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Die Näherinnen von Kampot

Corina Gerster hat ihre Zelte im heimischen Benken abgebrochen, um die weite Welt zu erkunden. Davon berichtet sie jeden Freitag auf linthzeitung.ch.

Linth-Zeitung
Freitag, 04. Januar 2019, 04:30 Uhr Quer durch die Welt
Made in Kambodscha: Die Näherinnen in Kampot arbeiten unter modernen, angenehmen Bedingungen.
CORINA GERSTER

von Corina Gerster

In Phnom Penh sichte ich Lastwagen, auf deren Ladeflächen zahlreiche Frauen sitzen. Sie werden morgens eingesammelt und zu den Textilfabriken gebracht. Dort nähen sie T-Shirts, Pullis & Co. Eusi Klamottä. Hier billigst produziert und in Europa günstig verkauft. Doch wie genau kann ein T-Shirt in unseren Läden 15 Franken kosten und rentieren? Genau: gar nicht. Viel zu oft leiden die Arbeiterinnen und Arbeiter in «Textilländern» wie Kambodscha oder auch Bangladesch, Vietnam, Indien unter dem wahnsinnigen Preisdruck. Dem einen oder anderen ist womöglich das «Rana Plaza» ein Begriff. Vor bald sechs Jahren stürzte dieses Gebäude mit mehreren Textilfabriken in Bangladesch ein und riss über tausend Menschen in den Tod. Daraufhin entblösste sich der Öffentlichkeit ein trauriges Bild: Die Arbeitsverhältnisse einer riesigen Branche sind mi-se-ra-bel. Seither wurden die Stimmen der Konsumenten immer lauter: Man fordert fair und nachhaltig produzierte Mode.

«Plötzlich wird das Wegschauen – vor den Hintergründen und Folgen unseres Konsums –unmöglich.»

Mir persönlich liegt dieses Thema schon länger am Herzen. Drum krieg ich mich fast nicht mehr ein, als ich in Kampot, im Süden Kambodschas gelegen, eine «Fair Fashion»-Produktion finde. Prompt erlaubt mir Dorsu einen Blick hinter die Kulissen: Direkt angrenzend an den kleinen Shop sitzen die Näherinnen bei der Arbeit. Im oberen Stock wird entworfen, das Büro geschmissen und der internationale Versand organisiert. Alles unter einem Dach. Das Konzept erscheint mir auf vielen Ebenen schlau: Die verarbeiteten Stoffe sind Abfälle der grossen Textilfabriken aus Phnom Penh und werden vor dem Vernichten gerettet. Kleine Mengen, dafür keine Resten. Kurzlebige Trends sucht man vergeblich. Nachhaltigkeit und Fairness gehen Hand in Hand. Apropos fair: Hier gibts fünf Arbeitstage, auf Wunsch sechs. Acht Stunden pro Tag. Eine Mittagspause ist Pflicht. Tageslicht, frische Luft und ein sicheres Gebäude. Was für uns nach ganz normalem Arbeitsrecht aussieht, ist in Textilfabriken leider oft ein rarer Luxus. Leider gehts noch längst nicht allen so gut wie den Näherinnen von Kampot. Doch dieses Paradebeispiel zeigt: Es ist möglich, es besser zu machen. Ein faires T-Shirt für 35 Franken funktioniert nicht nur in der Theorie, oder? Es isch würkli höchsti Ziit.

Sorry, für die happige Kost zum Jahresstart. Aber solche Erkenntnisse und Gedanken sind fix Teil des Reisealltags. Plötzlich wird das Wegschauen – vor den Hintergründen und Folgen unseres Konsums – unmöglich. Plötzlich steht man vor den Menschen, die so hart für uns arbeiten. Seien es die Näherinnen, der Reisbauer oder sonst einer. Sie alle kriegen ein Gesicht. «Made in Asia» ist für mich nicht mehr nur ein Label. Und für euch?

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