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Circus Knie präsentiert sich 100 Jahre jung

Viktor Giacobbo und Mike Müller sorgen bei der Knie-Jubiläums-Show für die Lacher. Fredy Knie Junior mit seiner klassischen Pferdedressur für den Höhepunkt. Doch die nächste Generation arbeitet bereits eifrig mit am Zirkus der Zukunft – für die nächsten 100 Jahre Unterhaltung.

Südostschweiz
Samstag, 23. März 2019, 04:30 Uhr Klassiker und neue Auftritte

Zirkus mit Viktor Giacobbo und Mike Müller. Kann das gut gehen? Wer sich zum Aushängeschild des Circus Knie macht, muss allerhöchsten Ansprüchen gerecht werden. Late Night Show mit Akrobatiknummern und Tierdressuren? Ja, es klappt meist. Das Publikum brüllt oft vor Lachen, obwohl die Gags vom Fernsehen her bekannt sind.

Doch beginnen wir mit dem Anfang. Langsam füllt sich an der Premiere vom Donnerstagabend das weite Rund des neuen mastenlosen Zirkuszelts, Chapiteau genannt. Schlechte Plätze hinter Masten gibt es hier keine mehr, von überall ist die Sicht hervorragend. In der Mitte hängt ein Zylinder aus Tüll, auf den historische Bilder aus dem Zirkusleben der letzten 100 Jahre projiziert werden.

Und dann eröffnet die Jüngste aus der Knie-Dynastie, Chanel Marie, das Programm mit den Clowns, die mit kleinen Zwischennummern immer wieder eine Prise Poesie ins Programm einstreuen. Auf einen Zirkusdirektor wird verzichtet, kein Conferencier sagt sie einzelnen Nummern an. Wer als Zuschauer wissen will, wer vor ihm in der Arena auftritt und bei akrobatischen Kunststücken Kopf und Kragen riskiert, muss sich im Programmheft informieren. Der weisse Clown Yann Rossi zaubert in der Folge die schöne Sängerin Nubya aus einem Tischchen. Für ihren ersten Auftritt begleitet sie eine Artistentruppe, von denen bald einmal zwei hoch unter der Kuppel ihre Kunststücke vollführen. Es sind die Zirkus- und Theatertänzer des Moskauer Theaters Bingo, die Glamour verbreiten und das Publikum staunen lassen. Die Kostüme sind wie in allen Jahren vom Feinsten, und sie bieten ungeahnte Möglichkeiten als Projektionsflächen für die Lichtschau, die jeden bekannten Rahmen sprengt.

Der Lichtmeister des Knie spielt da in einer eigenen Liga, so wie die meisten der Auftretenden auch. Oft beleuchtet das Licht nicht nur die Artisten, sondern erweitert den Zirkusraum über das eigentliche Geschehen hinaus mit bezaubernden Effekten.

Preisgekrönte Brüder

Und dann kurz vor der Pause, man kann es nicht anders sagen: Der grosse Show-down. Der 72-jährige Fredy Knie Junior (welche Ironie der Bezeichnung!) tritt mit seinen Pferden auf. Da auch hier auf jeden Kommentar verzichtet wird, weiss man nicht genau, sind es jetzt 20 oder 24 weisse Araberhengste, die im Rund der Arena mit ebenso vielen schwarzen Pferden eine Dressurnummer zeigen, die ihresgleichen sucht.

Hintereinander, durcheinander, nebeneinander und miteinander traben die Tiere. Nur mit einem Zaumzeug versehen wirbeln sie ihr Programm, da braucht es keinen Zirkusschmuck, die Nummer besticht durch die unvergleichliche Schönheit der Pferde und ihrer Präsentation.

Hanspeter Burri stottert in der Folge seine Geschichte des Zirkus Knie herunter und findet, dass acht Generationen in 100 Jahren eine ganze Menge seien. Fredi Hinz assistiert ihm ein wenig, so sehr dass der gemütliche Berner sogar aufhört zu stottern.

Victor Kee vereint derweil Akrobatik mit Jonglange und bietet eine Schau, die witzig, erstaunlich und höchst unterhaltsam ist. Die Truppe Sokolov zeigt eine Nummer mit Schleuderbrettakrobatik, bei der einem das Blut in den Adern zu gerinnen scheint, höchste Präzision verbunden mit Kraft, Humor und einem Lächeln, das nie aus den Mundwinkeln verschwindet.

Die Fratelli Errani kennt, wer regelmässiger Besucher des Knie ist. Sie zeigen dieses Jahr eine unglaubliche Schau, sie nennen sie Ikarier-Nummer. Damit haben sie in Monte Carlo den goldenen Clown gewonnen. Der eine vollführt Saltos, Rollen und andere Überschläge auf den Füssen seines Partners, der auf dem Rücken liegend seine Beine als Katapult einsetzt und den andern wie eine Feder auf und auf- und niederspringen lässt.

Zirkus verbindet man gerne mit der Dressur von wilden Tieren. Die wildesten und zugleich die überraschendsten waren an diesem Abend eine Gruppe Papageien, präsentiert von Franco Knie Junior und seiner Familie. Erstaunliche Kunststücke auch hier und zum Schluss ein wildes Fliegen der bunten Vögel durchs Zelt. Hier allerdings bieten sich den Tieren ungewohnte Hindernisse: Gleich zwei Vögel kollidieren mit Seilen, die an der Kuppel hängen, und sind in der Folge zu keinen weiteren Kunststücken bereit.

SCHWEIZ CIRCUS KNIE
ZUM AUFTAKT DER NEUEN SAISON DES CIRCUS KNIE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Performers wave goodbye to the audience after a Circus Knie show at the Allmend in Thun, Canton of Berne, Switzerland, on October 25, 2018. (KEYSTONE/

Stehende Ovationen

Kurz vor Schluss sprengen zwei Reiter, je auf zwei schwarzen Pferden stehend, in die Mange. Wild geht es durchs Rund, und bald folgen ihnen die Araberhengste, die zuvor schon Fredy Knie vorgeführt hat. Ivan Frédéric Knie und Wioris Errani reiten ungarische Post und zeigen dabei Zirkuskunst allerhöchster Güte.

Fredy Knie Junior hat im Lauf des Abends angekündigt, dass er sich wie schon andere seiner Generation aus der Manege zurückziehen werde. Doch wenn er innerhalb der Zirkusfamilie solche Nachwuchsleute hat, muss man sich um die Zukunft des Nationalzirkus keine Sorgen machen. Längst arbeitet die siebte und achte Generation am Zirkus der Zukunft mit. Das Publikum feiert am Ende der fulminanten Premiere die Familie Knie mit stehenden Ovationen für 100 Jahre Zirkusdynastie.

Tiger, Löwen, Eisbären oder Nummern mit fremden Völkern, wie es das früher gab? Das sucht man heute vergebens. Knie hat sich modernisiert, der Zeit angepasst und vielleicht auch dem Druck der Tierschützer gebeugt. Wer weiss?

Aber dieses Programm lässt einem vergessen, was einmal war. Es zeigt, dass Zirkus auch ohne Tiere in Käfighaltung verlustfrei funktioniert. Verlustfrei? Nun, an die Auftritte der mächtigen Elefanten erinnert sich der Schreibende mit einer gewissen Wehmut.

Schlechte Plätze hinter Masten gibt es im neuen Zelt keine mehr. Von jedem Platz ist die Sicht hervorragend.

Der Circus Knie ist am 6. und 7. April in Glarus und vom 11. bis 14. April in Chur

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