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Ein annähernd perfektes Leben

Ein annähernd perfektes Leben

Marc Bühlmann kennt die Uzner Schule – als Schüler und als Lehrer. Heute dreht sich sein Leben um Politik. Und der Sportfan trainiert seine eigenen Kinder.

Milena
Caderas
04.11.18 - 04:35 Uhr
Aus dem Leben

Scheinbar ein Fabrikgebäude kurz vor dem Bremgartenwald an der Berner Stadtgrenze. Hier befindet sich das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Zimmer 149. Zwei Büchergestelle, ein grosser Tisch für Besucher. Vor der Fensterwand lädt eine Sitzbank mit Kissen zum Lesen oder Überdenken ein.

Am Arbeitsplatz mit zwei Bildschirmen – der eine Quer-, der andere Hochformat – notiert sich Marc Bühlmann etwas auf einen Schreibblock, als er den Gast in der offenen Tür bemerkt. Seine Besucher empfängt er ausgesprochen freundlich und mit einem frisch gebrauten guten Kaffee. Seit 2016 ist er assoziierter Professor. Seit gut sieben Jahren ist der gebürtige Glarner Direktor von «Année Politique Suisse». Dabei handelt es sich um ein Jahrbuch und eine Online-Plattform zur schweizerischen Politik auf Kantons- und Bundesebene, das von der Universität Bern herausgegeben wird.

Der Politologe Marc Bühlmann sagt von sich selber, dass er von Haus aus Optimist sei.

Beim Small Talk wird schnell klar: Weder das graue Regenwetter draussen noch die politisch turbulenten Zeiten können dem 47-Jährigen etwas anhaben. Nur wenige Minuten dauert es, bis zum ersten Mal der Satz fällt: «Von Haus aus bin ich Optimist.» Und er wird im Verlauf dieses Gesprächs noch öfters fallen.

Unter guten Zeichen

Am Tisch beginnt er, von seinem Werdegang zu erzählen. Geboren wurde Bühlmann 1971 in Oberurnen. Neun Jahre später, als sich seine Eltern scheiden liessen, zog die Mutter mit den zwei Mädchen und zwei Buben nach Uznach. «Ich habe relativ lange gebraucht, bis ich mich im Städtli eingelebt habe, aber dann hat es mir sehr gut gefallen.» Für die Familie bedeutete der Umzug nach Uznach einen Neustart mit einem Elternteil. Der Kontakt zum Vater verlor sich über die Jahre. Vorwürfe mache er ihm keine, betont der Dozent.

Als Pädagoge hat der ausgebildete Lehrer klare Ansichten. Er will die Kinder in keine bestimmten Muster pressen.

Die Nähe zur Politik wurde Bühlmann nicht von zu Hause aus mitgegeben. Von Politikerinnen und Politikern hielt die Mutter nämlich nicht viel. Der Ratschlag fiel entsprechend eindeutig aus. «Junge, geh nicht in die Politik.» Die Voraussetzungen waren gut. Wichtig war, dass er etwas lernt, was ihm Spass macht. Zur Schule ging er immer gerne. Schon sehr früh war Marc klar, dass er eines Tages Lehrer werden möchte. So war der Besuch des Lehrerseminars in Wattwil alles andere als eine Verlegenheitslösung. Im Anschluss unterrichtete er drei Jahre lang in Uznach.

Pädagoge mit Leib und Seele

Als Pädagoge vertritt Bühlmann klare Ansichten. Er will die Kinder in kein bestimmtes Muster pressen. Aus einem Aal könne man keinen Affen und aus einem Affen keinen Elefanten machen. Jeder bringe aber ganz besondere Eigenschaften mit. Mit ihren Fähigkeiten würden sie sich aber ausgezeichnet ergänzen. «Ein Aal kann nun mal schlecht auf einen Baum klettern, und ein Affe ist ein schlechter Schwimmer, da können sie sich noch so viel Mühe geben», so Bühlmann.

Einige Aufgaben aus seinem Pflichtenheft fielen ihm schwer. Mit dem Benoten stand er auf Kriegsfuss. Den Kindern ein Zeugnis zu geben, widerstrebe ihm, erklärt der Ohrringträger.

Gute Argumente waren die Währung, in der in seiner Welt damals schon gezahlt wurde. Untermauert wird das durch folgende Anekdote aus dem Uzner Schulalltag. Sie dreht sich um das Kaugummiverbot im Unterricht. Ein Schüler wehrte sich mit sehr guten Argumenten. Zum Beispiel: Das Kauen fördere die Hirnaktivität. Letzten Endes wurden – unter gewissen Voraussetzungen – Kaugummis im Unterricht zugelassen. Nicht zur Freude aller Kollegen im Lehrerkreis.

Seit der Zeit am Lehrerseminar hat die Schule viele Veränderungen durchlebt. «Lediglich Frontalunterricht kann nicht funktionieren», ist der Pädagoge überzeugt. Heute sei die Schule im Grundsatz mit Ansprüchen aus der Gesellschaft überfrachtet. Viele würden zu viel erwarten. Die Ansätze, wie sie der Lehrplan 21 verfolgt, hält er für «fantastisch». Die Umsetzung könne man immer optimieren.

Damals entdeckte Bühlmann seine Leidenschaft für Volleyball. Neben der Ausbildung lag ihm viel am Sport. Viele Jahre war er als Spieler, Trainer und Vorstandsmitglied beim VBC Linth engagiert. Am Jubiläumsturnier vor Kurzem sei ihm noch einmal richtig bewusst geworden, wie viel ihm der Verein und der Sport bedeuteten.

Nach drei Jahren als Lehrer war die Zeit für eine Veränderung gekommen. Bühlmann wollte das Wissen nicht mehr nur vermitteln. Er wollte gerne dazulernen und schlug eine akademische Karriere ein. In Bern und Genf studierte er Politikwissenschaft, Philosophie und Soziologie. 2005 promovierte er. Dem Universitätsbetrieb blieb er bis heute treu.

Mittlerweile hat der Professor längst sein eigenes Büro und bietet einen weiteren Kaffee an. Er erklärt fast schon entschuldigend, dass er die meisten Bücher zu Hause aufbewahrt.

Privilegiertes Leben

Seine Studenten bezeichnet der Uzner als «Kinder», was er nicht despektierlich meint. Die Büro zu seinem Zimmer stehe immer offen. Die Kollegen zeigen nicht immer Verständnis für so viel Kooperation, lädt er sich durch seine Gesprächsbereitschaft doch einiges an Extraarbeit auf. Bühlmann geht davon aus, dass er etwa die Hälfte der Zeit für Lehre und die andere Hälfte für Forschung aufwendet.

In der Forschung zu arbeiten, sieht er als Privileg an. Drei Tage in der Woche kommt er in der Regel ins Berner Büro. Wenn er seine Ruhe braucht, steigt der 47-Jährige gerne auch mal in den Zug. Ein GA macht solche Studien-Bahnausflüge möglich. Konzentriertes Arbeiten sei im Institut an der Universität fast nicht möglich. Immer wieder werde er von Assistenten und Mitarbeitern abgelenkt. Und für manche Recherchen müsse er sich für ein paar Stunden in Quellen vertiefen können. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Demokratietheorie und Schweizer Politik. Insbesondere die Schweizer Politik hat es ihm angetan. In der Rolle als Beobachter fühlt sich Bühlmann ganz wohl. Einmal hat er dann doch den Sprung ins Rampenlicht versucht. Bei den eidgenössischen Wahlen 1995 kandidierte er im Kanton St. Gallen auf der Liste der Grünen. «Als Parteiloser», wie er betont. Dem Wissenschaftler ist es nämlich wichtig, unabhängig zu bleiben.

Der Politologe kann sich darum nicht vorstellen, sich an eine Partei zu binden. Lieber will er einordnender Zuschauer bleiben.

Leidenschaft für die Politik

In den Augen von Marc Bühlmann gibt es kaum Spannenderes als Politik. Sie dringe nämlich in nahezu alle Lebensbereiche vor. «Man ist schon in der Politik, ohne dass man es merkt.» Politik ist in seinem Verständnis weit mehr als lange, trockene und inhaltslose Parlamentsdebatten.

Geweckt wurde das Interesse schon früh. Politisiert habe ihn die Armeeabschaffungsinitiative 1989. Damals stand Bühlmann kurz vor der RS. 35,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung konnten sich damals ein Land ohne Verteidigungsorganisation vorstellen. Und die Zeiten blieben bewegt. Mit der EWR-Abstimmung 1992 stand die in den letzten Jahrzehnten wohl wichtigste aussenpolitische Weichenstellung an.

Ob er die direkte Demokratie, wie wir sie in der Schweiz kennen, für das perfekte System hält? Der Dozent lacht. «Perfektion gibt es nicht. Höchstens eine Annäherung ans Perfekte.»

Die eigene Familie

Privat ist Bühlmann ein Familienmensch. Über den Sport lernte der Volleyball-Spieler auch seine Frau kennen. In einem Leiterkurs in Magglingen begegneten sich die beiden Nati-B-Teamplayer zum ersten Mal. Heute haben die beiden drei Kinder und leben in der 1600-Seelen-Gemeinde Corgémont im Berner Jura. Bühlmann schätzt die frankofone Umgebung. Der Nachwuchs besucht französischsprachige Schulen. «Mich selber würde ich noch nicht als bilingue bezeichnen», so der Deutschschweizer. Integriert sei er aber gut.

Für Bühlmann gibt es keine Perfektion, höchstens eine Annäherung.

Von Anfang an sei klar gewesen, dass beide Ehepartner in der Erziehung einen aktiven Part übernehmen wollen. «Auch wenn meine Frau vermutlich bestreiten würde, dass wir das genau 50/50 umsetzen», sagt Bühlmann und schmunzelt. Sport verbindet die Familie. Auch wenn der Nachwuchs nicht dem Volleyball verfallen ist. Trumpf ist König Fussball. Bühlmann trainiert eine Juniorenmannschaft des FC La Suze, bei dem die Kinder trainieren.

In der Zwischenzeit hat es aufgehört zu regnen. Nach dem Regen scheint schliesslich immer die Sonne. Für die Zukunft wünscht sich der Akademiker, dass alles weiterhin so gut läuft. «Ich habe so viel Glück gehabt», erklärt der Politikwissenschaftler. Den Alltag, der ihn so zufrieden macht, beleben kleine Abenteuer. Von seinem Sohn hat er etwa zum letzten Geburtstag einen Bungee-Sprung geschenkt bekommen. Und wenns mal harzt und stockt, kommt die Hauptregel zum Tragen: Von Haus aus ist Bühlmann Optimist.

Fernsicht
In der Serie «Fernsicht» porträtiert die «Linth-Zeitung am Wochenende» in loser Folge Menschen, die ihre Heimat, das Linthgebiet, verlassen haben und heute im Ausland oder in anderen Landesgegenden der Schweiz leben. Das können bekannte oder anderweitig interessante Personen sein, die in der Region aufge-wachsen sind. Vorschläge für Porträts sind jederzeit herzlich willkommen.

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