Vom «Bistrostuhl» zum «Monobloc»
Dafi Kühne ist grafischer Künstler. Seit zehn Jahren betreibt er in Näfels ein Atelier. In diesem lässt er sich über die Schulter schauen. Dabei zeigt er, wie sich ein analog hergestelltes Plakat zum Kunstwerk entwickeln kann.
Dafi Kühne ist grafischer Künstler. Seit zehn Jahren betreibt er in Näfels ein Atelier. In diesem lässt er sich über die Schulter schauen. Dabei zeigt er, wie sich ein analog hergestelltes Plakat zum Kunstwerk entwickeln kann.
von Sabine Tschudi
Freundlich empfängt mich Kühne in seinem grosszügigen Atelier. Ein imposanter Arbeitstisch, allerhand währschafte Maschinen und diverse Drucksätze wecken sofort die Assoziation zu solider Handwerksarbeit. Kühnes derzeitiger Auftraggeber ist Architekturprofessor an der ETH-Zürich und nimmt an einer Ausstellung in Paris teil.
Thema: «Koloniale Spuren nachverfolgen». Er nimmt diese Spur mit dem weltweit einst meistverkauften Stuhl auf. «Thonet Nr. 4» heisst er, bekannt ist er auch als «Bistrostuhl». Und er geht ihr nach bis zum heute meistverkauften Stuhl; dem «Monobloc», einem Ergebnis der ehemals modernen Spritzgusstechnik.
«Meine Aufgabe ist es nun, ein Plakat zu gestalten, das von diesem Prozess erzählt», erläutert Kühne die Ausgangslage für seine Arbeit. Um dies zu illustrieren, führt er mich an seinen Computer. Denn: «Dieser Entstehungsprozess verläuft auch bei mir ganz oft digital», bemerkt er.
«Ein ganz normaler Prozess»
Meistens brauche es auch ein bis zwei Tage Recherchearbeit, führt Kühne aus. «Dabei stelle ich mir geeignete Fragen und arbeite mich so in die Materie ein.» Danach beschäftige ihn das «Wie»; welche Formen, welche Farben wie miteinander verwoben, wie all die eruierten Informationen zu einer schlüssigen Essenz eingedampft und für den Betrachter visuell erschlossen werden sollen.
«Nach dem Skizzieren und Visualisieren bespreche ich mich mit dem Auftraggeber», erklärt Kühne. Neben der digitalen Ausführung gibt es immer auch ein Muster aus Papier. Denn es mache nach wie vor einen Unterschied, sagt Kühne, «wenn der taktile Moment auch einbezogen wird».
In diesem Fall hätten sich fünf weitere Varianten ergeben. Diese denkt er noch einmal durch und verarbeitet das. Am nächsten Morgen fällt dann die Entscheidung für die vorläufig endgültige Ausführung. «Bis hierhin ist es ein ganz normaler Entstehungsprozess, den jeder Gestalter durchläuft», bemerkt er.
Ein Plakat wird weltweit gezeigt
Im Lauf der Zeit habe sich gezeigt, dass sein Anspruch bezüglich Qualität eher ein Publikum mit künstlerischer Ausrichtung anspreche. Das bedeutet für Kühne eher kleinere Auflagen. Er versuche, die Aussagen mit den Stilmitteln der bildlichen Gestaltung und der Typografie zu transportieren.
«Meinen Antrieb könnte man auch als eher ideell denn kommerziell bezeichnen.» Jedenfalls freute es ihn sehr, als eines seiner Plakate von einer Jury in New York ausgewählt und weltweit in Ausstellungen an verschiedenen Orten gezeigt wurde.
Kühne geht zum grossen Arbeitstisch, auf dem ein grosses Stück Linoleum und seine Werkzeuge bereit liegen. Er paust den «Monoblock» ab und schneidet die Konturen mit speziellen Stechbeuteln aus. In einem weiteren Schritt wird auf die Farbwalze weisse Farbe aufgetragen.
Die Linoleumvorlage wird mit feinjustierbaren Schliesswerkzeugen positioniert und arretiert. Jetzt müssen die farbigen Papierbögen ganz genau gelegt werden. Erneut ist Millimeterarbeit gefordert, damit der «Monobloc» richtig platziert auf das Plakat kommt.
«Es braucht mehr Druck»
Ein erster Durchgang. Kritisch prüft Kühne das Ergebnis und ist noch nicht zufrieden mit der Sattheit der Farbe. «Es braucht noch mehr Druck vom Druckzylinder aufs Papier», stellt er fest. Deshalb wird der Bogen gleich genutzt, um die Druckvorlage ein oder zwei Zehntelmillimeter näher unter die Walze zu bringen.
Beim dritten Durchgang ist er endlich zufrieden mit der Sattheit der weissen Farbe. Inzwischen kommt ein Anruf seines Auftraggebers. Ob Kühne nicht noch das Geflecht des Bistrostuhls irgendwie kenntlich machen könne, lautet der Wunsch.
Kühne schluckt zweimal leer. «Das sind dann so die kleinen Überraschungen, die es ausmachen, dass die Endfassung doch nicht die letzte ist», sagt er lachend.
Dann setzt er sich sogleich vor den PC, um den Kundenwunsch umzusetzen. Nach einer dreiviertel Stunde Arbeit und der Rücksprache mit dem Kunden sind dieser und Kühne hoch zufrieden. Die Intervention hat sich als hilfreicher Input herausgestellt.
«Digital wäre das ein Klacks»
«Dieses Herantasten an die bestmögliche Darstellung ist ein Prozess, der mich immer wieder aufs Neue fasziniert», schwärmt er. Der Linoleumschnitt für den Bistrostuhl werde nun zwar um einiges komplizierter. Aber diese Arbeit lohne sich für das beste Ergebnis, meint er.
Der erste Druckvorgang kann in Serie gehen, die 50 Plakate durchlaufen den ersten Druckvorgang. Sein Assistent nimmt die gedruckten Plakate ab und legt sie in eine spezielle Gittervorrichtung für die Trocknung.
Im zweiten Durchgang wird der «Monoblock» orange; das heisst, die Walze wird penibel gesäubert und mit dem genau abgestimmten orangen Farbton eingefärbt.
Inzwischen hat Kühne den Linolschnitt für den Bistrostuhl in Angriff genommen. Die ganze Prozedur wiederholt sich nun mit dem überlappend liegenden Bistrostuhl, bis am Schluss die Schriftzüge folgen und das Plakat endlich fertig vorliegt.
«Tja, digital wäre das ein Klacks», sagt er lachend. Aber es sei wie mit der elektronischen Musik; für sein Empfinden zu glatt mit zu wenig Leben. «Mich fasziniert beim analogen Drucken die Perfektion des Unperfekten.»
Denn schliesslich seien wir Menschen auch perfekt in unserer ganzen Unperfektheit, meint er abschliessend.
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