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Bei jedem zweiten Töffunfall ist dessen Fahrer unschuldig

In Graubünden kam es allein in den letzten drei Tagen zu vier Töffunfällen. Ein Blick in die Statistik zeigt: Mehr als die Hälfte der schweren Unfälle werden nicht von den Töfffahrern verursacht.

Nadine
Hinder
Mittwoch, 26. Juni 2019, 04:30 Uhr Das Miteinander auf den Strassen
Im Jahr 2018 waren in der Schweiz rund 740'000 Motorräder für den Strassenverkehr zugelassen. Der Bestand wächst kontinuierlich weiter.
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«Kurve unterschätzt: Töfffahrer bricht sich das Becken», «Töfffahrer stürzt am Julierpass – mittelschwer verletzt» oder «Motorradunfall auf der Berninastrasse» lauten die Schlagzeilen der letzten Tage. Die Meldungen zu Töffunfällen nehmen kein Ende. Doch, passieren sie tatsächlich so viel häufiger als bei anderen Verkehrsteilnehmern? 

Schweizweit sind im vergangenen Jahr 3663 Töfffahrer verunfallt. Laut dem Bundesamt für Strassen waren es aber fast dreimal so viele Autofahrer und, was oft unterschätzt wird, auch die Zahl der verunfallten Velofahrer ist um 1000 höher als die der Töfffahrer. Neben «normalen» Velos erfordern auch die aufkommenden E-Bikes immer mehr Unfälle. 2018 wurden 12 E-Bike-Fahrer getötet und 309 schwer verletzt.

Ebenfalls nicht unterschätzt werden dürfen die Unfälle zu Fuss. 2137 Schweizerinnen und Schweizer sind im vergangenen Jahr als Fussgänger verunfallt. Wer jetzt denkt, das seien nur kleinere Stürze gewesen: 43 sind tödlich verunglückt und 537 wurden schwer verletzt. Es besteht also ein Verkehrsunfallrisiko kaum setzt man einen Fuss vor die Haustür. Auch ohne Töff.

Die Zahl der verunfallten Töfffahrer geht insgesamt zurück. Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt das Risiko für Töfffahrer, bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet zu werden, hoch. Dieses Risiko ist gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) für Töfffahrer 50 Mal höher als für Autofahrer oder -beifahrer.

Achtung: Andere machen Fehler

Kollisionen machen durchschnittlich rund 60 Prozent der schweren Töffunfälle aus. Zu schweren Kollisionen kommt es meist auf Kreuzungen. Die Analyse der bfu zeigt, dass in rund 65 Prozent dieser Fälle nicht der Töfffahrer als Hauptverursacher registriert wird, sondern der «Kollisionsgegner». Bei 55 Prozent der schweren Kollisionen ist der «Kollisionsgegner» sogar alleiniger Verursacher.

Um die Anzahl der Töffunfälle in der Schweiz weiter zu reduzieren, führen die bfu und die Föderation der Motorradfahrer Schweiz (FMS) die Sensibilisierungsoffensive «Stayin’ Alive» durch. Dieses Projekt wird vom Fonds für Verkehrssicherheit unterstützt und legt Töfffahrern nahe, jederzeit auf Fehler von anderen Verkehrsteilnehmenden gefasst zu sein.

Herantasten für alle Verkehrsteilnehmer

Christoph Jöhr, Leiter der bfu-Abteilung Verkehrsverhalten, betont, dass ein defensiver Fahrstil entscheidend ist – besonders zu Beginn der neuen Töffsaison. «Weil im Winter weniger Motorräder auf den Strassen zu sehen sind, können andere Verkehrsteilnehmende überrascht sein, wenn im Frühling auf einmal viele Töfffahrer unterwegs sind», so der frühere Töff- und Auto-Fahrlehrer.

Laut Jöhr ist es für Töfffahrer auch wichtig, sich auf die neue Saison gut vorzubereiten. Der Zustand von Töff und Ausrüstung solle geprüft werden, und auch der Töfffahrer selber müsse zuerst wieder strassentüchtig werden: «Nach dem Winter müssen sich Töfffahrer langsam wieder an die Strasse herantasten. Kürzere Ausfahrten zu Beginn der Saison erlauben es beispielsweise, das korrekte Kurvenfahren zu trainieren und in sicherem Rahmen das Notbremsmanöver zu üben.»​

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