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«Es ist eine Glarner Schule»

Jonas Müller ist der «Glarner des Jahres 2019». Seine Wahl fiel deutlich aus, worüber sich der Näfelser sehr freut. Die grösste Motivation des Umweltlehrers in Indonesien ist das Fördern und Fordern der Kinder.

Paul
Hösli
Mittwoch, 15. Januar 2020, 04:30 Uhr Glarner des Jahres
Glarner des Jahres: Entwicklungshelfer Jonas Müller freut sich über die Auszeichnung.
PRESSEBILD

Seit 2015 lebt und arbeitet Jonas Müller auf einer kleinen indonesischen Insel. Sein grösstes Projekt ist eine Umweltschule. Diese wurde im August 2019 eröffnet, auch dank vieler Spendengelder aus dem Glarnerland. Die Schule bietet rund 2000 Kindern und Jugendlichen aus der ganzen Region Zugang zu Bildung. Der Entwicklungshelfer ist mit Herz und Seele in Indonesien tätig, und sein Verein Child Aid Papua sorgt vor Ort allgemein für eine bessere Lebensqualität.

Jonas Müller, herzliche Gratulation, Sie sind der Glarner des Jahres 2019. Wie fühlen Sie sich dabei?

Ich musste über meine Nomination schmunzeln, es hat mich überrascht. Es ist eine sehr schöne Auszeichnung, ich fühle mich geehrt. Ich wurde von den Glarnern gewählt, obwohl ich am anderen Ende der Welt lebe. Mit dem Sieg habe ich nicht gerechnet.

Die Wahl war relativ deutlich. Worauf führen Sie dies zurück?

Schwierig zu sagen. Ich glaube, was den Glarnern an mir gefällt, ist, dass ich bodenständig, aber dennoch visionär bin. Ich besitze die Fähigkeit, Menschen zu inspirieren. Das ist es auch, was das Glarnerland verkörpert. Ein bodenständiger, aber gleichwohl visionärer Kanton, der mutige Entscheide fällt und andere inspiriert.

Für wen hätten Sie gestimmt?

Kartika Versteden. Ich finde diese Geste mit den Steinen wahnsinnig schön. Aber jeder Nominierte hat etwas Besonderes geleistet. Ich möchte allen gratulieren, es hätte jeder verdient.

Eine solche Auszeichnung ist sicher auch motivierend für Sie?

Die Motivation für mich sind letztlich die Fortschritte der Kinder und die Dankbarkeit, die ich zurückbekomme. Es ist aber umso schöner, wenn man Unterstützung aus der Heimat geniessen darf. Ein ganz grosses Dankeschön an die Glarner.

Ist die Wahl auch eine Genugtuung, das Richtige zu machen?

Ob wir die Arbeit hier richtig machen oder nicht, darf nicht von einer Auszeichnung aus der Schweiz abhängig sein. Dafür müssen andere Indizien ausschlaggebend sein. Rückhalt aus der Heimat zu haben, ist jedoch sehr bereichernd.

Es gingen viele Spenden aus dem Kanton für Ihre Umweltschule ein.

Sicher 85 Prozent aller Spendengelder kommen aus dem Glarnerland, das freut uns natürlich extrem. Man darf also durchaus sagen, es ist eine Glarner Umweltschule hier in Westpapua. Da darf sich jeder Glarner eine kleine Scheibe abschneiden (lacht). Die Schule wäre ohne sie nicht zustande gekommen. Dank dem Glarnerland kommen viele Kinder hier in den Genuss unserer Bildungsprojekte.

Hätten Sie vor vier Jahren gedacht, dass es ein solcher Erfolg wird?

Nein. Das Ganze hat sich so entwickelt. Hier bestand ein Bedürfnis nach Bildung, und ich lebte von Anfang an mit den Einheimischen auf Augenhöhe und geniesse dadurch in der Region hohe Akzeptanz. Auch weil ich ihre Sprache spreche. Sehr geholfen haben sicher die Medien aus dem Glarnerland und im Speziellen die Dokumentation «Wasserwelten», die 2018 im Schweizer Fernsehen lief.

Inwiefern geholfen?

Mir war bewusst, ich muss diese Chance nutzen. Jetzt muss ich das Geld auftreiben, um die Umweltschule zu realisieren. Ich wurde oft auf die Dokumentation angesprochen. Zudem hielten wir in der Lintharena im Januar 2019 einen Vortrag, der super besucht war. So hat sich das Puzzle zusammengesetzt, und es entwickelte sich eine positive Eigendynamik.

Macht Sie diese Entwicklung stolz?

Natürlich macht es Freude, dass es so gut läuft. Es ist schön, dass wir die Schule bauen konnten. Gleichzeitig entsteht auch Druck, da wir mehr Schüler haben und dadurch eine grössere Verantwortung tragen. Der Anspruch an die Arbeit ist höher. Es ist wichtig, dass wir den richtigen Umgang mit der Situation finden, und wir sollten auch noch Spass daran haben.

Die Schule war Ihr wichtigstes Projekt. Was folgt als Nächstes?

Eine Schule zu bauen, ist das eine, diese erfolgreich zu führen, etwas anderes. Nun geht es darum, die Kinder zu unterstützen und sie in ihren Stärken zu fördern und zu fordern. Wir bekommen viele Anfragen aus der Region. Es geht darum, unsere Ressourcen und unser Netzwerk richtig zu nutzen, damit weitere Kinder die Möglichkeit bekommen, von unseren Programmen zu profitieren und damit eine bessere Perspektive für die Zukunft erhalten. Die Schule ist ein starkes Fundament, darauf müssen wir nun aufbauen und nachhaltige Arbeit leisten.

«Die Schule wäre ohne die Unterstützung aus dem Glarnerland nicht entstanden.»

Wie sieht ein Tag von Jonas Müller auf Raja Ampat aus?

Sehr unterschiedlich, je nach Wetter. Wir hatten nach einer langen Trockenperiode endlich wieder Regen. Mit Regenwasser ist das Leben hier viel einfacher. Ansonsten muss sich zuerst jemand am Morgen um Wasser kümmern. Dann erledige ich am Vormittag administrative Aufgaben für die Schule und kümmere mich um die Mitarbeiter. Das ist nicht immer so einfach hier, da die Arbeitsmentalität nicht mit jener in der Schweiz vergleichbar ist. Nicht immer haben die Leute Lust zu arbeiten. Logistisch ist es eine grosse Herausforderung.

Wann beginnt der Unterricht?

Der reguläre Start ist um 14 Uhr, meistens sind die Kinder aber bereits um 10 Uhr anwesend und lernen selbstständig. Der Unterricht dauert zwei bis drei Stunden. Dann gibt es eine Pause, und am Abend folgt ein weiterer Unterrichtsblock.

Also nur Schule, kein Fest oder so?

Von diesen gibt es hier eigentlich fast zu viele (lacht). Wenn es ein neues Boot gibt, steigt ein Fest. Es braucht eigentlich für fast alles ein Fest, an welchen gut und gerne 100 Leute anwesend sind. Die wollen ja auch alle verpflegt werden, was logistisch eine weitere Herausforderung ist. Wir haben hier ja keinen Migros oder Coop.

Wie ist Ihr Leben sonst so?

Ich habe ein Zimmer im Schulgebäude, ohne fliessend Wasser, aber mit Strom. Seit Dezember haben wir Solarpanels auf dem Dach. Zuvor gabs nur dann Strom, wenn wir Benzin für Generatoren hatten. Die Panels machen das Leben viel einfacher.

Ein sehr rustikales Leben, vermissen Sie den Schweizer Luxus nicht?

Nein, überhaupt nicht.

Vermissen Sie überhaupt etwas?

Natürlich Familie und Freunde. Manchmal denke ich schon, es wäre jetzt schön, mit Freunden und einem Adler Bräu am See zu sitzen und es lustig zu haben. Das fehlt vielleicht. Auf der anderen Seite vermisse ich die funktionierenden Prozesse der Behörden. In der Schweiz ist das normal, hier ticken die Uhren anders. Es braucht viel Geduld und Verständnis. Und natürlich vermisse ich die Berge, grundsätzlich sind es die simplen Sachen. Wenn mir Luxus etwas bedeuten würde, könnte ich hier nicht leben. Auf Raja Ampat lebt man aber sowieso zeitlos, oft weiss ich nicht einmal, welcher Tag ist. Wochenenden gibt es hier nicht, die Kinder kommen sowieso jeden Tag in die Schule.

Wollen Sie für immer in Indonesien bleiben?

Das weiss ich nicht. Oberste Priorität geniessen derzeit die Entwicklung und die individuelle Förderung der Schüler. Ich sehe es nicht, dass ich in den nächsten fünf Jahren in der Schweiz sesshaft werde. Mein Herz und meine Seele sind momentan in Raja Ampat, und das passt.

Müssen Sie quasi zuerst Ihre Mission beenden.

Ich glaube, diese Mission ist in der Bildung nie beendet. Und speziell an einem Ort wie hier, wo es viele Kinder gibt. Jede Familie hat hier sechs bis sieben Kinder, da geht die Arbeit als Lehrer nie aus.

Was wollen Sie noch erreichen, eine Herzensangelegenheit quasi?

Die individuelle Förderung der Schüler ist das Wichtigste. Die erste Generation der Schüler, als ich vor vier Jahren hierherkam, ist mittlerweile im pubertären Alter. Meine grösste Herzensangelegenheit ist es nun, diese zu unterstützen, damit sie in naher Zukunft einen tollen Job finden. Es kann durchaus passieren, dass ein Praktikum oder ein Aufenthalt im Glarnerland Thema wird. Dies würde eine sorgfältige Planung voraussetzen, denn Raja Ampat und die Schweiz sind zwei komplett verschiedene Welten. Die Kinder sind sehr neugierig, sie wollen alles über die Schweiz wissen. Schweizer zu sein, ist ein Privileg, davon möchte ich so viel wie möglich weitergeben.

«Wenn die Schüler mich jeweils fragen, was in der Schweiz anders ist, lautet meine Antwort: alles.»

Für die Schüler wäre es vermutlich ein Kulturschock.

Wenn sie mich jeweils fragen, was in der Schweiz anders ist, lautet meine Antwort: alles. Falls es zum Thema werden sollte, würde es nur mit ganz wenigen Jugendlichen funktionieren, und nur mit sorgfältiger Betreuung.

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