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Kommentar

Unkreativ kreierte Kreativkolumne

Südostschweiz
Samstag, 02. November 2019, 04:30 Uhr Lexi like ...
PIXABAY

Kreativität gehört laut Duden zu den 10 000 häufigsten Wörtern und bedeutet «schöpferische Kraft, kreatives Vermögen». Oder kurz gesagt: das, was ich im Moment nicht habe.

Kolumnen kann man mal über Politik schreiben, mal über Gesellschaft und manchmal über das Wetter. Aber manchmal, so wie heute, macht man sich auf Recherchearbeit im Internet und sieht einfach nur Katzenvideos. Ausser dem permanenten Newsrauschen –bestehend aus ein bisschen Trump, ein bisschen Brexit, ein bisschen Bachelor und ganz viel Krieg und grausamen Sachen – läuft gefühlt einfach nichts. Zumindest nichts, über das man sich lustig machen könnte, über das ich mich nicht schon lustig gemacht hätte, oder über das ich mich lustig machen möchte.

Während beim Pfnüsel wegen feuchtkaltem Herbstwetter Salbei immer hilft (Credits für diesen Tipp gehen an meinen Vater), gibt es gegen Kreativitätskrisen beim Schreiben kein Medikament. Ich habe mich mit Yoga – sprich mit unelegant aussehenden, nicht suvakonformen Verrenkungen – auf dem Wohnzimmerparkett versucht, Tee geschlürft und den gesamten 20-Minuten-Verlauf einmal durchgescrollt, um herauszufinden, dass Luca Hänni 25 Jahre alt werden musste, um sein erstes Buch überhaupt zu lesen. Das ist zwar tragisch, aber für eine Kolumne ist er dann doch nicht wichtig genug.

Doch nicht nur Schreiberlinge brauchen heutzutage Kreativität. Kreativ sein ist trendy. Und ich liebe Trends. Jede hochtrabend anmutende Stellenausschreibung sucht verzweifelt nach einem vor Kreativität explodierenden Individuum. Vom Projektleiter für Krankenversicherungen über das «Team Member im Multishore Tax Reporting Team»(kreativer Begriff, auch wenn ich keine Ahnung habe, was das heissen soll) bis zum Jungkoch sollten alle doch bitte eine Prise Kreativität mitbringen.

Wenn die Herren und Damen der Personalabteilungen einmal Wikipedia konsultiert hätten, würden sie auf ein bisschen Kreativität wahrscheinlich lieber verzichten. Normalerweise finden Chefs Normen anzweifelnde, selbstbewusste, dominante, ablehnende, wenig verträgliche und als Tüpfelchen auf dem i noch dazu impulsive Angestellte nicht so lässig. Dabei sind das genau die Persönlichkeitsmerkmale einer kreativen Person, wie eine XXL-Analyse gezeigt hat.

Auch nicht so cool fand eine britische Mutter die Kreativität von Lausanner Designstudenten. Diese hatten für Swatch eine Special-Edition-Uhr mit abstrahierten Geschlechtsteilen kreiert. Und ja, anscheinend gibt es Menschen, die dafür noch 125 Franken bezahlen.

Aber Kreativität ist heute ja sowieso der Freipass für fast alles. Ein Zimmer, in dem es aussieht wie in Aleppo, ist ein kreatives Chaos, und Bilder, bei denen jede noch so liebende Mutter zwei Augen zudrücken muss, um die Giraffe zu erkennen, die eigentlich ein Zebra sein sollte, nennen sich kreative Abstraktion.

Meine Goldmedaille für Kreativität geht aber wider Erwarten an den deutschen Gesetzgeber. Der Grund: Mit «Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz», hat er immerhin das längste Deutsche Wort geschaffen. Mir gefällt «Lexilissamstagmorgensüdostschweizglaruskolumne» trotzdem besser. Das hat nur 46 Buchstaben, ist aber für jeden verständlich.

Und da ich jetzt meine 3000 Zeichen trotz anfänglicher Kreativitätskrise geschrieben habe, ist jetzt für mich auch schon wieder Postkolumnenzweiterkafikonfibrötlizeit. En Guete.

Lexi ist das Pseudonym einer 20-jährigen Molliserin, die einen Internetblog in Jugendsprache führt: http://lexilike.blogspot.ch.

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