×

Bienen unter Heimatschutz

Das Glarnerland ist der letzte grosse Rückzugsort der europäischen Ur-Biene. Imker wie Robert Knobel erhalten sie.

Ueli
Weber
Samstag, 07. September 2019, 04:30 Uhr Die Ur-Biene im Glarus
Imker Robert Knobel leitet die abgelegene Belegstation bei Elm, wo die Königinnen von genetisch reinen Drohnen begattet werden.
SASI SUBRAMANIAM

Die Sextouristinnen reisen aus der ganzen Schweiz an, verpackt in kleine Styroporkisten. Ihre Ziele tragen die wenig romantisch klingenden Namen M01 und M42 und liegen abgelegen im Krauchtal und an der Strasse nach Obererbs. Dort angekommen, werden die Kisten noch etwas das Bord hochgetragen und dann auf Metallstelen festgezurrt. Wie winzige Chalets auf Stelzen verteilen sie sich am Hang und bilden ein surrendes Bergdörflein voll paarungsbereiter Bienenköniginnen.

Diese kriechen bald aus den Kistchen und fliegen davon, um sich im Flug von den männlichen Bienendrohnen begatten zu lassen. Denn die Drohnen, die bei den Belegstationen M01 und M42 im Kleintal herumschwirren, haben etwas, das man in ganz Europa nur noch äusserst selten findet: Sie tragen das unverfälschte Erbgut der europäischen Ur-Honigbiene in sich. Es sind Dunkle Bienen. Diese harren im Glarnerland aus wie Asterix’ Gallier in ihrem Dorf, umringt von Invasoren.

«Zu Unrecht schlechten Ruf»

Robert Knobels Dunkle Bienen sind gut gelaunt, als er an diesem sonnigen Vormittag im September den Bienenkasten öffnet und nach ihnen schaut. Jedenfalls attackieren sie den Eindringling nicht sofort. Dabei gelten die Dunklen Bienen als aggressiver als andere Bienenrassen. «Im T-Shirt imkert bei uns niemand», sagt Knobel. «Aber ihren schlechten Ruf haben unsere Bienen zu Unrecht.» Als Zuchtleiter ist er für die Belegstation der Glarner Imker in Elm zuständig. Seine eigene Imkerei liegt an der Strasse nach Schwändi.

Die Dunkle Biene sei dem Lebensraum im Glarnerland hervorragend angepasst, sagt Knobel. Sie ist wetterfest und lebt haushälterisch. Den Glarner Winter übersteht sie ohne Probleme, und sie fliegt schon bei tiefen Temperaturen aus, um Nahrung zu suchen. Und wird diese knapp, spart sie ihre Kräfte und brütet weniger. Seine Dunklen Bienen produzieren in guten Jahren zwar weniger Honig als andere Arten. «Dafür gibt es in schlechten Jahren keine Nullrunden», sagt Knobel. Trotzdem sind die Dunklen Bienen unter Druck.

Vom Aussterben bedroht

Nach der letzten Eiszeit war die Dunkle Biene die einzige Honigbiene nördlich der Alpen. Von den Pyrenäen bis zum Ural flogen die widerstandsfähigen Bienen und bestäubten die Pflanzen.

Doch in den letzten hundert Jahren begannen Imker, andere Bienenarten zu importieren. Diese sollten mehr Honig produzieren und weniger stechen. Sogar die Nazis waren hinter der Dunklen Biene her: Das Deutsche Reich arbeitete daran, die heimischen Honigbienen durch die Carnica aus Kärnten zu ersetzen. Heute ist die nordeuropäische Ur-Biene vom Aussterben bedroht.

Invasion aus dem Wägital

Im Glarnerland hatten die Dunklen Bienen dagegen einflussreiche Freunde. Im Regierungsrat sassen in den 70er-Jahren gleich zwei Imker, dazu kamen einige bienenaffine Landräte. Sie brachten ein Bienengesetz auf den Weg, das die Landsgemeinde 1977 annahm. Das Bienengesetz macht das Glarnerland bis heute zum grössten Schutzgebiet für die Dunkle Biene. Es ist verboten, eine andere Bienenrasse zu halten als die einheimische. Das einzige andere grössere Schutzgebiet ist das Melchtal in Obwalden. Denn Schutzzonen sind nur möglich, wenn alle Imker einer Region mitmachen oder dazu gezwungen werden wie im Glarnerland.

Die rund 140 Imker im Kanton Glarus halten heute etwa 800 bis 1000 Völker der Dunklen Biene – ein Bruchteil der gesamtschweizerischen Bienenpopulation. Die Dunklen Bienen genetisch rein zu halten, ist nicht einfach. Über 100 Jahre lang betrieben die Glarner Imker eine Belegstation im Klöntal. Dann eröffneten Schwyzer Imker vor zehn Jahren im benachbarten Wägital eine eigene Belegstation mit der Zuchtrasse Buckfast. Der Pass über die Schweinealp war für deren Drohnen kein Hindernis. Schon bald begannen die Bienenvölker aus dem Klöntal, den Buckfast-Bienen zu gleichen – die Drohnen hatten die Königinnen der Dunklen Bienen begattet. Als die Schwyzer kein Einsehen hatten, blieb den Glarner Imkern keine Wahl, als ihre Belegstation 2012 zu schliessen.

Neue Freunde für die alte Biene

2016 konnten die Glarner eine neue Belegstation bei Elm eröffnen. Weitab von anderen Bienenrassen und geschützt von hohen Bergen. Mitfinanziert wurde die Belegstation vom Rotary Club Glarnerland. Ein Glücksfall für die Züchter. Denn abgesehen vom Honig haben diese kaum Einnahmequellen. Direktzahlungen bekommen Imker im Gegensatz zu Bauern keine. Wenn ein Bienenvolk wegen einer Seuche abgetötet werden muss, gibt es 100 Franken vom Kanton.

«Die Biene ist zwar das drittwichtigste Nutztier, wird aber kaum unterstützt», sagt Knobel. Das Bundesamt für Landwirtschaft unterstütze aktiven Imker mit einem grossen Schutzgebietprojekt. «Für die Erhaltung der Dunklen Biene in unserem Kanton wäre eine vermehrte Unterstützung des Kantons jedoch wünschenswert», so Knobel.

Die Bienen sind für die Natur und Nahrungsmittelproduktion enorm wichtig. Sie bestäuben Wildblumen auf den Bergweiden und Apfelbäume im Tal gleichermassen.

Die Dunkle Biene hat in den letzten Jahren auch ausserhalb des Glarnerlands Fürsprecher gefunden. 1993 gründeten Bienenfreunde den Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde. So betreiben Zürcher Imker die Belegstation im Krauchtal. Anfang Sommer reisen sie an, um ihre Königinnen begatten zu lassen.

Die Stiftung Pro Specie Rara setzt sich heute ebenfalls für den Erhalt der einheimischen Bienen ein. Schliesslich sind die Dunklen Honigbienen Nutztiere wie Kühe oder Schafe – vom Menschen gehalten und gezüchtet, um seinen Zwecken zu dienen.

Ein Streit unter Züchtern

Die Dunklen Bienen sind ebenso vom Bienensterben bedroht wie andere Rassen. Auch die Glarner Bienenvölker fallen den Varroa-Milben oder der Sauerbrut zum Opfer. Zudem drohen mit der Klimaerwärmung, neue Schädlinge wie der Kleine Beutenkäfer einzuwandern. Die wehrhafteren Glarner Bienen könnten sich eventuell besser zur Wehr setzen als ihre friedfertigeren Artgenossen, hofft Knobel. «Ich gehe davon aus, dass wir die Genetik noch brauchen werden.» Der einfachste Weg, um die einheimischen Bienen bis dahin zu unterstützen, ist einfach: «Glarner Honig kaufen», sagt Knobel.

Nach der letzten Eiszeit war die Dunkle Biene die einzige Honigbiene nördlich der Alpen. Heute ist sie vom Aussterben bedroht – denn andere Bienen machen mehr Honig.

Euer Foto auf unserem Portal

Habt Ihr etwas gesehen oder gehört? Als Leserreporter könnt Ihr uns Bilder, Videos oder Inputs ganz einfach per WhatsApp an die Nummer 079 431 96 03 senden.

- Die Nummer 079 431 96 03 in den Kontakten speichern.
- Bild als Nachricht senden oder hier klicken und eine neue WhatsApp-Nachricht* öffnet sich automatisch.

*WhatsApp muss auf Handy installiert sein.

Kommentar schreiben

Kommentar senden