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Ein Gnadenschuss in den Garten

Ein Wildhüter wird mit Nachtruhestörung in Verbindung gebracht. Der Grund: In der Silvesternacht hat er mit einem Flobert ein krankes Reh erlegt.

Pierina
Hassler
Samstag, 06. Januar 2018, 14:00 Uhr In der Silvesternacht
Im Gegensatz zu diesem gesunden jungen Reh hat der Wildhüter in Sils Maria ein altes und krankes Tier von seinem Leiden erlöst.
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Ein Mann aus Sils im Engadin empört sich über alle Massen. In einem Leserbrief (Seite 17) schreibt er: Am 31. Dezember, nachts um ein Uhr, habe er einen Knall gehört und dabei an nichts Böses gedacht. Vermutlich, dachte sich der Mann, habe da jemand eine Neujahrsrakete frühzeitig gezündet. «Doch weit gefehlt», schreibt er weiter. Seine Mieterin habe ihm am Morgen mitgeteilt, dass ein Unbekannter um diese Zeit in seinem Garten ein Reh erlegt habe. «Mein erster Gedanke: Das kann nicht wahr sein.»

Nicht ohne Schalldämpfer

Es stellte sich dann allerdings heraus, dass der Unbekannte ein eidgenössisch diplomierter Wildhüter war. Und dieser hatte im Garten des Leserbriefschreibers ein altes und sehr krankes Tier erlegt. Mit einem Gewehr. «Der Schuss wurde unterhalb unseres Schlafzimmers abgegeben», so der Beschwerdeführer. «Ich bin schockiert, als alter Jäger so etwas erleben zu müssen», schreibt er. «Für solche Nachteinsätze ist ein Schalldämpfer wohl das geeignete und sinnvollere Instrument.»

Des Pudels Kern ist also nicht, dass der Wildhüter das kranke Tier im Garten erlegt hat, sondern der Lärm, den der Schuss in der Silvesternacht verursacht hat. Denn am Schluss seiner Beschwerde stellt der Mann klar: « So was darf in unserer freien Schweiz nicht passieren, auch nicht von einem kantonalen Wildhüter.»

Die «Südostschweiz am Wochenende» wollte von Georg Brosi vom Amt für Jagd und Fischerei Graubünden wissen, ob so ein nächtlicher Schuss zwecks Erlegung eines kranken Tieres erlaubt ist? «Selbstverständlich», so der Jagdinspektor. Die Wildhüter seien gut ausgebildete Fachleute, die wissen würden, was in so einem Falle zu tun sei.

Brosi erzählt, dass eine Frau das Reh in diesem betreffenden Garten gesehen habe. Anschliessend habe sie sich beim Wildhüter gemeldet. «Dieser ist ausgerückt und hat sofort gesehen, dass das Tier sehr krank ist. Er hat aber trotzdem versucht, es aus dem Garten zu locken.» Das Reh habe aber keine Kraft mehr gehabt, um aufzustehen. «Der Wildhüter hatte keine andere Wahl, als das Tier vor Ort zu erlegen», so Brosi. «Er hat dazu ein Flobert mit dem geringstmöglichen Kaliber benutzt.» Zum Vorwurf des Leserbriefschreibers, der Wildhüter hätte für diesen mitternächtlichen Schuss unter dem Schlafzimmerfenster einen Schalldämpfer benutzen müssen, sagt der Jagdinspektor: «Die Leute haben immer das Gefühl, mit einem Schalldämpfer sei der Knall nicht mehr zu hören, aber so ist es nicht.» Er werde zwar etwas abgedämpft, aber zu hören sei er immer noch. Das im Fernsehen und im Kino so typische «Plopp» beim Abfeuern einer Waffe mit Schalldämpfer ist eben nur ein Märchen.

Für Brosi hat der Wildhüter das Bestmögliche gemacht. Er frage sich, wie die Leute reagiert hätten, wenn dieser trotz Meldung nicht ausgerückt wäre und am Morgen einfach ein totes Reh im Garten gelegen hätte.

Abstruse Vorstellungen

Jagdinspektor Brosi erwähnt, dass neben dem Vorschlag des Schalldämpfers auch die Frage auftauchte, weshalb der Wildhüter das Tier nicht einfach mit einem Jagdmesser getötet habe. Stimmt, das wäre natürlich absolut lautlos abgelaufen. «Nur ist das nicht tierschutzkonform», erklärt Brosi. Und ärgert sich grad ein wenig über solche «abstrusen» Vorstellungen.

Was ist ein Flobert-Gewehr?
Flobert-Waffen sind nach dem französischen Büchsenmacher Louis Auguste Flobert benannt. Mitte des 19. Jahrhunderts erfand er die Flobert-Einheitspatrone. Die kleinkalibrigen Flobert-Gewehre verschiessen schwache Handfeuermunition mit einer Rund- oder Spitzkugel im Kaliber vier bis neun Millimeter. Erhältlich sind auch Flobert-Schrot und Flobert-Platzpatronen.

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