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Sie helfen Frauen bei der Geburt

Es ist ein ganz besonderer Beruf, den nur wenige kennen: Den Beruf einer Doula. Die sogenannten «Dienerinnen der Frau»​​​​​​​ begleiten werdende Mütter bei der Geburt ihres Kindes und sind auch vorher und nachher noch für sie da – als Vertraute auf Zeit.

Kristina
Schmid
Sonntag, 29. September 2019, 04:30 Uhr Auch Meghan Markle hatte eine
Die Frauen der Gruppe «Doulas Südostschweiz» sind eine Regiogruppe des Verbands Doula Schweiz.
PRESSEBILD

Irgendwann kommt der Moment. Der Moment, bei dem die Frau eine Hand braucht. Vielleicht erst, wenn die Schmerzen so stark sind, dass sie das Gefühl hat, gleich zu sterben. Vielleicht aber auch schon viel früher, wenn sie die ersten Wehen spürt. «Aber irgendwann kommt dieser Moment bei jeder Geburt», sagt Edith Caderas. «Irgendwann braucht jede Frau eine stützende Hand. Und dann bin ich für die Frauen da.»

Edith Caderas ist Pionierin in ihrem Gebiet. Vor neun Jahren liess sie sich als erste Doula in der Region ausbilden. Seither begleitet sie Frauen während der Schwangerschaft, Geburt und Familienzeit.

Angefangen hatte alles 1997. Caderas lag mit ihrem ersten Kind schwanger im Spital. Durch die Wand konnte sie die Geburt einer Zimmergenossin praktisch miterleben. «Ich wäre am liebsten aufgestanden und rausgesprungen, um mitzuhelfen. Aber ich durfte ja nicht», erklärt Caderas. Sie war keine Hebamme. Mit 16 hatte sie sich gegen eine Lehre zur solchen entschieden. Zu gross war die Angst, dem noch nicht gewachsen zu sein. Sie liess sich zur Fachlehrerin ausbilden. Später spielte sie erneut mit dem Gedanken, Hebamme zu werden. Doch die Matura nachholen war anno dazumal nicht möglich. Der Wunsch Frauen bei der Geburt zu helfen verblasste nicht. Also suchte sie nach Alternativen. 2009 stiess sie auf den Begriff Doula.

Frühgeburt, stille Geburt, schöne Geburt

Caderas sitzt an einem Tisch im oberen Stockwerk des Café Maron in Chur und nippt an ihrem Tee. Neun Jahre später ist sie nicht mehr die einzige Doula in der Region Südostschweiz. Inzwischen haben weitere Frauen nachgezogen. Vor Kurzem hat sie sich mit sechs anderen Frauen zusammengetan, um gemeinsam die Gruppe «Doula's Südostschweiz» ins Leben zu rufen. «Wer sich vernetzt, hat bessere Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen», sagt Caderas und blickt zu den anderen drei Frauen am Tisch. Ursina Frigg. Janine Hosang-Oetiker. Margrit Schröttenthaler. Diese drei Frauen sind ebenfalls zum Interview gekommen – und ihre Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Eine Frühgeburt, 900 Gramm, und eine Mutter, die dank der emotionalen Unterstützung ihrer Familie nicht daran zerbrach. 

Eine Geburtshausgeburt, eine stille Geburt und zwei wunderschöne und selbstbestimmte Hausgeburten, mit tollen Hebammen zur Seite. 

 Eine Spontangeburt mit Zwillingen, zwei Spontangeburten und fünf stille Geburten.

Eine Einleitung nach einer Schwangerschaftsvergiftung und zwei Spontangeburten.

Die vier Frauen haben unterschiedliche Erfahrungen im Gebärsaal gesammelt. Aber eines haben sie gemeinsam: Alle haben ein Kind geboren. Und das wird oftmals verlangt, um die Ausbildung zur Doula in der Schweiz in Angriff nehmen zu können. Nur so verstehe eine angehende Doula, was eine gebärende Frau durchmache und könne ihr entsprechend helfen.

Der Frau dienen

Helfend dienen. Dafür steht das altgriechische Wort Doula. Und darum geht es. Der Frau während der Geburt zu «dienen». Nicht, um den Knecht zu spielen. Sondern, um den Bedürfnissen der Frau gerecht zu werden. Auch wenn Hebammen ebenfalls Geburtsvorbereitungen anbieten, während der Geburt dabei sind und Frauen im Wochenbett begleiten, ist es mit einer Doula anders. «Wir konkurrieren nicht mit Hebammen. Vielmehr ergänzen wir ihre Arbeit. Wir haben eine andere Rolle während der Geburt», sagt Hosang-Oetiker.

Die Aufgabe einer Doula

Eine Doula ist eine Geburtsbegleiterin, die der Schwangeren in erster Linie als emotionale Stütze zur Seite steht. Auch Meghan Markle zählte bei ihrer Geburt auf die Hilfe einer Doula – in der Schweiz ist das in den meisten Fällen eine bereits erfahrene Mutter. Die Hauptaufgabe einer Doula besteht darin, die Schwangere konstant eins-zu-eins zu betreuen. Doulas arbeiten im Gegensatz zu Hebammen nicht im Schichtbetrieb und sind daher über die ganze Dauer der Geburt präsent. Eine Doula hat keine medizinischen Kompetenzen und kann sich so voll und ganz auf das Wohlergehen der werdenden Mutter konzentrieren. Wer eine Doula buchen möchte, muss im Schnitt mit Kosten von rund 1000 Franken rechnen. Zum Paket gehören zwei Treffen vor und ein bis zwei Treffen nach der Geburt, 14 Tage Rufbereitschaft vor dem errechneten Geburtstermin sowie die Geburtsbegleitung.

Wie die Doulas im Interview erklären, ist die Aufgabe einer Hebamme eine andere. Eine Hebamme müsse sicherstellen, dass es der Frau und dem Baby gesundheitlich gut geht. Eine Doula müsse etwa nie das Zimmer der gebärenden Frau verlassen, wenn die Frau das nicht möchte. Zudem sei die Doula das bereits bekannte Gesicht im Gebärsaal. Denn: Im Kanton Graubünden gibt es nur eine Beleghebamme. Deshalb sei es praktisch nie die vertraute Hebamme vom Geburtsvorbereitungskurs, welche die Geburt begleite. Und Stichwort Schichtwechsel: Eine Frau könne während der Geburt von mehreren Hebammen betreut werden. Eine Doula biete Kontinuität. «Die Begleitung einer Doula wäre für viele Frauen wertvoll», sagt Frigg überzeugt. «Denn jede Frau verdient eine einfühlsame, emotionale und kontinuierliche Unterstützung während der Geburt.»

Für die Selbstbestimmung der Frau

Um die Bedürfnisse der Frau geht es in diesem Gespräch oft. Wohl deshalb, weil es der wichtigste Teil ihrer Arbeit ist. Im Vorfeld der Geburt klären Doulas deshalb vieles ab. Soll die Geburt fotografiert werden? Will der Vater die Nabelschnur durchschneiden? Wer nimmt das Kind als erster in Empfang? Will die Frau Schmerzmittel einnehmen? Sollte es zu einem Kaiserschnitt kommen, soll der Partner oder die Doula mitgehen? Möchte die Frau eine Spontangeburt oder nicht?  

Einmal geklärt, weiss die Doula, was von ihr erwartet wird und kann im Geburtssaal entsprechend reagieren. Ist etwa abgemacht, dass der Papa das Kind als erster halten soll, gibt die Doula dem Vater ein Zeichen, wenn das Baby bald da ist. Hat die Frau gesagt, sie wolle keine Schmerzmittel, erinnert die Doula sie auch unter grössten Schmerzen daran. «Das tun wir nicht, um der Frau Schmerzmittel auszureden. Wir erinnern sie an ihre Wünsche, damit sie sich bewusst für oder gegen Medikamente entscheiden kann und nicht aus unmittelbaren Schmerzgefühlen heraus. Darüber sind die Frauen froh», erklärt Caderas. «Wir sind nicht gegen Schmerzmittel. Auch nicht für Schmerzmittel. Wir sind auch nicht für oder gegen Kaiserschnitte. Wir sind einfach für die Selbstbestimmung der Frau», sagt Frigg.

Auch der Papa hat Bedürfnisse

Die Bedürfnisse der Frau sind aber nicht der einzige Teil ihrer Arbeit. Es gehe genauso um die Bedürfnisse der werdenden Väter. «Gerade Väter sind dankbar um die Rolle der Doula. Denn sie wissen, dass sie nicht alleine die ganze Verantwortung um das Wohlergehen der Frau tragen müssen, wenn wir dabei sind», erklärt Hosang-Oetiker. «Väter wissen manchmal nicht, wo sie hinstehen sollen, was sie machen sollen. Wir helfen ihnen dann, ihren Platz zu finden.»

Väter sind bei der Geburt ebenfalls angespannt, gerade weil sie emotional so verbunden sind mit ihrer Frau, wie Schröttenthaler sagt. «Und wenn eine Doula bei der Geburt dabei ist, gibt das dem Vater sehr viel Ruhe.» «Wir halten immer wieder Blickkontakt mit dem Vater. Und wenn wir merken, dass er beunruhigt ist, erklären ihm, was gerade vor sich geht. Das hilft den Vätern sehr», sagt Caderas.

Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt bei Vätern, den Frigg ausführt: «Früher waren Väter im Kreissaal nicht willkommen. Heute wird ihre Präsenz geradezu erwartet. Auch darüber sprechen wir im Vorfeld mit den Paaren. Wenn der Papa im Kreissaal merkt, dass es ihm dann doch zu viel wird, kann er guten Gewissens rausgehen. Denn er weiss: Meine Frau ist nicht alleine. Die Doula ist bei ihr. Das beruhigt werdende Väter und nimmt ihnen eine grosse Last von den Schultern.»

Positive und starke Geburten

Doulas hören sich Ängste und Sorgen an und helfen weiter. Sie lächeln. Sie ermutigen. Sie massieren. Sie halten Händchen. Und nach der Geburt reden sie. Weil die Frauen das Erlebte fast immer mit jemanden besprechen wollen. Ein bis zwei Frauen begleiten die vier Doulas im Jahr, manchmal drei, selten vier. «Bei uns in Graubünden ist die Nachfrage nach einer Doula-Geburtsbegleitung noch nicht gross », sagt Hosang-Oetiker. «Noch nicht», ergänzt Schröttenthaler. «Es werden mehr Frauen, sobald der Beruf bekannter wird. Viele Frauen sagen mir, sie hätten nicht gewusst, dass es so etwas wie Doulas gibt. Und sehr viele Frauen sagen mir, sie wünschten, sie hätten bei ihrer Geburt eine Doula dabei gehabt.»

Denn nicht immer ist eine Geburt eine schöne Erfahrung. Es ist oft nicht einmal mehr nur eine Grenzerfahrung. Viele Frauen erinnern sich nur unter Tränen an ihre Geburt. «Und genau das wollen wir verhindern. Wir wollen, dass Frauen die Geburt ihres Kindes als etwas Positives erleben und in Erinnerung behalten», sagt Hosang-Oetiker. Ganz nach dem Motto der «Doulas Südostschweiz»: Für eine Geburtskultur, die Mamas, Papas und Kinder stärkt.

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