «Früher hätte ich kaum solange fernbleiben können. Mittlerweile funktioniert das aber recht gut», so Müller. Geniessen wolle er während seines Aufenthaltes hier in erster Linie die Vorzüge der Schweiz. «Wie einfach nur den Wasserhahn aufdrehen und das warme Wasser geniessen, ein gutes Glas Wein oder mit Freunden ein Glarner Bier trinken.»

Tränenreicher Abschied

Trotz der mentalen Erschöpfung sei Jonas Müller der Abschied aus Raja Ampat nicht leicht gefallen. «Die Schüler haben mich mit einem Lied verabschiedet, einige haben geweint.» Das ging auch dem Näfelser nahe. Speziell da sich kurz vor seiner Reise in die Schweiz noch ein Zwischenfall ereignet habe. Ein elfjähriger Junge ist von einem Baum gestürzt und hat sich einen offenen Armbruch zugezogen. «Elle und Speiche waren komplett durch», erzählt Müller. Auch deshalb wolle er in Zukunft unbedingt noch einen Erste-Hilfe-Kurs oder Ähnliches besuchen, um seine Kenntnisse aufzufrischen.

«Ich brauchte eine Pause, ich war speziell im mentalen Bereich sehr müde»

In dem kleinen Dorf Sawinggrai auf der Insel Gam gibt es keine Ärzte. Wenn sich jemand verletze, gehe man zu einem Schamanen, erzählt Jonas Müller. Diese haben zwar medizinische Kenntnisse, in erster Linie wird aber versucht, die Verletzung mit spirituellen Ritualen zu behandeln. Bei einem offenen Armbruch funktioniert das nicht. Die Eltern des Jungen hätten aber auf den Besuch beim Schamanen beharrt. So ergriff Müller selber die Initiative und brachte den Jungen zum Röntgen per Boot in die fünf Stunden entfernte Stadt Sorong.

Die Eltern seien zwar später auch im Spital aufgetaucht, hätten aber mit dem Ganzen nicht viel anfangen können. «Sie sind nach etwa vier Stunden wieder gegangen, weil sie müde waren», erzählt Müller. Ohne gross auf die Bedürfnisse des Jungen einzugehen, sie hätten ihn nicht gefragt, ob er Hunger oder Schmerzen habe. «Es ist einfach eine andere Welt dort und die Beziehung von den Eltern zu den Kinder nicht ansatzweise mit der Schweiz vergleichbar. Den Eltern dort ist das Wohlergehen der Kinder fast schon gleichgültig», sagt Jonas Müller nachdenklich. «Der Vater sagte bloss, es ist ja nur ein Arm.»

Schamanen als Lebensretter

Um dem Jungen beizustehen, habe er die erste Nacht bei ihm am Spitalbett verbracht. «Er hatte ja sonst niemanden.» Es gehe ihm aber erstaunlich gut, wie er über Videotelefonie erfahren habe. Dennoch sei eine Operation unumgänglich, der Bruch völlig verschoben. «Ich bin nun mit einem anderen Schamanen vor Ort in Kontakt. Er ist auf meiner Seite und versucht nun, die Eltern von der nötigen Operation zu überzeugen», sagt Jonas Müller.

Über Schamanen schlecht reden will er aber keinesfalls. «Sie haben mir das Leben gerettet.» Bei seinem ersten Aufenthalt auf Raja Ampat, er besuchte das Archipel 2014 zum Tauchen, sei er von einem giftigen Fisch gestochen worden, erzählt Müller: «Das ist von diesem Exemplar eigentlich tödlich. Es gibt keinen überlieferten Fall von jemandem, der das überlebt hat.» Ausser Jonas Müller. «Die Schamanen haben mich mit Feuerritualen und verschiedenen Pflanzen behandelt.» Mit Erfolg, obwohl er den Zeh amputieren lassen musste. «Damit kann ich leben», sagt er mit einem Lächeln.

Grosser Dank dem Glarnerland

Dies sei aber nicht der Grund, weshalb er sein Herz an Raja Ampat verloren habe, «vielleicht ein bisschen», so Müller. Es sind die Kinder, für welche er auch den Verein Child Aid Papua gegründet hat. «Es ist grösstenteils ein Glarner Verein, und auch dank diesem und der Unterstützung aus dem Glarnerland gibt es die neue Umweltschule in Sawinggrai.» Jonas Müller ist den Glarnern dafür sehr dankbar, wie auch dem Rotary Club, welcher dem Verein 15 000 Franken für Schulbücher gespendet hat.

Am 20. März findet die Hauptversammlung des Vereins statt. «Das war eigentlich nicht geplant, aber da ich schon auf Heimatbesuch bin, macht es Sinn», erklärt Müller. Ende März, der Flug ist noch nicht gebucht, begibt er sich wieder in seine Wahlheimat. Rund 40 Stunden dauert die Rückreise. Bis dahin wird Jonas Müller noch die Vorzüge hier geniessen. «Letztlich freue ich mich aber auf die Rückkehr, denn mein Herz ist in Raja Ampat.» Und auch «seine» Kinder werden bei der Rückkehr bestimmt ein Lächeln im Gesicht haben. Nicht umsonst nennen ihn die meisten Kaka Jonas, was so viel wie grosser Bruder heisst. Einige nennen ihn auch Papa Guru, was Lehrer bedeutet. «Für viele bin ich aber so etwas wie der Ersatzvater», sagt Jonas Müller.

 

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