×

Spurensuche auf Spurweite 1,435 Meter

Das Geheimnis des vergessenen schwarzen Lochs, durch das sich einst die Eisenbahn aufgleiste.

Martin
Meier
Samstag, 02. November 2019, 04:30 Uhr Ein schwarzes Loch
Versteckt im Wald: Das grosse schwarze Loch ist ein Relikt der Schweizer Ostbahn.
MARTIN MEIER

Am Walensee im Glarnerland beim Auenwald im Linthdelta: Prunkvoller als hier präsentiert sich die seltene Heilpflanze hierzulande nirgendwo. Am Fuss der Weisswand züngelt der geschützte Hirschzungenfarn aus dem feuchten Bergwald gar flächendeckend – entgegen der Natur, die pro Standort nur ein paar wenige Pflanzen zulässt.

Der Hirschzungenfarn gilt hier allerdings nicht als einziger Blickfang. Noch höher hinaus als die langen, glatten Blätter ragt etwas von Menschenhand Geschaffenes, etwas Stein auf Stein Geschichtetes – ein mächtiges Portal, das ins dunkle Berginnere führt. Es ist ein grosses schwarzes Loch, das Millionen von Menschen auf die Schienenspur 1435 Millimeter gezogen hat. Es ist ein Relikt der Schweizer Ostbahn, welche bis 1859 in Etappen eröffnet worden ist und am südlichen Ufer des Walensees entlang führte.

Der «Schlosseingang» ist ein Tunnelportal

Der verwunschene «Schlosseingang» ist das 1961 stillgelegte Westportal des 781 Meter langen Weisswand-Ofeneck-Tunnels, das weiter ostwärts heute als Radweg befahren wird. Die vorgelagerte Linthbrücke, die heute von Fussgängern begangen wird, ist die einstige Tunnelzufahrt. Beide Bauwerke hatten 1961 mit der Eröffnung des 3955 Meter langen Kerenzerberg-Doppelspurtunnels ausgedient.

Der stillgelegte Streckenabschnitt zählte zum Schienennetz der Vereinigten Schweizerbahnen (VSB). Diese nahmen unabhängig voneinander ihre Fahrt auf. Als erster Streckenabschnitt wurde am 1. Juli 1858 die Linie Chur–Sargans eröffnet. Am 15. Februar 1859 folgten die Strecken Sargans–Murg und Ziegelbrücke–Weesen, wenig später, am 1. Juli 1959, die Zugsverbindung Murg–Weesen. Vier Tage vor der Eröffnung dieses neuen Bauwerks beschloss der Basler Grossrat, ein altes abzubauen: die Basler Stadtmauer.

In den Streckenabschnitt Murg–Weesen fallen zwischen Mühlehorn und Weesen nebst dem Weisswand-Ofeneck- noch drei weitere, 1961 stillgelegte Eisenbahntunnels. Dabei handelt es sich um den 111 Meter langen Glattwand-, den 86 Meter langen Hechtlenhorn- und den 258 Meter langen Standenhorntunnel, in welche, nach deren Aufweitung, die Walenseestrasse verlegt wurde, die heute noch als nördliche Fahrspur der Autobahn A3 in Betrieb ist.

1969 wurde die Strecke zwischen dem Westportal des Kerenzerbergtunnels und Ziegelbrücke begradigt, wofür die 2013 stillgelegte Station Weesen von der Nordseite des Linthkanals auf die Südseite verlegt, bei Ziegelbrücke eine neue Brücke über den Linthkanal und der Biberlikopftunnel gebaut wurden.

Geschichte schreiben die Eisenbahntunnels nicht nur im Glarnerland: Von über 800 wurden in der Schweiz im Verlaufe der Zeit 200 stillgelegt. Heute gibt es weniger, dafür längere Tunnels. Alleine die Topten bringen es auf 200 Kilometer: mehr als die Luftdistanz von Glarus nach Mailand.

Glarnerland ist ein Tunnelland

Auch das kleine Glarnerland kommt punkto Tunnelkilometer gross heraus: 5760 Meter ist der Kerenzerstrassen-, 3955 Meter der Eisenbahntunnel lang. Macht 9715 Tunnelkilometer. Doch damit nicht genug: Über vier Kilometer misst zudem der Druckstollen des Kraftwerks am Löntsch. 3778 Meter lang ist das Trassee der Tunnel-Standseilbahn des Kraftwerks Linth-Limmern mit ihrem Gefälle von 24 Prozent, nahezu vier Kilometer lang der öffentlich begehbare Verbindungsstollen vom Kalktrittli ins Ochsenstäfeli.

Doch sollte man gar nicht erst anfangen, die einzelnen Stollentunnels des Kraftwerks aufzuführen. Schon gar nicht der Länge nach: Zusammengezählt sind sie nämlich 60 Kilometer lang, mehr als der längste Tunnel der Welt, der Gotthard-Basistunnel.

Doch zurück zum «Schlosseingang» im Gäsi. Wenig östlich des Westportals des Weisswand-Ofenecktunnels entdeckt man noch ein zweites Geschichtsdenkmal – eines der unbekanntesten und abgelegensten: Das 1863 fertig erstellte Wasserstandsdenkmal. Acht Meter hoch trotzt es am Ufer des Walensees gelegen in der Felswand aus schwarzen Marmorplatten. Auf dem Monument sind die jährlichen Höchstwasserstände von 1807 bis 1863 eingetragen.

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Interessanter Artikel.Trotz allem ,können sich noch viele ältere Leute an die Bahnführung dem Biberlikopf entlang an den alten Bahnhof Weesen erinnern .Man hatte dazumal 2 Barrieren mehr nach dem Dorf Weesen.Eine beim Schützenstand +die nächste vor dem Restaurant Bahnhof im Dorf .An die alte Bahnführung die von Weesen übers Riet nach Näfels führte kann ich mich des alters wegen nicht mehr erinnern.Dazumal hatte Niederurnen noch keinen Bahnhof der wurde erst später errichtet.Auch die Barrieren wurden noch von Hand Barrieren Wärterin hochgezogen.