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Mit Handicap in die Ferien

Für Menschen mit Handicap sind Ferien nicht immer eine Erholung. Besonders dann, wenn ein Hotel oder eine Dienstleistung nicht barrierefrei ist. Verbesserungspotenzial besteht nicht ausschliesslich, aber auch in Graubünden.

Bettina
Cadotsch
Montag, 25. November 2019, 04:30 Uhr Barrierefreier Bündner Tourismus
Für Menschen mit Handicap stellen sich vor dem Urlaub viele Fragen. Zum Beispiel: Wie rollstuhlgängig ist das Hotel?
PIXABAY

Ferien gehören in unserer Gesellschaft dazu. Viele zieht es während des Sommers ans Meer, im Herbst in eine Stadt und im Winter auf die Piste. Den grossen Gewinn macht dabei die Tourismusbranche. Diese hinkt jedoch in einem Punkt hinterher: Menschen mit körperlichen Behinderungen stossen im Urlaub immer noch auf Barrieren. Von einem Tourismus für alle – auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, einer Sehbehinderung oder anderen Handicaps – ist noch nicht überall die Rede. Im Fachjargon spricht man von einem Wunsch nach barrierefreiem Tourismus.

Im Kanton Graubünden will die Region Davos Klosters die barrierefreien Angebote im Tourismus erweitern, wie es im Artikel des «Regionaljournals Graubünden» heisst. Dafür hat sie sich mit Markus Böni, Projektleiter von Pro Infirmis, zusammengetan, welcher Hotels als Rollstuhlfahrer erfasst. Auf Anfrage von Radio Südostschweiz erklärte Böni, dass in Davos bereits gute Angebote bestünden, schweizweit sei der Kanton im Mittelmass – also weder voraus noch dahinter.

Wenn man über die Landesgrenzen hinausblickt, gibt es jedoch Unterschiede. «Im Vergleich ist uns beispielsweise Nordamerika voraus. Dies hat mit den Kriegsveteranen und kriegsversehrten Menschen zu tun. Dort musste man es baulich bereits anpassen», so die Erklärung für den Vorsprung auf die Schweiz.

Falsche Gedankenkette

In der Schweiz assoziiert man mit dem Begriff «barrierefreier Tourismus» oft nur Menschen im Rollstuhl. Das Potenzial sei aber grösser. «Die Zugänglichkeit betrifft viel mehr Menschengruppen. Beispielsweise ältere Menschen mit Rollator, Familien mit Kinderwagen oder Menschen mit Gehbehinderungen», so Böni. Auch sie würden von einem barrierefreien Zugang profitieren. Wenn man den demografischen Wandel in Betracht ziehe, werde deutlich, dass die Tourismusbranche daran arbeiten müsse.

Die alten Häuser sind ein Problem

Wenn ein Hotel eine bauliche Veränderung im Haus anpackt, muss auf Barrierefreiheit Rücksicht genommen werden, wie Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden auf Anfrage von Radio Südostschweiz sagte. Mit solchen Massnahmen für Menschen mit Handicap sei mittlerweile jeder Hotelier konfrontiert. Inzwischen habe auch fast jedes Hotel behindertengerechte Zimmer. Wyrsch nimmt die Kritik, dass Verbesserungen nötig und Potenzial vorhanden seien, an. Beispielsweise fehle es in vielen Hotels im Eingangsbereich an Platz, was vor allem auf die alten Gebäude zurückzuführen sei. «Wenn man nicht direkt eine Baumassnahme in die Hand genommen hat, hat man es auf später verschoben. Das staut sich zum Teil ein wenig an.»

Gemäss Markus Böni geht es jedoch nicht nur um bauliche Komponenten, sondern auch um Dienstleistungen, die barrierefrei sein sollten. Zudem müsse man auch das Personal schulen. «Wenn ich eine barrierefreie Dusche habe, die Brause jedoch ganz oben ist, wird es für mich als Rollstuhlfahrer schwierig, sie zu benutzen.» Zum Teil seien es ganz kleine Sachen, die man im Tourismus beachten müsse. Und letztlich liegt es Markus Böni auch am Herzen, dass die Schweiz ihre Bevölkerung als Gesamtheit betrachtet und ein Selbstverständnis entwickelt. «Wir werden nicht gerade als Exoten, aber bestimmt viel mehr beobachtet als in anderen Ländern. Wir sind ein Teil der Gesellschaft und sollten so gut wie möglich integriert sein», sagte Böni mit Bezug zu seinem Handicap. Nur so würden sie weniger in der Gesellschaft auffallen. (can)

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Nicht nur gibt es Defizite der Barrierefreiheit punkto Rollstuhlfahrenden sowie beispielsweise Menschen mit Rollator, Familien mit Kinderwagen oder Menschen mit Gehbehinderungen, sondern das Haupthindernis sehe ich darin, dass Behinderung mit Gehbehinderung gleichgesetzt wird, was den Krankenwesen- bzw. Behindertenzahlen widerspricht.
Beispiel: Die Anzahl Patienten mit Stresserkrankungen wie Herz-/Hirninfarkt, Bluthochdruck, Dauer(kopf)schmerzen, Chronischer Erschöpfung CFS/Vegetative Dystonie (insbesondere ohne Depression) sehe ich leider systematisch exkludiert in derlei Berichten, obwohl die Anzahl Betroffener sogar höher sein dürfte (für oberflächliche Betrachter weniger augenfällig). Als ich vor Jahren Pro Infirmis Chur diesbezüglich anfragte (Schlafen dürfen – statt Dauer(abrupt)lärm beim Wohnen – was die beste Erholung wäre), bekam ich keine Antwort von Pro Infirmis Chur, und als ich beim Hauptsitz in Zürich reklamierte, antwortete das Büro Chur zwar, aber bloss, es gebe eine Liste von Hausverwaltungen, ich solle es dort probieren. Vielen Dank für den warmherzigen und engagierten Einsatz im Dienste Leidender, echt, auf den Tipp wäre ich selbst gekommen.
Was ich von GRF halte, dürfte längst klar sein, aber bei den sogenannten "Sozialen Institutionen" machte ich bisher kaum bessere Erfahrungen.