×

So geht man in Schulklassen mit plötzlichen Todesfällen um

Kommt ein Jugendlicher durch Unfall oder Suizid ums Leben, betrifft diese Katastrophe in erster Linie die Angehörigen. Aber auch die betroffene Schulklasse wird durch so einen Verlust aufgerüttelt. In solchen Fällen kommt üblicherweise eine Betreuungsperson als Unterstützung zum Einsatz.

Montag, 28. Januar 2019, 04:30 Uhr Eine Mediatorin erzählt
SYMBOLBILD

Ariane Bearth-Riatsch ist Mediatorin beim 10. Schuljahr und in der Wirtschaftsschule KV in Chur. Sie ist dort die erste Anlaufstelle für Jugendliche, die sich in belastenden Situationen befinden, welche sie daran hindern, ihre beruflichen oder privaten Herausforderungen zu meistern. Das Beratungsangebot ist freiwillig, kostenlos und anonym.

«Jeder Einsatz ist so unterschiedlich, wie der jeweilige Mensch dahinter», erzählt Bearth-Riatsch. Sie schätze die Arbeit besonders deshalb, weil man oft mit wenigen Gesprächen oder Massnahmen Jugendliche auf die «richtige Bahn» zurücklenken und von Lehrabbrüchen oder ähnlichen Kurzschlusshandlungen bewahren könne.

Begleitung bei Todesfall in einer Schulklasse

Es passiere zum Glück nicht oft, aber wenn, dann brauche es Sofortmassnahmen. Teilweise müsse man innert weniger Stunden reagieren, erzählt Bearth-Riatsch: «Sie können sich vorstellen: Wenn am Abend ein tödlicher Unfall passiert, ist die Klasse am Morgen darauf im Schulzimmer und ein Platz bleibt leer.» Die Vorbereitungszeit sei knapp und man müsse entsprechend gerüstet sein. Die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen sei dabei unerlässlich.

Das Wichtigste bei der Begleitung einer Schulklasse seien richtige Informationen. Via soziale Medien würden die Jugendlichen oft bereits viel Unwahres erfahren. In einem ersten Schritt müssten deshalb Fakten auf den Tisch gelegt werden, wobei es für Vermutungen, Be- oder gar Verurteilungen keinen Raum geben dürfe. «Diese belasten nur die Situation und nützen niemandem etwas.»

Was passiert mit dem leeren Platz?

Oft kämen direkt aus der Klasse Vorschläge, was man damit machen kann. «Es braucht ein Zeichen», dieses müsse aber befristet sein, so Bearth-Riatsch. Wenn beispielsweise eine Kerze aufgestellt wird, sollte diese nicht ein ganzes Jahr lang brennen. Es sei wichtig, das man der Klasse die Möglichkeit gibt, wieder in den Alltag zurückzufinden. Und dafür brauche es eine professionelle Überführung.

Ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelt, spiele in der Betreuung der Klasse grundsätzliche keine Rolle. «In beiden Fällen handelt es sich um einen plötzlichen, unerwarteten Verlust einer Person», wobei die Frage im Vordergrund stehe, wie man mit den dadurch hervorgerufenen Gefühlen bestmöglich umgehen kann.

Massnahmen werden auf Situationen angepasst

Zusammen mit einer Berufskollegin habe sie ein Dossier zusammengestellt, worin sich mögliche Sofortmassnahmen für dem Umgang mit einem plötzlichen Tod eines Jugendlichen finden. Dennoch: Jeder Fall sei einzigartig und bedürfe einer individuellen Betreuung. Neben Gesprächen kommen auch Bildmaterial, Musik oder Text zum Einsatz. Gemeinsam in die Stille gehen, etwas aktiv zusammen unternehmen oder eine Situation gestalterisch auffangen – solche und weitere Massnahmen werden mit der betreffenden Lehrperson abgesprochen und umgesetzt.

Die Mediatorin erzählt von einem verjährten Fall, der ihr besonders in Erinnerung blieb. Es handelte sich um einen tödlichen Unfall eines Jugendlichen, bei dem die Eltern eine «spezielle Botschaft» der Schulklasse erhielten und diese Reaktion für die eigene Verarbeitung des Schicksalsschlages sehr schätzten. Jeder Mitschüler schrieb einen persönlichen Brief mit Erinnerungen an den Verstorbenen.

Bearth-Riatsch erzählt von einer Schulklasse, die für die Eltern des verstorbenen Kameraden persönliche Briefe übergaben.

Durch neue Vorfälle kommen alte wieder hoch

Es sei nicht selten, dass Todesfälle in Schulklassen für einzelne Jugendliche weitere Steine ins Rollen bringen. Vielfach würden Erinnerungen an Ereignisse wie eigene Verluste oder andere traumatische Erlebnisse wieder aufkommen, die lange Zeit verdrängt waren, so Bearth-Riatsch. Es gelinge ihnen erst zum Zeitpunkt der Konfrontation in der Schule, solche Ereignisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Sie erinnert sich beispielsweise an eine junge Frau, die durch einen tödlichen Unfall in der Schule den Mut fasste, über den Verlust ihrer eigenen Mutter zu sprechen. Diese war bereits einige Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Bearth-Riatsch erzählt von einer jungen Frau, die durch einen Todesfall in der Schule den Verlust der eigenen Mutter bewältigte.

In der Zwischenzeit sei es zum Glück bei Jugendlichen kein Tabu-Thema mehr, sich Hilfe zu holen. Nur schon vor zehn Jahren habe die Situation nach ganz anders ausgesehen, sagt Ariane Bearth-Riatsch. «Es ist noch nicht so selbstverständlich, wie dass man bei Fussbeschwerden zum Arzt geht; aber dennoch werden unsere Angebote immer selbstverständlicher genutzt», so wie es auch gedacht und sinnvoll wäre.

Kommentar schreiben

Kommentar senden