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Kommentar

Neujahrsvorsätze: Der Fetisch der Disziplinlosen

Gute Vorsätze zum neuen Jahr? Ja ne, is klar...

Claudio
Candinas
Dienstag, 31. Dezember 2019, 04:30 Uhr Neujahresvorsätze: CONTRA
Wollte 5 Kilo abnehmen. Fehlen nur noch 8...
BILD PIXABAY

«Am 1. Januar höri endlich uf raucha», «Dä Summer laufi mit ara top Bikinifigur ir Badi uf», «Im Herbscht nimmi ama Marathon teil, i schwöra». Die Kalenderwoche 52 ist traditionellerweise gespickt mit Sätzen wie diesen. Überall wird eine Litanei der guten Vorsätze heruntergebetet, Frau und Herr Alltagssünder versuchen sich einzureden, im nächsten Jahr doch noch auf den Pfad der Tugend zurückzufinden und die bessere Version ihrer selbst zu werden.

Und hey, eigentlich spricht ja auch gar nichts dagegen, ab und zu an ein paar Stellschrauben zu drehen, an sich zu arbeiten und den Fokus neu zu schärfen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir alle der leidigen Geburtstags-Karten-Floskel «Bliib bitte so wia Du bisch» folgen würden? Nirgendwo kämen wir hin! Verbesserung heisst immer Veränderung. Deshalb ist auch nichts Verwerfliches daran, sich und sein Handeln regelmässig zu hinterfragen und sich immer wieder mal neue Ziele zu stecken. Aber das Jahr hat nicht umsonst 365 Tage. Jede und jeder von uns hat also mindestens 365 Möglichkeiten, Ansichten, Denkweisen und Handlungsmethoden zu verändern und durchzuziehen. Aber nein, wir konzentrieren uns lieber darauf, den Grossteil des Jahres irgendwie unter dem Radar zu fliegen, nirgends aufzufallen und unser Dasein im Schatten von allem und jedem zu fristen. Die Menschheit könnte ja plötzlich noch auf einen aufmerksam werden und bemerken, dass man nicht nur sämtliche guten Vorsätze der letzten Dekade über Bord geworfen hat, sondern auch Alltägliches immer wieder mal schleifen lässt. Akzeptieren wir es doch einfach so wie es ist: Wir Menschen sind ein Volk der Disziplinlosen.

(Ausser mein geschätzter Kollege Oliver Fischer. Der Mann hat Ende 2018 eine Lese-Offensive angekündigt. Er hat sie durchgezogen. Er hat es geschafft. Ihm gebührt mein Respekt! Aber der gute Herr ist schlicht und einfach die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.)

Und dann steht er plötzlich vor der Türe, der 31. Dezember. Deklarierter Todestag der kleinen Laster. Und Ablaufdatum der nicht eingehaltenen Vorsätze des laufenden Jahres. Seid ehrlich zu Euch selbst? Welche Vorsätze habt Ihr Euch fürs Jahr 2019 genommen? Und welche habt Ihr eingehalten? Kein Problem, ich warte...

Machen wir uns doch das Leben nicht unnötig schwer, indem wir uns zum Jahreswechsel einreden, etwas verändern zu wollen, das wir in den letzten 364 Tagen nicht hingekriegt haben. Wir würden beim Pferderennen auch nicht zwingend auf den Gaul setzen, der im letzten Jahr nichts gerissen hat, oder? Konzentrieren wir uns lieber darauf, jeden einzelnen Tag im Jahr ein kleines bisschen besser zu werden, Fehler wenn möglich nur einmal zu machen und vor allem auch alles, was wir noch nicht erreichen (wollen), zu akzeptieren. So können wir am Ende des Jahres auf eine gemütliche, lineare Progression zurückblicken – was im Übrigen einfach auch schöner aussieht als eine Entwicklung die eher dem Kurs einer ultra-volatilen Aktie gleicht.

In diesem Sinne einen guten und sicheren Rutsch ins neue Jahrzehnt!

PS: Übrigens: Neujahrsvorsätze machen niemanden zum schlechteren Menschen - einfach fürs Protokoll.

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