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Der Musikus im Gourmet-Schloss

Schloss Schauenstein in Fürstenau hat einen überraschenden Bewohner. Robert Grossmann ist ein Bündner Original aus den USA – und ein Mensch mit viel Leidenschaft für alles Schöne.

Ruth
Spitzenpfeil
Donnerstag, 05. September 2019, 04:30 Uhr Daheim im Schloss

Der rohe Riemenboden in der grossen Diele ist echt alt, das sieht man. Und er verleitet den Bewohner der einstigen Herrschaftswohnung von Schloss Schauenstein gleich zu einer ersten Kostprobe seines trockenen Humors: «Ich habe mir hier schon so viele Holzsplitter in den Füssen geholt; wenn man mich mal kremiert, brenne ich sicher ganz hervorragend.» Robert Grossmann nimmt das Leben mit einer guten Portion Selbstironie. Das macht ein Gespräch mit ihm so unterhaltsam.

Tatsächlich gibt es wohl kaum jemanden in Graubünden, der so vieles ist und macht, was nach landläufiger Ansicht überhaupt nicht zusammen passt. Da ist die Sprache. Während seiner sechs Jahre im Engadin bis 1990 gehörte er zur so gut wie ausgestorbenen Art derer, die Romanisch, aber kaum Deutsch beherrschen. Den sensiblen Gemütern der Romanen fühlt er sich bis heute sehr ähnlich, auch wenn seine Schwierigkeiten mit dem Schweizerdeutschen einen ganz anderen Hintergrund hatten als einst bei den Bergbauern. Grossmann ist nämlich vor 66 Jahren im südlichen Kalifornien zur Welt gekommen. Entfernte Vorfahren in der Schweiz gab es zwar, aber damals deutete wenig darauf hin, dass er eines Tages der führende Kenner und Könner mittelalterlicher Musik in Graubünden würde und der künstlerische Leiter zweier ur-romanischer Institutionen wie der Chesa Planta in Samedan und der Chasa Jaura in Valchava.

Stets frei heraus

Erst wollen wir aber wissen, wie der Bündner Amerikaner schliesslich zum Schlossbewohner im Domleschg wurde. «Das ist eine direkte Folge meiner Scheidung», sagt er und zeigt damit, dass er auch nach bald 40 Jahren in der Schweiz zumindest eines nicht übernommen hat: die Heimlichtuerei in persönlichen Fragen. Er redet über alles frei heraus, selbst über Geld und Misserfolge. Dass man durch Heirat zu einem Schloss kommt, mag vorkommen, aber durch Scheidung? Ganz einfach, er habe vor elf Jahren nach der Trennung von seiner Frau, einer Schweizer Ärztin, dringend nach einer Bleibe in der Nähe des Familienheims und seinen zwei Töchtern in Paspels gesucht. Da konnte er die kleine Einliegerwohnung im Westflügel des Schlosses übernehmen, welche zuvor ein befreundetes Paar bewohnt hatte.

Über dem Eingangstor ist die Jahreszahl 1667 und das Wappen der Freiherren von Schauenstein zu sehen, im Treppenhaus ein prächtiges Säulenportal. Wenig mehr ist übrig geblieben von diesem Adelsgeschlecht und dem ursprünglichen Schloss. Ein Grossbrand im Jahr 1742 machte Fürstenau, welches zusammen mit dem zweiten, dem bischöflichen Schloss, eine geschlossene Wehranlage bildete, zur Ruine. Spätere Besitzer – kaum überraschend auch mehrere von Plantas – bauten es wieder auf, jedoch nur den vorderen Teil in etwas noblerer Ausstattung.

In Caminadas alter Wohnung

Als Mieter in Schauenstein wurde Grossmann zum Nachbarn von Andreas Caminada, der anfangs über ihm wohnte, und im Haupthaus unter dem Turm mit seinem Gourmetrestaurant gerade so richtig durchstartete. Beide verstanden sich immer gut, auch wenn das Putér Grossmanns und das Sursilvan Caminadas nie so recht zusammenfanden. Aber der Musiker und Komponist, der bis zu seiner Pensionierung an der Pädagogischen Hochschule in Chur unterrichtete, hatte da schon längst Schweizerdeutsch gelernt. Auf jeden Fall sorgte Caminada dafür, dass Grossmann 2011 in seine Wohnung einziehen konnte, als er sich privat vorübergehend nach Fläsch verschob. Demnächst kehrt der Starkoch mit seiner Familie aber wieder zurück; gerade wird an der Hauptstrasse von Fürstenau sein eigenes Wohnhaus fertig.

Überfordert mit der Super-Küche

Als Schlossherren konnten allerdings weder Grossmann noch Caminada je gelten. Gehören tut Schauenstein nämlich der Heinrich-Schwendener-Stiftung aus Sils i. D. Deren Zweck ist eigentlich die Vergabe von Stipendien zur Ausbildung an reformierte Bündner, doch macht sie heute vor allem als Immobilienentwicklerin von sich reden. Auf jeden Fall wirkt sie eifrig mit, dass Caminada ganz Fürstenau in eine Genuss-Stadt verwandeln kann.

Grossmann hat nichts dagegen. Seit einem halben Jahr weht von Gegenüber der Duft aus der neuen Steinofen-Bäckerei zu ihm herüber. Ab und zu leistet er sich eine der Köstlichkeiten aus dem Verkaufsregal der neuen Casa Caminada. Seine Bewunderung für den Kochkünstler ist gross.

Doch zurück in Grossmanns eigenes Reich, in das er uns bereitwillig blicken lässt. Er macht sich über seine eigenen Fähigkeiten als Single-Hausmann lustig. Die vom Vorgänger ererbte Super-Küche sei so raffiniert, dass er schon beim Aufbacken einer Pizza regelmässig scheitere. Die Talente des ungemein breit gebildeten Kulturmenschen liegen definitiv woanders. Davon zeugen seine vielen Instrumente, allen voran die Laute. Über sie hat er promoviert und spielt sie meisterlich, sei es in historischen, teils von ihm ausgegrabenen Stücken bis hin zu zeitgenössischen Interpretationen. Aber er nimmt auch gern seine Westerngitarre von 1937 zur Hand, so bei seinen Auftritten mit dem Klarinettenvirtuosen Domenic Janett. Ganz nebenbei spricht Grossmann von seinen Kompositionen, zu der viele Bühnenwerke wie die Oper «Der Zauberberg» von 2002 gehören – eine «typische Uraufführungsleiche», wie er lachend zugibt. Er sei eben ein schlechter Selbstvermarkter, meint er und blickt heute gelassen auf diverse Enttäuschungen zurück. Erfolge hat es natürlich auch gegeben, dazu Preise und Auszeichnungen wie den Eliette-von-Karajan-Preis und den Anerkennungspreis des Kanton Graubündens.

Sich mit Schönheit auseinanderzusetzen, sei für ihn heute Lebensqualität, sagt Grossmann. Mit ihr umgibt er sich in den Fluren und Zimmern. Stolz zeigt er seine Sammlung von Kleinoden aller Art; die meisten aus der Zeit «seiner» Musik, also von der Frühzeit bis zum Barock. Er fand sie vor allem in Brockenhäusern – bevor das Internet die Preise in die Höhe trieb.

Bilder hat er so viele, dass er auf diversen Staffeleien immer wieder neue aufstellt. Sein Lieblingsstück, eine Original-Zeichnung von Ernst Ludwig Kirchner, die eine Violinistin zeigt, ist aber gerade an die Expressionismus-Ausstellung in der Chesa Planta ausgeliehen. Er vermisst sie schmerzlich. Man merkt, wie Grossmann es geniesst, für sich und seine Kunst ein solches Heim zu haben. «Hinter diesen Mauern ist auch nie etwas Schreckliches passiert; das spürt man», meint er schmunzelnd. «Es gibt nur friedliche Geister auf Schauenstein».

Die weiteren Schlösser mit allen Bildern hier im Dossier.

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