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Der Rollstuhl gibt nicht den Ton an

Seit elf Jahren ist Roger Gebs nach einem Töffliunfall Paraplegiker. Er hat den Unfall gut verkraftet und sich mit dem neuen Leben schnell arrangiert. Sein Umfeld und eine positive Einstellung erleichtern ihm den Alltag erheblich.

Paul
Hösli
Sonntag, 09. September 2018, 04:30 Uhr Das Porträt
Unvergessliches Erlebnis: An einem Konzert der Death-Metal-Band Kataklysm in der Schüür in Luzern heben wildfremde Roger Gebs samt Rollstuhl in die Höhe.
DANIEL SPYCHER/PLEKVETICA

Roger Gebs› absolutes Highlight in den letzten Jahren war, als er von fünf völlig Fremden an einem Konzert in die Höhe gehievt wurde. Er konnte somit über die Köpfe der anderen Besucher gleiten – auch Crowdsurfing genannt. «Am Anfang war ich schon skeptisch, aber es war extrem cool, und ich werde es niemals vergessen.» Der Glarner liebt es, an Heavy-Metal-Konzerte zu gehen. Es ist wohl seine grösste Leidenschaft. So hat er für den Gesprächstermin viel Zeit. «Ich habe heute freigenommen, weil ich gestern in Pratteln an einem Konzert war. Seit dem letzten Oktober habe ich bestimmt mindestens ein Konzert pro Monat besucht.» Wenn es sein muss, fährt er auch alleine hin.

Was für die meisten als völlig normal erachtet wird, ist für den 28-Jährigen alles andere als üblich. Für ihn ist seit elf Jahren nichts mehr so, wie es einmal war. Er sitzt seit einem Töffliunfall im Rollstuhl. Ein Schicksalsschlag, der so manchem Erwachsenen und speziell einem Jugendlichen den Boden unter den Füssen weggezogen hätte. Nicht so Roger Gebs: «Ich habe einmal deswegen geweint. Dies war, als mich meine Freunde eine Woche nach dem Unfall im Paraplegikerzentrum in Nottwil zum ersten Mal besucht haben.»

Zusatzrunde mit fatalen Folgen

17 Jahre alt war der Ennendaner, als sein Leben eine unerwartete Wendung nahm. Ganz unschuldig ist er an dieser aber nicht. «Eigentlich war ich nach dem Ausgang bereits zu Hause. Ich hatte aber so den Plausch an meinem Töffli, dass ich noch eine kurze Runde durch Ennenda drehen wollte.»

«Weshalb soll ich mit dem Schicksal hadern? Ich kann es sowieso nicht ändern.»

Mit fatalen Folgen. Im Dörfli in Ennetbühls stürzt er, prallt mit dem Kopf gegen einen Zaun und bleibt trotz Helm bewusstlos in einem Garten liegen. Er war alkoholisiert und zu schnell unterwegs. Erinnern könne er sich aber sowieso nicht an das Geschehene, «ich kenne es bloss von Erzählungen.» Seine erste Erinnerung ist, wie er im Spital in der Röhre untersucht wird. Mit der niederschmetternden Diagnose: Bruch des fünften Brustwirbels, Querschnittlähmung. Hoffnung auf eine vollständige Genesung gibt es keine.

Was viele verständlicherweise aus der Bahn wirft oder in eine tiefe Depression stürzt, verkraftet der junge Mann scheinbar mühelos. «Ich habe eigentlich nie mit dem Schicksal gehadert, sondern mich von Beginn an damit abgefunden. Weshalb sollte ich auch? Ich kann es ja sowieso nicht ändern, also mache ich das Beste aus der Situation», so seine positive Einstellung. «Um das zu machen, was mir im Leben Spass macht, brauche ich meine Beine nicht. Gamen und Musik hören geht auch so.» Und auch sein speziell umgebautes Auto kann er nur mit den Händen fahren. «Das eigene Auto hat mir sehr viele Freiheiten zurückgegeben.»

Ziemlich beste Freunde

Geholfen haben ihm aber vor allem seine Freunde. «Sie sind einfach die Besten, sie haben mir so vieles erleichtert.» Er habe schon Menschen im Rollstuhl kennengelernt, von denen sich Freunde abgewendet hätten. Nicht so bei Roger Gebs – im Gegenteil. «Der Unfall hat uns noch näher zusammengeschweisst.» Er mache jeden «Seich» mit und lebe sein Leben mit Unterstützung seiner Kumpels normal weiter. «Manchmal müssen sie mich halt huckepack nehmen. Dies machen sie aber ohne Jammern, es ist eine Selbstverständlichkeit», zeigt er sich dankbar.

Er reiste mit ihnen etwa nach Lloret de Mar (Spanien) zum Partyurlaub, «der Strand war aber nicht so mein Ding», begibt sich in den Ausgang oder geht so oft wie möglich an Konzerte. Die Musik ist neben Videospielen seine grösste Leidenschaft. Er singt selber in einer Band, «also Singen ist es ja nicht, wir machen Deathmetal», relativiert er und lacht.

Stammgast am Wacken Open Air

Wenn er Konzerte besucht, bekommt der Konstrukteur bei der Netstal Maschinen AG in Näfels ausschliesslich positive Feedbacks. «Wildfremde Menschen kommen auf mich zu und freuen sich, dass ich dabei bin.» Roger Gebs begrüsst das Leben, so wie es ist. Diese Ausstrahlung bemerken offensichtlich auch andere. «Schon öfters wurde ich an Konzerten um ein Foto gebeten von Leuten, die Freunde im Rollstuhl haben. Diese besuchen aber die Konzerte nicht mehr.» So könne er auch eine Art Vorbildfunktion einnehmen, «es ist doch cool, wenn ich zeigen kann, dass das Leben trotz Rollstuhl lebenswert ist.»

Für einen Fan von Heavy-Metal-Musik ist der Besuch des Wacken Open Airs in Norddeutschland schon beinahe Pflicht. «In diesem Jahr feierten wir unser Zehn-Jahr-Jubiläum. Obwohl das Open Air eigentlich nur drei Tage dauert, bleiben wir jeweils eine ganze Woche», erzählt Gebs mit leuchtenden Augen.

Das Highlight des Jahres schlechthin, auch da das Open Air – es gilt als eines der grössten Heavy-Metal-Festivals weltweit –, sehr behindertenfreundlich ist. «Es gibt Container mit WC und Duschen und extra erstellte und erhöhte Bühnen für Behinderte mit perfekter Aussicht auf die Konzerte.»

Normale Bedürfnisse

Seine Freunde, die Familie und die Liebe zur Musik haben ihm den Wiedereinstieg ins neue Leben nach dem fünfeinhalbmonatigen Aufenthalt und der Reha in Nottwil sicher erleichtert. Seit nunmehr vier Jahren gibt es eine weitere Liebe in seinem Leben: Freundin Sandrina. «Sie ist in der Pflege tätig, das macht vieles einfacher. Und wir haben die gleichen Interessen.»

«Jaja», sagt er mit einem Lachen, «frag ruhig.» Auch wenn ein Mann im Rollstuhl sei, habe er dennoch die gleichen Bedürfnisse. «Alles funktioniert tadellos – also meistens», sagt er scherzhaft. Im Unterschied zu nicht behinderten Menschen spiele sich beim Sex halt das meiste im Kopf ab. Und auch zeugungsfähig ist Roger Gebs trotz des Unfalls noch. «Ich kann mir durchaus vorstellen, eines Tages eine Familie zu gründen.» Noch wohnt er zusammen mit seiner Mutter Claudia in Glarus, auch wenn er grösstenteils selbstständig ist. «Er ist sehr pflegeleicht», bestätigt die Mutter dann auch.

Sport und Spass

Roger Gebs ist ein Musterbeispiel, dass man sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lassen soll. Er macht Musik und treibt mit speziellen Velos Sport oder geht, nach anfänglichen Bedenken, im Klöntal schwimmen. Auch wenn er ab und an Unterstützung benötigt, manchmal mit den Körperfunktionen auf Kriegsfuss steht, «das nervt mich am meisten», und nie mehr laufen kann, geniesst er sein Leben in vollen Zügen.

Oder um es salopp auszudrücken: Er zeigt seinem Schicksal den ausgestreckten Mittelfinger und macht das Beste aus der Situation – es muss ja nicht immer gleich Crowdsurfing sein.

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