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Statt Werbetafeln lieber Wellenreiten?

Luca Brunner schreibt aus dem «Big Apple» über das urbane Strandleben.

Südostschweiz
Montag, 19. August 2019, 04:30 Uhr New York, New York
Über hohe Wellen reiten, einfach am Strand liegen oder im «Rockaway Surf Club» verweilen – das alles ist am Rockaway Beach in New York möglich.
LUCA BRUNNER

von Luca Brunner*

Simone de Beauvoir hielt Schlaf in New York City für eine komplette Zeitverschwendung, wie es eines ihrer berühmten Zitate besagt. Anfangs ging es mir auch so. Im Neudeutschen bezeichnet man das wohl als Fomo («fear of missing out»). Mittlerweile habe ich mich jedoch mit dem konstanten Überangebot arrangiert und suche mir nur noch die Perlen aus der New Yorker Angebotspalette heraus. Mal abgesehen von einer Gletscherbesteigung scheint hier wirklich alles möglich zu sein. Für jeden ist etwas dabei. Gleichwohl versuche ich seit Monaten erfolglos, meinen Bruder von einem Besuch im «Big Apple» zu überzeugen. Nun habe ich das schlagende Argument zur endgültigen Überzeugung gefunden: New York ist nämlich tatsächlich «surfbar». Shaka, liebes Bruderherz!

Es scheint unpassend, an der hektischsten Subway-Station New Yorks, am Times Square in Manhattan, mit einem Surfbrett und Flip-Flops in den «A Train» einzusteigen. Doch rund eine Stunde später steigt man aus und spürt bereits eine salzige Meeresbrise in der Nase. Man ist in der Nähe des Rockaway Beach im Stadtteil Queens angekommen. Von der Subway-Station sind es noch einige Meter, und die Uferpromenade beginnt – noch sehen die Backstein-Reihenhäuschen und Wohnblocks ungefähr wie in meinem Heimatquartier Bushwick aus. Doch ein Sekundenbruchteil später öffnet sich ein Weitblick, den man sonst nur von einem Wolkenkratzer erhaschen kann. Die Gegensätze könnten wie so oft in dieser Stadt nicht grösser sein. Vom Werbetafel-Dschungel der wohl bekanntesten Kreuzung der Welt direkt an diesen scheinbar endlosen Sandstrand.

An diesem Tag, bei 28 Grad Celsius, flanieren viele Leute entlang des rund zehn Kilometer langen Strands. Am Strand und im Wasser ist Ferienstimmung angesagt. Man hört Musik, bräunt (und verbrennt) sich, spielt Beachvolleyball. Oder eben, versucht eine der durchaus respektablen Wellen zu reiten. Sofort taucht man hier in den «Beach Vibe» ein und versetzt sich mental nach Hawaii. Verstärkt wird dieses Gefühl, wenn man sich einen Drink oder einen Smoothie im «Rockaway Surf Club» gönnt. Dort werden Surfbretter vermietet und legendäre Surffilme gezeigt.

Nur die landenden Flugzeuge des benachbarten Flughafens JFK sowie die gelegentlich vorbeifahrenden Transportschiffe trüben die Idylle ein bisschen. Doch verglichen mit dem Touristenstrand Coney Island ist es eine wahre Ruheoase. Möchte man die Stadt vollständig ausblenden, müsste man mindestens nochmals eine halbe Stunde einplanen, um nach Long Beach oder an einen der Bilderbuch-strände auf Long Island zu fahren. Ich bleibe vorerst hier und geniesse die Abwechslung. Rockaway Beach ist der neueste Eintrag in der wohl nie endenden Liste meiner Sehnsuchtsorte in New York. Peace out!

*Luca Brunner aus Rapperswil-Jona ist Journalist, Mitgründer zweier Politnetzwerke und passionierter Querdenker. Er lebt und arbeitet in New York.

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