×

Eine Stimme für die Kinder alkoholkranker Eltern

Ihre Mutter war alkoholabhängig, ihre Kindheit geprägt von Angst und Gewalt: Die Rapperswiler Autorin Suna Lommen will mit ihrer Geschichte ein Tabu brechen. Heute engagiert sie sich für die Stiftung «Sucht Schweiz».

Ramona
Nock
Donnerstag, 24. Januar 2019, 04:30 Uhr

Die schönen Momente mit ihrer Mutter – die, in denen sie ihr wirklich eine Mutter war – kann Suna Lommen an einer Hand abzählen. Nachmittage, an denen sie gemeinsam malten oder bastelten, gab es in ihrer Kindheit nur ganz wenige.

Viel öfter erlebte die heute 54-Jährige aus Rapperswil ihre Mutter alkoholisiert. «Ich nahm sie eigentlich nie als anwesend, wach und präsent war. Sie stand immer unter dem Einfluss von Alkohol oder Tabletten», sagt Suna Lommen. Der Name ist ein Pseudonym, unter dem die Rapperswilerin auch ein Buch veröffentlicht hat (siehe Kasten). Um ihr Umfeld zu schützen, möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Geschichte von Suna Lommen ist die einer gestohlenen Kindheit und Jugend. Was der Alkoholmissbrauch eines Elternteils für ein Kind bedeutet, musste sie auf erschütternde Art und Weise erfahren. Bis heute leidet sie unter den Folgen der traumatisierenden Erlebnisse. Und trotzdem: «Ich will kein Mitleid», sagt sie energisch.

Dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt, merkt Suna Lommen schon im Kindergarten. Die Mutter greift schon damals zu oft zur Bierflasche, ist mit Haushalt und Kind überfordert. Den Weg zum Kindergarten muss das Mädchen allein zurücklegen, daheim als Fünfjährige die Wäsche aufhängen. «Ich weiss, dass meine Mutter mich eigentlich gar nicht wollte», sagt Suna Lommen. «Sie soll gesagt haben, dass sie dieses Baby in ihrem Bauch nie lieben würde.»

Schon mittags betrunken

Schlimm wird es, als Suna Lommen in die Schule kommt. Oft ist die Mutter schon am Mittag betrunken, liegt lallend auf dem Sofa oder schreit ihre Tochter grundlos an. Das Mädchen muss allein kochen und putzen, Schläge gehören zur Tagesordnung: mit der Faust, mit dem Teppichklopfer, mit dem Hammer. Manchmal bedroht die Mutter ihre Tochter mit einem Küchenmesser. Betrunken habe die Mutter aus unerklärlichen Gründen oft eine grosse Wut auf sie entwickelt, schildert Suna Lommen. «Nie konnte ich es ihr recht machen.» Das Schlimmste aber ist damals die Unberechenbarkeit der Mutter: Nie zu wissen, in welchem Zustand sie die Mutter antreffen würde, erfüllt die Schülerin jeden Tag mit Angst. «Ich war oft verzweifelt, ich fürchtete mich vor meiner Mutter», sagt sie rückblickend.

Ruhe findet Suna Lommen in jener Zeit höchstens abends. Dann verlässt die Mutter die Wohnung, geht in die Kneipe, dröhnt sich weiter zu. Hilfe bekommt das Mädchen keine. Die Mutter wird zwar mehrfach in die Psychiatrie eingewiesen. «Doch sobald sie entlassen wurde, begann alles wieder von vorn.»

Einmal packt die Mutter sie in einer Art Wahnzustand ins Auto, fährt mit ihr an die Grenze und redet davon, Fremde würden ihr Leben bedrohen. Die Flucht endet bei der Polizei, die Mutter kommt erneut in die Psychiatrie. «Sie war nicht nur alkoholsüchtig, sondern auch psychisch krank», weiss Suna Lommen heute.

Warum ihre Mutter alkoholkrank wurde, darüber kann die Rapperswilerin nur mutmassen. Aufgewachsen war sie in den Wirren des zweiten Weltkrieges in Den Haag, später lebte sie in einer niederländischen Kolonie in Indonesien. Dort war sie oft einsam, wurde vom Vater geschlagen und erlebte wechselnde Liebschaften ihrer Mutter. Eine wohlbehütete Kindheit hatte auch sie nicht.

Die Angst ist immer da

Umso wichtiger ist Suna Lommen später die eigene Mutterrolle. 1989 bekommt sie ihr erstes von drei Kindern, blüht im Muttersein auf. «Ich wollte alles besser machen als meine Mutter.» Doch geprägt von ihrer Kindheit, kann sie den Alltag nie ganz ungezwungen geniessen. «Die Angst, geliebte Menschen zu verlieren, war immer präsent.»

Ihre eigene Mutter lebt zuletzt auf der Strasse. 1996 verstirbt sie mit nur 54 Jahren nach drei Tagen im Koma.

Um alles zu verarbeiten ist Suna Lommen viele Jahre lang in Therapie, bekommt grosse Mengen Psychopharmaka. Nur langsam und mit Hilfe des richtigen Therapeuten schafft sie es, von den Medikamenten wegzukommen. Entzugserscheinungen hat sie noch heute. Auch den Alltag zu gestalten, kostet sie lange Zeit viel Kraft.

Heute geht es Suna Lommen besser, im Gespräch strotzt sie vor Energie. Alkohol rührt sie selber keinen Tropfen an. Sie engagiert sich für die Stiftung «Sucht Schweiz» (siehe Kasten) und will Kindern von suchtkranken Eltern eine Stimme geben: den «vergessenen Kindern», wie sie sagt. Denn: «Noch immer ist Alkoholsucht ein Tabuthema, bei dem keiner hinschauen will.»

 

 

100 000 Kinder in der Schweiz betroffen –
Nationale Aktionswoche vom 11. bis 17. Februar

Die Idee, den Kindern suchtkranker Eltern jährlich eine Aktionswoche zu widmen, geht auf die US-amerikanische National Associaton for Children of Alcoholics (NACOA)zurück. Sie will das Tabu brechen und Angebote für Kinder und Eltern bekannter machen.

Letztes Jahr wurde die Aktionswoche in Deutschland, den USA, in Grossbritannien und Schweden durchgeführt. Erstmals ist dieses Jahr auch die Schweiz mit dabei. Die Aktionswoche findet vom 11. bis 17. Februar statt und wird von «Sucht Schweiz» koordiniert. In der Schweiz leben nach Schätzungen der Stiftung rund 100 000 Kinder in einer Familie, in der ein Elternteil alkoholabhängig ist. Hinzu komme eine unbekannte Zahl von Kindern, deren Eltern von einer anderen Sucht betroffen seien.

Im Kanton St. Gallen finden diverse Anlässe statt: Die Polizei will auf ihrer Homepage Broschüren zum Thema aufschalten. Auch die Stiftung Suchthilfe St. Gallen bietet ein Programm mit Interviews mit Betroffenen und Angehörigen. Im Linthgebiet fehlen solche Aktionen, jedoch teilt Suna Lommen ihren Erfahrungsbericht und gibt Medienschaffenden in der Aktionswoche Auskunft (enfants-parents-dependants.ch). (ran)

 

Eine Biografie, die aufrüttelt

Ihre Geschichte hat die Rapperswilerin 2016 unter dem Pseudonym Suna Lommen veröffentlicht. «Es ist Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen» ist eine romanhafte Biografie. Teils etwas sprunghaft, dafür in aufrüttelnden Anekdoten, zeichnet die heute 54-Jährige die Stationen ihres Lebens nach. Auszüge aus der Krankenakte ihrer Mutter runden die Schilderungen ab. Aktuell arbeitet Suna Lommen an ihrem zweiten Buch. Mit ihrem neusten Projekt möchte sie zudem Ansprechperson für Betroffene sein und diese mit Fachstellen vernetzen (www.experience-life-support.ch). (ran)

Kommentar schreiben

Kommentar senden