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Der erfolgreichste Jahrgang

Frédéric Zwicker über die Mutter eines ehemaligen Schulfreundes.

Linth-Zeitung
Dienstag, 23. April 2019, 08:52 Uhr Der Zwicker

«Wie ist Ihr Name?», fragte mich die Dame am Schalter. Ich nannte ihn. «Ah, Sie sind Frédéric Zwicker? Sie waren mit meinem Sohn in der Schule.» Da erinnerte ich mich. Primar- und Sekundarschule. Seine Mutter kannte ich natürlich auch. Sie fuhr fort: «Von Ihnen lese ich immer wieder in der Zeitung.»

Und dann sagte sie, aus unserer Klasse hätten ja gleich mehrere mit ihren Erfolgen für Aufsehen gesorgt. Das sei irgendwie ein spezieller Jahrgang gewesen. Ernst Brönnimann mit seiner Metzgerei, Stefan Bächli mit dem Bächlihof und eben ich. «Stefan Bächli war aber ein Jahr älter als wir», wandte ich ein. Ah, dann sei er eben mit ihrer Tochter zur Schule gegangen. «Trotzdem ein spezieller Jahrgang.»

Es ist grundsätzlich immer schön, wenn man für seine Arbeit gelobt wird. In dieser spezifischen Situation war mir dabei aber eher unwohl. Ich fragte sie nach ihrem Sohn. Sie erzählte mir von seiner Familie, von seiner Arbeit, die er möge, und von seinen Reisen. Es klang, als sei er selber sehr erfolgreich auf seinem Weg. Das freute mich, machte mir die Sache aber nicht angenehmer.

Vor zwei Monaten hat mir unser Schlagzeuger Flo erzählt, die SVA verstehe neuerdings überhaupt keinen Spass mehr. Man müsse unheimlich aufpassen, dass man die Rechnungen rechtzeitig bezahle. Bereits die erste Mahnung sei mit einer saftigen Mahngebühr verbunden. Er ist bei der SVA Zürich. Es zeigte sich aber bald, dass die St.Galler Ausgleichskasse ihrer Zürcher Schwester in Sachen Härte in nichts nachsteht.

«Ich traue mich nicht, der Schulfreund-Mutter noch einmal unter die Augen zu treten.»

Ich war mir sicher gewesen, dass ich die Rechnung bezahlt hatte. Dass ich mich gründlich getäuscht hatte, wurde mir klar, als der Pöstler einen eingeschriebenen Brief von der SVA brachte, der mich über eine Betreibung informierte. Ich bezahlte umgehend, richtete für die SVA das Lastschriftverfahren ein und ging ins Stadthaus, um herauszufinden, was zu tun war. Glücklicherweise kann man Einträge im Betreibungsauszug löschen lassen.

Die Dame auf der Gemeinde schickte mich aufs Betreibungsamt. Ich stelle mir vor, dass Gänge dorthin nie leicht sind. Für mich wurde er zusätzlich erschwert. Denn auf diesem Amt arbeitet die Mutter meines ehemaligen Schulkameraden. Nachdem sie meinen Jahrgang und explizit auch mich für den erfolgreichen Werdegang gelobt hatte, suchte sie im System nach meinem Betreibungsauszug. Es stellte sich heraus, dass darin nebst der aktuellen Betreibung sogar noch eine zweite von der SVA vermerkt war, von der ich nichts gewusst hatte. Fünf Jahre alt und eingestellt war sie, aber trotzdem als unschöner Fleck eingemeisselt.

Inzwischen habe ich von der SVA St.Gallen die nötigen Dokumente erhalten, um beide Einträge löschen zu lassen. Bis jetzt habe ich das noch nicht erledigt. Es wäre wichtig. Aber ich traue mich nicht so recht, der Mutter meines ehemaligen Schulfreundes noch einmal unter die Augen zu treten.

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