Der Ausbruchhelfer
Seit 35 Jahren lebt Peter Ochsner in Nairobi. Der Glarner unterrichtet in Kenias grösstem Frauengefängnis seit einem Jahr kreatives Schreiben. Er möchte die Gefangenen geistig befreien und ihnen eine zweite Chance ermöglichen.
Seit 35 Jahren lebt Peter Ochsner in Nairobi. Der Glarner unterrichtet in Kenias grösstem Frauengefängnis seit einem Jahr kreatives Schreiben. Er möchte die Gefangenen geistig befreien und ihnen eine zweite Chance ermöglichen.
Lebenslänglich. Dieser Gedanke begleitet viele Frauen im grössten Frauengefängnis Kenias. Eingepfercht in dunklen und muffigen Zellen mit bis zu 120 anderen Frauen. Einen Ausweg gibt es für die wenigsten. Auch nicht für die junge Mary. Sie wartet auf die entscheidende Verhandlung und sitzt seit fünf Jahren wegen Mordverdachts hinter Gittern. Gitter, die der 67-jährige Glarner Peter Ochsner versucht, zu überwinden und die Dunkelheit mit ein wenig Licht zu erhellen.
Seit 35 Jahren lebt der gebürtige Oberurner in Kenia. Er ist Vater von zwei erwachsenen Adoptivkindern und lebt seit sechs Jahren getrennt von seiner Frau. Afrika hatte es ihm schon als Kind angetan, und als er geschäftlich in Kenia für eine Hilfsorganisation tätig war, gab es kein Zurück mehr. «Das Helfen liegt in meinen Genen, bereits mein Vater hatte einen ausgeprägten Sinn dafür.»
So musste er auch nicht lange zögern, als er von Pater Peter Meienberg, ein Benediktiner der Abtei St. Otmarsberg in Uznach, vor rund einem Jahr angefragt wurde, Fernsehgeräte in den Zellen zu installieren. Der 87-jährige Pater ist seit 55 Jahren in Afrika tätig und setzt sich seit 15 Jahren für bessere Lebensbedingungen der eingesperrten Frauen im Gefängnis am südlichen Stadtrand von Nairobi ein. Unter anderem hat er Betten organisiert. Zuvor schliefen die 700 Frauen auf dem kalten Boden. «Er hat das Leben der Insassinnen verändert. Ein wundervoller Mensch», schwärmt Ochsner.
Es ist unmenschlich
Während dieser Besuche kommt Ochsner mit den Frauen ins Gespräch und lernt dabei Mary kennen. Sie ist die eigentliche Initiantin für Ochsners Projekt «Writing behind bars», also schreiben hinter Gittern. Sie hat ihm ihr Manuskript, ihr Leben, vor einiger Zeit anvertraut. So kam ihm die Idee, auch anderen Frauen durch das Schreiben zu helfen. «Eingesperrt zu sein, ist etwas Unmenschliches. Die Frauen suchen verzweifelt Ablenkung, ein schwieriges Unterfangen. Schreiben ist ein Ausweg – zumindest gedanklich», erklärt Ochsner über Videotelefonie nachdenklich.
Mary schrieb damals: Die grösste Lektion, die ich aus meinem Leben gezogen habe ist, dass Dinge schief gehen, wenn die zugrunde liegende Krankheit nicht angesprochen wird, bin mir jedoch bewusst, dass ich nicht bestraft werde. Heute glaube ich, dass ich die Tochter bin, mit der Gott zufrieden ist. Irgendwie habe ich das Gefühl schuldig zu sein, aber ich weiss, dass ich es nicht bin.
Die Frauen seien zwar laut Peter Ochsner nicht religiös, würden aber im Gefängnis gläubig. «Es ist ihre einzige Hoffnung, der letzte Strohhalm.» Die Hoffnung, ihre Unschuld zu beweisen und Gehör zu finden.
Denn viele der Frauen seien unschuldig oder wegen einer Lappalie hinter Gittern oder sitzen Jahre in Untersuchungshaft und warten auf den Prozess. «Die meisten sind nicht von Grund auf kriminell, sie wurden durch die Gesellschaft in diese Ecke gedrängt», sagt Ochsner. So lautet auch der Grundgedanke seines Projekts: Second Chance, «der Sinn des Lebens muss eine zweite Chance sein.»
Lebenslänglich für Ochsner
Eine solche gab sich auch Peter Ochsner. Denn am Anfang haben ihn die Besuche im Gefängnis emotional enorm belastet. Was ihm vor Augen geführt wurde, ging ihm nahe. «Eine Frau kniete zur Bestrafung auf dem harten rauen Betonboden. Ich konnte ihren Schmerz erkennen. Nicht den von den Knien, aber derjenige, aus ihrem blutenden Herzen.» Es sei brutal, die Ausbruchversuche mitzuerleben, sagt Ochsner. Nicht durch die Gitterstäbe, aber aus der mentalen Umklammerung. «Da bin ich schon an meine Grenzen gestossen.»
Mittlerweile hat er aber den Rank gefunden, und es ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. «Es hat mich gepackt. Es ist die schönste und stärkste Droge überhaupt.» Lebenslänglich also auch für Peter Ochsner, im Gegensatz zu vielen Frauen selbst gewählt.
Korruptes System
Mary bekommt schliesslich ebenfalls Lebenslänglich. Sie geriet vor fünf Jahren in einer Bar in eine Messerstecherei. Der Haupttäter war kurz danach wieder auf freiem Fuss, zwei Mittäter ein Jahr später. Freigekauft. Mary, wie alle Frauen im Gefängnis in Nairobi aus ärmlichen Verhältnissen stammend, wird zum Tode verurteilt. Der Sündenbock ist gefunden. Da die Todesstrafe in Kenia seit 1964 nicht mehr vollzogen wird, heisst das Lebenslänglich. «Das Justizsystem in Kenia ist extrem korrupt», sagt Ochsner. «Auch deshalb schreibe ich zu diesem Thema eine Abhandlung. Eine Studie letztlich, die auch die Mitschuld der Gesellschaft thematisieren soll.»
Nicht nur, um die Frauen vom eintönigen Gefängnisalltag abzulenken unterrichtet Ochsner jeden Dienstag und Donnerstag von 9 bis 12 Uhr kreatives Schreiben. Er will sie auch auf das Leben nach dem Gefängnisaufenthalt vorbereiten. Nicht alle haben Lebenslänglich. Von seiner 25 Frauen umfassenden Gruppe seien lediglich vier hart gesottene Kriminelle. «Diese werden es auch so kaum schaffen. Für die restlichen sehe ich grosse Chancen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.» Die zweite Chance eben.
Mit einer Tracht Prügel gedroht
Peter Ochsner lehrt die Frauen, mit Unterstützung von jungen Lehrerinnen, nicht nur druckreifes Schreiben, er hört ihnen auch zu. Aber nicht zu ihrem Fall. Er versuche, genau dies zu vermeiden, um die Frauen auf andere Gedanken zu bringen – mit dem Schreiben über alles andere, wie die Natur etwa. Wenn eine Frau der Entlassung entgegenblickt, besprechen sie, wie sie das Erlernte in Freiheit anwenden.
Viele Frauen sind aggressiv, «Gewalt ist das einzige Mittel, das sie zur Problemlösung kennen». Und auch wenn es manchmal ein wenig rau zu und her gehe und er auch schon mit einem «Fuck you» und einer Tracht Prügel bedroht wurde, kann sich Peter Ochsner keine andere Lebensaufgabe mehr vorstellen. Man müsse ihnen die Stirn bieten, wenn es zu einem «Krach» komme. Dadurch hat sich Ochsner den Respekt der Frauen erarbeitet. «Das habe ich nach dem Motto Zuckerbrot und Peitsche geschafft», sagt er mit einem Augenzwinkern. Mittlerweile seien sie ihm unendlich dankbar für seine Dienste. Lebenslänglich.
«Es hat mich gepackt. Es ist die schönste und stärkste Droge überhaupt.»
Paul Hösli ist Leiter Sport bei den «Glarner Nachrichten» in Ennenda. Er ist seit 1997 bei der «Südostschweiz», im Jahr 2013 wechselte er intern von der Druckvorstufe in die Redaktion. Zuerst in einem 40-Prozent-Pensum und seit 2016 zu 100 Prozent. Mehr Infos
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Ich kann Ihnen nachfühlen…
Ich kann Ihnen nachfühlen. In der Schweiz läuft es nicht viel anders ab! Ganz liebe Grüsse an Peter Meienberg. Ich durfte seinerzeit auf seiner Missionsstation übernachten und einen meiner eindrücklichsten Gottesdienste besuchen. Zurzeit stehen bei mir kleine Weihnachtsgeschenke in Form von Alben bereit, welche ich nach Biberbrugg bringe, damit Menxchen im Strafvollzug ihre Gedanken zu Papier bringen können. Frohe, erfüllende Festtage und viel Licht nach Nairobi.