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Beschiss nach dem Schuss

Seit 2017 müssen Jäger unsaubere Abschüsse melden. Damit soll verhindert werden, dass ungeniessbares Fleisch auf dem Teller landet. Doch manche schummeln – wohl aus Stolz.

Ueli
Weber
Mittwoch, 16. Oktober 2019, 04:30 Uhr Falscher Stolz?
Jäger müssen nach jedem Abschuss ein Formular ausfüllen.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Nach dem Schuss zückt der Jägersmann von heute Stift und Papier. Seit 2017 müssen alle Jäger selber entscheiden, ob das Fleisch des eben erlegten Tieres bedenkenlos konsumiert werden kann und das auf einem Formular festhalten.

Bei einem sauberen Schuss einer gesunden Gämse kreuzt der Jäger «A-Tier» an. Gibt es Hinweise, dass das Fleisch verdorben sein könnte, kreuzt er «B-Tier» an. Dazu gehört etwa ein unsauberer Schuss, der die Gedärme verletzt. Oder eine Nachsuche bei einem angeschossenen Tier, die länger als drei Stunden dauert. Denn diese Faktoren können das Fleisch verderben.

A-Tiere dürfen Jäger ohne Weiteres verkaufen. B-Tiere müssen hingegen von einem amtlichen Fleischkontrolleur begutachtet werden. Erst mit dessen Okay darf ihr Fleisch an der Metzgertheke oder im Restaurant verkauft werden.

Diese Selbstdeklaration läuft aber noch nicht wie gewünscht. Bei der Hochwildjagd im Jahr 2018 stellte das Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit des Kantons Graubünden zahlreiche fälschlicherweise als unbedenklich deklarierte Tiere fest – auch im Kanton Glarus, wo es ebenfalls zuständig ist. Bei manchen Kontrollen seien bis zu 30 Prozent der Wildtierkörper falsch beurteilt worden, hielt das Amt im Jahresbericht fest – «nämlich als A-Tiere, obwohl sie deutliche und grossflächige Verunreinigungen aufwiesen oder erst nach mehr als drei Stunden Nachsuche gefunden wurden.»

Insgesamt liege der Anteil des Schalenwildes, das fälschlicherweise als A-Tier deklariert wurde, bei etwa 20 Prozent, sagt Giochen Bearth. Der Dienststellenleiter und Kantonstierarzt ist für die Fleisch- und Lebensmittelkontrolle im Kanton Glarus zuständig.

Nur 0,3 Prozent ungeniessbar

Bearth sieht zwei Gründe, weshalb Tiere falsch beruteilt werden. Zum einen spiele der Stolz der Jäger eine Rolle. «Es ist nicht für jeden einfach, zuzugeben, dass er einen schlechten Schuss hatte», sagt Bearth. «Das ist aber eine Entwicklung, die stattfinden muss.» Bislang gab es keine Strafen. In Zukunft müssten renitente Wiederholungstäter aber mit Verweisen und Bussen rechnen.

Bearth macht einen weiteren wichtigen Grund für die falsch deklarierten Tiere aus: Manche Jäger hätten befürchtet, dass wegen der neuen Regelung mehr Fleisch als ungeniessbar deklariert wird. Fleisch, das früher ohne Weiteres verkauft wurde. Diese Sorge sei aber unbegründet, sagt Bearth. Tatsächlich schafften es auch die allermeisten B-Tiere durch die Fleischkontrolle. In Graubünden und Glarus wurden 25 Tiere als genussuntauglich beurteilt und entsorgt. Das sind 3 Prozent der kontrollierten B-Tiere und 0,3 Prozent aller geschossenen Gämsen und Steinböcke.

«Es ist nicht für jeden Jäger einfach zuzugeben, dass er einen schlechten Schuss hatte.»
Giochen Bearth, Kantonstierarzt Graubünden und Glarus

Von den 606 Tieren, die während der Glarner Hochjagd 2018 geschossen wurden, landeten 66 Prozent bei einem bewilligten Wildbearbeitungsbetrieb. Verbraucher mussten kaum etwas befürchten. «Uns ist kein Fall bekannt, bei dem ungeniessbares Fleisch auf dem Teller gelandet ist», sagt Bearth.

Amt sieht grosse Fortschritte

Die Hochwildjagd 2019 ist seit Mitte September vorbei, in den Restaurants steht das Wild auf der Speisekarte. Gegenüber dem Vorjahr werde die neue Vorschrift deutlich besser umgesetzt, erklärt der Kantonstierarzt. «Die Rückmeldungen der Fleischkontrolleure und Metzger sind sehr positiv», sagt er. Die geschossenen Tiere seien genauer beurteilt. Und auch die Schüsse selber hätten besser gesessen. Drei Jahre habe man sich gegeben, um die neue Vorschrift umzusetzen, sagt Bearth. «Wir sind im Fahrplan.»

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