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Zwischen Zahlen und Salsa

Renato Resegattis Wurzeln liegen im Tessin. Aufgewachsen ist der Ökonom In Uznach. Heute sieht er sich als St. Galler. Vor Kurzem hat für den langjährigen Direktor der St. Galler Gebäudeversicherung ein neuer Lebensabschnitt begonnen.

Milena
Caderas
Sonntag, 14. Januar 2018, 04:30 Uhr Fernsicht

Seit Oktober ist Renato Resegatti im Ruhestand. Zuvor war er zehn Jahre lang Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons St. Gallen. Schwer sei ihm der Abschied nicht gefallen. «Ich kann gut loslassen», sagt Resegatti. Niemand sei unersetzlich. Ein bisschen Wehmut kommt dann aber doch auf, wenn er an die Zeit an der Spitze der Gebäudeversicherung zurückdenkt. Vor allem die Mitarbeiter vermisse er schon.

Heute ist er von St. Gallen in seine Heimat Uznach gekommen. Nach dem Interviewtermin trifft er sich mit ehemaligen Klassenkameraden und Bekannten. Nach langer Absenz nimmt Resegatti wieder einmal an einem Jahrgängertreffen teil. Zusammen kommen fast alle 1952 im Städtli Geborenen. Sichtlich begeistert erzählt der Uzner: Jedes Mal, wenn er über den Ricken fahre, überkomme ihn dieses Gefühl. «Das Linthgebiet ist schon der schönste Teil des Kantons St. Gallen.»

Nicht mitten aus dem Zentrum

Aufgewachsen ist Resegatti an der Zürcherstrasse 58. In der Nähe befindet sich heute das Feuerwehrdepot. Zwischen den Kindern aus den verschiedenen Quartieren habe es Streitereien gegeben, erinnert sich der heute 65-Jährige. Als Kind war er mit seinen Kameraden viel im Burgerwald unterwegs. Hier gab es zwischen den Kindern vom Uznaberg und dem Ausserhirschland spannende Revierkämpfe um die begehrtesten Plätze im Wald.

Die Eltern schätzten Offenheit. Seines Vaters Ankunft und Integration im Linthgebiet ist nicht ganz einfach gewesen, wie Resegatti aus Erzählungen weiss. Tessiner waren zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in der Region nicht überall willkommen. Als einziger nicht deutschsprachige Uzner Schüler blieb der Vater erst einmal Aussenseiter. Der Senior strengte sich an, lernte schnell die Sprache.

In der Schule gefiel es dem Nachkommen des Migranten gut. Das Lernen fiel ihm leicht. Die Wurzeln im Süden boten bei den Vertretern der zweiten Generation keinen Grund mehr zur Ausgrenzung. Die Mittelschule, ein Kollegium, besuchte Resegatti dann in Nuolen im Kanton Schwyz. Sein Freundeskreis verlagerte sich in dieser Jugendzeit Richtung March.

Die Vorstellungen von einer beruflichen Zukunft orientierten sich zunächst an denen der Eltern. Sein Vater war Architekt. Renato zeichnete gern. Er hätte sich eine Laufbahn als Baufachmann vorstellen können. Doch die Baukrise in den 70er-Jahren liess ihn die Berufswahl noch einmal überdenken. Der Sportbegeisterte studierte schliesslich Volkswirtschaft an der HSG in St. Gallen.

Erfolgreich beim Kanton

Nach dem Studium bekam er eine Stelle im Finanzdepartement. In der kantonalen Verwaltung ging es in den folgenden Jahren auf der Karriereleiter steil bergauf. «Ich hatte das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein», sagt er im Rückblick. Schon bald liefen bei ihm die Fäden des Finanzdepartements zusammen.

16 Jahre lang war er Generalsekretär im St. Galler Finanzdepartement. «Für mich ist das der spannendste Job, den die kantonale Verwaltung zu bieten hat», sagt der Uzner. Im Finanzdepartement komme alles zusammen. Hier kooperiere man eng mit allen anderen Departementen. Die «Scharnierstelle von Politik und Verwaltung» faszinierte ihn. Immer auf der Höhe der Projektentwicklungen zu bleiben, habe aber auch an seinen Kräften gezehrt. Der Takt für die Mitarbeitenden des Departements werde durch andere vorgegeben. Die Arbeit als Generalsekretär verlangte oft 120-prozentigen Einsatz – oder sogar noch mehr.

Seinen Förderern und Vorgesetzten bleibt Resegatti loyal verbunden. Der Kanton sei für ihn ein «super Arbeitgeber» gewesen und habe ihm eine «schöne Karriere» ermöglicht. Er sei dankbar für die Chancen, welche er erhalten habe. Resegatti hat wohl auch seinen Teil dazu beigetragen. Mit Eigenlob hält er sich aber zurück. Seine Entscheide, nicht Architektur zu studieren oder in die Unternehmensberatung zu wechseln, habe er auf jeden Fall nie bereut. Er habe sich einfach immer bemüht, sachlich zu bleiben und ehrlich zu kommunizieren, so Resegatti.

Voraus und vorwärtsgehen

In seinem Berufsleben konnte Resegatti reichlich Führungserfahrung sammeln. 45 Mitarbeiter haben zuletzt unter ihm gearbeitet. Was macht seine Führungsqualitäten aus? «Ich kann zuhören», meint Resegatti. Man müsse erst einmal die Ausgangssituation wahrnehmen und analysieren. Es sei ihm nie darum gegangen, über andere zu herrschen. Wahrscheinlich hätten die Mitarbeitenden das unbewusst verstanden.

Zum Abschluss seiner Karriere hat sich Resegatti dann doch noch ein bisschen mehr Freiheit, also Distanz zur kantonalen Verwaltung, gesichert. Jenseits seines 50. Geburtstags hielt er nach einer neuen Herausforderung Ausschau. Die kantonale Gebäudeversicherung suchte damals einen neuen Direktor. Der Rest ergab sich durch gute Referenzen und Freunde.

Die Institution versichert alle der rund 185 000 Gebäude im Kanton gegen Elementar- und Feuerschäden. Durchschnittlich bearbeitet die Versicherung jedes Jahr etwa 800 Brand- und rund 2500 Elementarschadenfälle. Zu den grössten Schadensereignissen, die Resegatti als Direktor zu bearbeiten hatte, gehören die grossen Überschwemmungen im Rheintal im Jahr 2012.

Manchmal habe das Gespräch mit unzufriedenen Versicherten geholfen. Probleme seien in der Regel dann aufgetaucht, wenn die Versicherung die Kosten nicht übernommen habe. Die Eigentümer hätten nicht nur Rechte, sondern auch die Pflicht, die Gebäudesubstanz angemessen zu unterhalten. Wenn dies vernachlässigt wird, kann die Versicherung im Schadensfall Zahlungen verweigern. Der ehemalige Direktor erinnert sich etwa an morsche Schindeln an einem Haus mitten im Sturm. In seltenen Fällen sei ein sachlicher Austausch mit enttäuschten Eigentümern nicht möglich gewesen.

Die Familie als Rückgrat

In besonders stressigen Zeiten hat ihm der Ausgleich durch das Familienleben geholfen. Resegatti hat einen Sohn und zwei Töchter im Alter zwischen 26 und 33 Jahren. Trotz des intensiven Berufslebens: All die Jahre pflegte er mit seiner Frau ein genauso lebensbejahendes wie intensives Hobby. Das Paar geht – nach wie vor – regelmässig tanzen.

Am liebsten sind dem Paar die lateinamerikanischen Tänze. Die Mittwochabende waren fix für das Training auf dem Tanzparkett eingeplant. Ansonsten hat er sich gerne im Garten ausgetobt, zum Beispiel beim Bäumeschneiden. Gerne mag der Uzner auch Ballspiele. Wichtig sei ihm in der Freizeit auf alle Fälle immer die körperliche Betätigung gewesen. Schliesslich habe er im Büro und auch sonst bei der Arbeit sehr viel Zeit im Sitzen verbracht.

Ein neues Zuhause

Auch die psychische Verfassung war ihm zeitlebens wichtig. Entmutigen oder gar unterkriegen liess er sich nie. Es gelang ihm stets, Distanz zu wahren. Gut geschlafen habe er auf jeden Fall immer, fügt er mit einem Lachen an.

Heute sieht sich Resegatti als St. Galler. Auch wenn die Kantonshauptstadt geografisch gesehen gar nicht so weit entfernt liegt, ist ihm seine Heimat über all die Jahrzehnte ein bisschen fremd geworden. Seit 44 Jahren lebt der Ökonom mittlerweile in der Gallus-Stadt.

Verwandtschaft hat er im Linthgebiet heute noch. Sein Vater, der Architekt, lebt zwar nicht mehr. Die Mutter wohnt heute im Altersheim in Schmerikon, die zehn Jahre jüngere Schwester in Rapperswil.

Sein Bruder lebt und engagiert sich nach wie vor im Städtli. Armando ist heute unter anderem Präsident des FC Uznach. Fussball ist eine Leidenschaft, welche die beiden Brüder schon ihr ganzes Leben lang teilen. Die Tessiner Wuzeln schlagen hier durch. So waren die Geschwister nie Fans vom FC St. Gallen oder etwa einem Zürcher Club. Ihr Herz gehört dem FC Lugano. Auch im Eishockey unterstützten sie die Luganesi.

Zum Ursprung zurück

Die neu gewonnenen Augenblicke als Pensionär will Resegatti übrigens dazu nutzen, seine Herkunft zu pflegen. Der emotionale Bezug zum Tessin sei zwar immer gross gewesen, auch wenn die Verwandtschaft dort klein sei. Italienisch sprechen die Resegatti-Kinder trotzdem nicht.

So möchte er nach seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben ein bisschen mehr Zeit im Ferienhaus im Tessin verbringen. Gerne würde er sein Italienisch verbessern und träumt von einem Sprachaufenthalt in der Toskana. «Mit diesem Namen liegt das auf der Hand», sagt Resegatti und zieht die Schultern hoch. Er verabschiedet sich und macht sich auf den Weg. Die Jahrgänger warten im «Kunsthof» bereits auf ihn.

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