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«Ich verkaufe kein 'Jenseits-Heil'»

David Naef ist Geschäftsführer von Caprez Bestattungen in Chur. Tagtäglich wird er mit dem Thema Tod konfrontiert. Wir wollten von ihm unter anderem wissen, ob er denn als Bestatter weniger Angst vor dem Tod hat, als andere Menschen.

Mara
Michel
Freitag, 01. November 2019, 04:30 Uhr Interview mit einem Bestatter
Bestatter David Naef im Gespräch.
MARCO HARTMANN

Hat sich der Beruf «Bestatter» in den letzten Jahren verändert? Was ist dazugekommen? Was ist weggefallen?

Grundsätzlich sind wir Bestatter Dienstleister. Wir leisten einen Dienst am Menschen. Das heisst, ich kann ein Stück weit selbst entscheiden, was wir anbieten. Für mich ist eine gute Dienstleistung eine vollumfängliche Dienstleistung. Es kommt immer mehr dazu.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Dienstleistung der Aufbahrung. Dies ist eigentlich relativ neu dazugekommen. Aber auch Dienstleistungen administrativer Art. Wir bilden uns zurzeit im Thema Erbrecht weiter. Natürlich sind wir weder Juristen noch Notare. Aber wir wollen den Kunden einen Horizont aufzeigen können. Neu ist auch die Bestattungs-Vorsorge.

Was ist mit «Bestattungs-Vorsorge» gemeint?

Durch die Enttabuisierung, die teilweise stattfindet, gibt es immer mehr Leute, die ihre Bestattung selber regeln wollen. Das kann man relativ simpel tun, in dem man sagt «Ich will eine Kremation und ein Grab auf dem Friedhof XY». Oder aber man regelt es sehr ausführlich. Möchte ich aufgebahrt werden? Wo möchte ich aufgebahrt werden? Welche Kleider möchte ich tragen? Welche Blumen, welcher Sarg? Bis und mit Leidzirkularen kann alles bestimmt werden.

Wie ist die Stimmung bei einer solchen Vorsorge?

Oftmals sehr locker! Die Menschen, die eine solche Vorsorge machen, haben einen gesunden Umgang mit ihrem eigenen Tod. Man befasst sich ja nicht damit, wenn man nicht über das Thema Tod sprechen möchte, oder nicht darüber sprechen kann. Da erlebe ich oft sehr witzige Situationen.

Erzählen Sie von einer solchen Situation!

Einmal kamen zwei Damen vorbei. Die eine Dame wollte eine Vorsorge machen, die andere Dame kam als Support mit. Im Verlauf des Gesprächs habe ich gefragt, ob sie Blumen im Sarg haben möchte. Sie verneinte vehement, sie sei allergisch. Da intervenierte ihre Begleitung und bestand auf die Blumen. Die Dame wiederholte, dass sie doch allergisch sei. Da blickte ihre Begleitung sie an und sagte mit ruhiger Stimme: «Dann nicht mehr!» Das finde ich herrlich. So sollte man mit der eigenen Sterblichkeit umgehen.

Wie geht man als Bestatter am Besten mit den Angehörigen um?

Natürlichkeit und Authentizität ist angebracht. Das braucht aber Mut und Erfahrung. Man muss die Leute einschätzen können, um nicht in ein «Fettnäpfchen» zu treten. Aber manchmal hat man es mit den Angehörigen auch einfach lustig. Das ist überhaupt nicht würdelos. Es kann würdevoll und lustig zugleich sein. Bei Kindern kann man das sehr gut beobachten. Kinder können weinen und lachen, mit einer Batman-Figur spielen und gleichzeitig trauern. Alles aufs Mal. Das geht.

Hatten Sie auch schon Todesfälle, die Sie nicht so leicht verarbeiten konnten?

Ja. Hatte ich. Wir Bestatter sehen alles. Wir haben alles schon erlebt. Mord, sehr viele Suizide. Alle Nachrichten, die man liest, so rund um Chur, habe ich persönlich erlebt. Den Absturz der Tante Ju, die beiden Kinder, die im Januar im Feuer ums Leben kamen. Solche Dinge vergisst man nicht. Diese Erlebnisse sind sehr prägend. Auch Zugunglücke bleiben in Erinnerung. Vor einer Weile habe ich ein sechsjähriges Mädchen bestattet. Sie hatte einen Hirntumor. Als ich das Mädchen aufgebahrt habe, musste ich sehr fest weinen.

Wie verarbeitet man solche Erlebnisse?

Ich lege sehr viel Wert auf gemeinsames, teaminternes Kaffeetrinken. Dann kann man reden und das Erlebte gemeinsam verarbeiten. Es ist völlig klar, dass das, was wir als Bestatter erleben, uns persönlich mitnimmt. Wäre dem nicht so, wären wir total emotionslose, kalte Menschen.

Man kann als Bestatter aber nicht in jeder Situation seinen Emotionen freien Lauf lassen.

Nein. Manchmal, wenn ich feuchte Augen habe, muss ich mich auch kontrollieren. Das schulde ich den Angehörigen. Ich habe eine Aufgabe. In diesem Moment bin ich der, der die Situation führen muss.

Wissen Sie als Bestatter mehr über den Tod als andere Menschen?

Nein. Ich persönlich nicht. Für mich ist das Leben, wie auch der Tod, einfach ein grosses Wunder. Ich bin unwissend, was nach dem Tod kommt. Aber das macht auch nichts. Als Bestatter verkaufe ich ja kein «Jenseits-Heil». Meine Aufgaben beziehen sich auf diese Welt. Mit dem Tod umzugehen und wieder ins Leben zu finden, das müssen wir hier, und nicht im Jenseits. Also spielt es für mich im Endeffekt keine grosse Rolle, was nach dem Tod passiert, um meine Arbeit auszuführen.

Es beschäftigt Sie also überhaupt nicht?

Doch, natürlich. Diese Gedanken kommen auf eine philosophische Art und Weise auf. Und hier kommen Rituale und Bräuche ins Spiel, welche ich sehr schön finde. Es gibt Menschen die sagen, dass sich nach drei Tagen die Seele vom Körper löst. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Das spielt aber auch keine Rolle. Ich finde daran schön, dass es eine Sichtweise auf den Tod ist. Das hilft schon viel. Und es ist eine entschleunigende Art, den Tod zu betrachten.

Ist Entschleunigung wichtig?

Sehr! Menschen neigen dazu, nach dem Tod eines geliebten Menschen schnell ins Handeln zu kommen. Das ist eine Art und Weise mit Verlust umzugehen. Dabei ist aber Entschleunigung hilfreich. Das muss man aber aushalten können.

Erzählen Sie mir von einer Bestattung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist.

Da gibt es einige. Beispielsweise habe ich die Asche eines Wingsuit-Fliegers verstreuen dürfen. Oben an der Felswand, wo er einen seiner liebsten Absprungplätze hatte, verstreute ich seine Überreste. Seine Mutter und ich waren dabei, wir beide waren alleine. Dazu habe ich mir eine zwei Meter lange Kelle gebaut, in die ich die Asche gestreut habe. Zuerst habe ich diese Kelle mit Rosenblättern gefüllt, die Asche dann auf die Rosenblätter gebettet. Man kann immer noch etwas machen, was eine Beisetzung speziell macht. Dann habe ich die Kelle über den Abgrund gehalten und gekippt. Durch die Thermik hat es die Asche dann wieder nach oben gewirbelt. Die Mutter des Verstorbenen fand das richtig gut, das hätte dem Verstorbenen sicher gefallen.

Wie nehmen Sie den Angehörigen die Angst vor dem verstorbenen Körper?

Ich sage immer, was man sieht ist verkraftbar. Was man nicht sieht, und nur in der eigenen Vorstellung existiert, kann oft schwierig zu verarbeiten sein. Verstorbene können manchmal unangenehm riechen, aber es ist ein absoluter Irrglaube, dass Verstorbene sich sofort zersetzen und von Maden zerfressen werden. Manchmal riecht man die Magenenzyme bei Verstorbenen. Das kann zwar bei gewissen Menschen Ekel auslösen, ist aber durchaus zu verarbeiten. Wenn man den Leuten erklärt, was mit dem Körper von einem Verstorbenen passiert, können sie damit umgehen.

Hat man als Bestatter weniger Angst vor dem Tod?

Seit ich Bestatter bin, habe ich definitiv ein anderes Verhältnis zum Tod.

Was hat sich verändert?

Ich habe ein grösseres Bewusstsein für das Leben entwickelt. Man sagt schnell mal «das Leben ist so kurz und kostbar». Aber als Bestatter kriegt man das wirklich mit. Leute gehen von der Arbeit nach Hause, im Auto. Zack, tot. So schnell geht es. Man weiss es wirklich nie. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass sowas passiert, ist relativ klein. Aber sie ist halt doch so gross, dass man sie nicht ausser Acht lassen sollte. Das rufe ich mir öfter in Erinnerung. Aber die Angst vor dem Tod habe ich nicht komplett verloren. Weil ich nicht weiss, was danach kommt. Wenn ich jetzt sterben müsste, würde mich das richtig traurig machen. Und ich wäre wütend.

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