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Eine Pöstlerin im Paradies

In Quinten am Walensee gibt es keine Autos, keine Schule, keinen Arzt – aber dafür die Post. Wir haben Susanne Hardegger auf ihrer Zustelltour durch die idyllische 30-Seelen-Gemeinde begleitet.

Südostschweiz
Dienstag, 09. Juli 2019, 04:30 Uhr Keine Autos, keine Schule, keinen Arzt
«Ich brauche den See»: Susanne Hardegger kann sich trotz Mehrfachbelastung nicht vorstellen, anderswo als in Quinten zu leben.
POST AG CH

Es gibt einen Ort in der Schweiz, der unterscheidet sich von den meisten Gemeinden dieses Landes. Einen Ort, den viele die «Riviera der Ostschweiz» nennen. Aus gutem Grund: In Quinten ist das Klima milder als im Rest des Landes.

Hier scheint die Sonne so oft und häufig so lang, dass an den grünen Hängen oberhalb des Sees Palmen, Bananen- und Feigenbäume wachsen. Was es in dem 30-Seelen-Ort hingegen nicht gibt, sind Autos. Eingebettet zwischen steilen Berghängen und direkt am Wasser gelegen, gibt es nur zwei Wege, dieses Dorf zu erreichen: Zu Fuss oder mit dem Schiff. Auch deshalb haben wahrscheinlich mehr Quintner ein Boot als ein Auto.

Ist das hier das Paradies auf Erden? Susanne Hardegger hebt die Schultern und lächelt: «Schon möglich. Aber auch im Paradies muss gearbeitet werden.» Sie selber hat gleich vier Berufe. «Ich bin Bäuerin, Wirtin, Sakristanin – und Pöstlerin von Quinten.»

Susanne Hardegger ist seit Herbst 2018 Pöstlerin in Quinten. Seither bedient sie jede Woche von Mittwoch bis Samstag die rund 22 Haushaltungen von Quinten mit der Post. Am Montag und Dienstag kommt ihr Stellvertreterin von «drüben», vom Festland.

Die Post kommt per Schiff

Obwohl der Zustell-Job für Susanne Hardegger immer noch ziemlich neu ist, meistert sie die Aufgabe schon routiniert. Pünktlich um 9.20 Uhr wartet sie mit ihrem Elektro-Dreirad am Hafen von Quinten auf das Schiff aus dem nahe liegenden Murg. Anschliessend wird das Gefährt mit den angelieferten Briefen und Paketen beladen – und dann gehts auch schon los.

Die Zustellroute führt einmal quer durch die ganze Gemeinde. Mal gehts durch die engen und steilen Strässchen durch den Dorfkern, dann wieder führt die Tour durch den Wald zu einem alleinstehenden Haus am Ortsende.

Obwohl Susanne Hardegger einen straffen Zeitplan hat und zügig arbeiten muss, findet sie da und dort Zeit für einen kurzen Schwatz. «Da die meisten Häuser weit auseinanderliegen, haben viele Menschen kaum Kontakt zur Aussenwelt», sagt Hardegger. Manche würden richtiggehend darauf warten, bis sie am Morgen jeweils die Post bringe.

Wenig Kontakt zur Aussenwelt

An diesem Tag trifft sie per Zufall auf Irma Spörri, die von der Pöstlerin eine Hand voll Briefe und die Tageszeitung entgegennimmt. «Ich bin sehr dankbar für diesen Service», sagt die Seniorin, die seit 15 Jahren in Quinten lebt – und «nie mehr weg» will, wie sie betont. Bleiben wollen auch Susanne Hardegger und ihr Mann. Und das, obwohl es in Quinten weder eine Schule für ihre drei Kinder, noch einen Arzt oder Einkaufsmöglichkeiten gibt. «Das ist meine Heimat», sagt sie. Auch wenn das Leben in dem kleinen Dorf nicht immer einfach sei, könnte sie sich nichts mehr anderes vorstellen. «Ich brauche den See.»

Um 11 Uhr gehts zurück

Was jedoch Quinten jeden Tag aufs Neue verlässt, sind die Briefe, Päckli und Einzahlungen der Bevölkerung. Spätestens um 11 Uhr muss Susanne Hardegger die Post des Tages in die verschliessbare Schleuse am Hafen legen. «Anschliessend fährt das Schiff wieder zurück nach Murg – egal, ob ich mit meiner Tour fertig bin oder nicht», sagt die Pöstlerin und lacht.

Verpasst hat sie die Lieferung bis jetzt jedoch noch nie. Falls das doch einmal passieren sollte, hätte sie ja auch noch ihr eigenes Boot, um den Postsack abzuliefern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Medienblog der Schweizerischen Post.

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