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Silvesterschellner drohen aus den Gassen zu verschwinden

Scheppernde Trycheln sollen böse Mächte von den Dörfern fernhalten: Das Silvesterschellnen, ein uraltes Brauchtum im Linthgebiet, droht langsam verloren zu gehen. Jüngere Generationen setzen sich nun dafür ein, die Tradition für Kinder wiederzubeleben – mit Erfolg.

Ramona
Nock
Montag, 31. Dezember 2018, 09:17 Uhr
Schänner Kinder unterwegs: Die Tradition des Silvesterschellnens soll an jüngere Generationen weitergegeben werden.Bild zVg

Wer Geistern die Stirn bieten will, muss früh aus den Federn. Um fünf Uhr morgens ist Besammlung für jene, die mit ihren Trycheln durch die Strassen marschieren und Unholden den Garaus machen wollen. Das sogenannte Silvesterschellnen oder Silvesterläuten ist ein jahrhundertealter Brauch und im Linthgebiet eine gern gesehene Tradition. Auch dieses Jahr ziehen in vielen Gemeinden, darunter Schänis, Schmerikon, Uznach, Eschenbach und Kaltbrunn, Trychlervereine und Kinderscharen durch die Dörfer. Der ursprünglich germanische Brauch, am Silvestermorgen Lärm zu machen, soll böse Mächte fernhalten – und sorgt nebenbei dafür, dass keiner den letzten Tag im Jahr verschlafen kann.

Von allen Richtungen ins Dorf

Die lärmende Schar, die am Obersee durch die Gassen zieht, ist aber längst nicht mehr so gross wie in der Vergangenheit. Weil neu Zugezogene den Brauch oftmals nicht kennen, wurde das Silvesterschellnen in den letzten Jahren vielerorts ein wenig vernachlässigt. Damit das Brauchtum auch kommenden Generationen erhalten bleibt, dafür setzen sich nun diverse Gruppierungen ein.

In Schmerikon ist es der Verkehrs- verein, der das Silvesterläuten wiederbeleben möchte. Heute Morgen ging der Anlass zum zweiten Mal unter neuer Federführung über die Bühne. Zuvor seien viele kleine Gruppen einfach lose «auf eigene Faust» losgezogen, schildert Verkehrsvereinspräsident Manuel Oberholzer. «Wir wollten dem Anlass wieder etwas mehr Struktur und eine bessere Organisation geben.»

So gibt es im Seedorf nun drei Routen, entlang denen Jung und Alt mit scheppernden Glocken unterwegs ist. «Von Osten, Westen und vom Norden – also von drei Richtungen her – ziehen die Gruppen durchs Dorf», schildert Oberholzer. Es gibt fixe Treffpunkte, Zielorte und Gruppenleiter. So wissen auch die Eltern älterer Kinder genau, wo ihre Sprösslinge unterwegs sind.

Bauern stiften ihre Glocken

Oberholzer hat das Silvesterschellnen selber als Kind miterlebt. «Es wäre schade, wenn diese Tradition verschwinden würde», sagt er. Um das Brauchtum auch für Neulinge attraktiv zu machen, muss nicht jeder zwingend selber eine Glocke mitbringen. «Wir haben bei uns einige Reserven von hiesigen Bauern», schildert er. Glocken seien also genug da. Alternativ seien auch andere «Krachmacher», etwa Instrumente, willkommen. Das Engagement des Verkehrsvereins zahlt sich offenbar aus: Letztes Jahr waren laut Oberholzer 70 bis 80 Personen unterwegs, darunter viele Familien und Kinder. «Es war eine bunt durchmischte Schar», schildert er, «die jüngste Teilnehmerin war vielleicht fünf Jahre alt».

Auch in Schänis gibt es Bestrebungen, das Silvesterschellnen besser zu organisieren und den «Nachwuchs» zu sichern. Nebst den «Federischellnern» waren bisher vor allem lose Zusammenschlüsse von Eltern frühmorgens mit ihren Kindern unterwegs. Letztes Jahr haben sich nun erstmals mehrere Familien vernetzt, um das Brauchtum gezielt für Kinder attraktiv zu machen.

«Die Gruppen, die am Silvestermorgen mit Glocken unterwegs waren, wurden immer weniger», begründet Mirjam Seliner. Sie gehört zum OK der Kinderfasnacht Schänis, das heuer zum zweiten Mal mithilft, das Silvesterschellnen für Kinder auf die Beine zu stellen. 45 Kinder haben sich angemeldet – dies seien mehr als im Vorjahr.

Die Tradition erklären

«Uns geht es auch darum, den Kindern den Hintergrund des Brauchtums zu erklären», sagt Mirjam Seliner. So wüssten viele Schüler fast besser über Halloween Bescheid als über das Silvesterschellnen.

Flyer, die an Schulkinder der Gemeinde verteilt werden, sorgen künftig dafür, dass das Wissen nicht verloren und die gelebte Tradition nicht vergessen geht. Und dass die Dorfbewohner auch in Zukunft am letzten Tag im Jahr frühzeitig aus den Federn kommen.

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