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«Es ist wie bei einem Todesfall in der Familie»

Die Fussball-WM findet ohne den vierfachen Weltmeister Italien statt – zum ersten Mal seit 60 Jahren. Bei den Italienern in der Region herrscht Trauerstimmung. Nicht alle sind jedoch überrascht. FCRJ-Präsident Rocco Delli Colli hofft, dass das Debakel zu einem Ausmisten beim italienischen Verband führt.

Pascal
Büsser
Mittwoch, 15. November 2017, 04:30 Uhr Trauerstimmung

Giovanni Fronzino will es noch nicht recht wahrhaben. «Niemand hätte gedacht, dass so etwas passieren kann», sagt der Ladenbesitzer und Garagist aus Schmerikon. Der vierfache Weltmeister Italien, ein Land mit 60 Millionen Einwohnern – und ebenso vielen Fussballexperten –, ist nicht an der Weltmeisterschaft 2018 in Russland dabei.

Nach dem 0:1-Hinspiel in der Barrage in Schweden glaubten die Fans noch an eine Wende – oder hofften es zumindest. Doch es folgte die grosse Ernüchterung. «Nicht normal, dass gegen Schweden kein Tor gelingt», meint Fronzino frustriert. Nach dem Spiel wollte er eines seiner drei Kinder anrufen. Doch niemand nahm ab.

Auch bei der Associazione Italiana im Klublokal in Kaltbrunn gab es nach dem Match keinen Redebedarf mehr. «Alle gingen wortlos nach Hause», sagt Marta Curcio (35). Ihr Vater Donato (60) führt das Klublokal.

Trainer und Verband in der Kritik

«Es ist wie bei einem Todesfall in der Familie», sagt Garagist Fronzino. «Ein paar Tage sind alle traurig. Doch das Leben geht weiter.» Der 67-Jährige meint das im übertragenen Sinne. Denn er sagt auch: «Ich bin kein Fanatiker. Wenn man verliert, muss man das akzeptieren und daraus lernen.» Das müssten nun auch die Verbands-Oberen bei den anstehenden Entscheiden.

Die Fans sind sich einig, dass National-Trainer Gian Piero Ventura der falsche Mann war. «Er hatte noch nie eine grosse Mannschaft trainiert», sagt Donato Curcio. Dabei habe Italien mehrere Trainer von Weltruf. Insofern habe das Verpassen der WM auch ihr Gutes. «Mit diesem Trainer hätten wir sowieso nichts erreicht», meint Curcio. Die Fans erwarten, dass Ventura abtritt, trotz hoch dotiertem Vertrag bis 2020.

Für Rocco Delli Colli, Präsident des FC Rapperswil-Jona, ist der überforderte Trainer nur ein Symptom von tiefergehenden Problemen im italienischen Fussball. Der Ursprung liege rund zehn Jahre zurück. 2006 wurde Italien zum vierten Mal Weltmeister. Im gleichen Jahr flog in der Serie A ein grosser Manipulationsskandal um Juventus Turin auf. Altgediente Funktionäre mussten abtreten. «Neue Dirigenten kamen an die Ruder – ohne Leistungsausweis», sagt Delli Colli.

«Es braucht im italienischen Fussballverband wieder eine Führung mit einem Plan», sagt FCRJ-Präsident Rocco Delli Colli.
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In den letzten Jahren habe das italienische Nationalteam von den alternden Legenden von 2006 gelebt – mit durchwachsenen Resultaten. Ausserordentliche Trainer, wie Antonio Conte zwischen 2014 und 2016, hätten das wegbröckelnde Fundament teilweise noch verdecken können.

Neuaufbau wie in Deutschland

Delli Colli hofft nun, dass es durch das jüngste Debakel zum grossen Ausmisten im Verband kommt – bis zuoberst an der Spitze. «Es braucht wieder eine Führung mit einem Plan.» Der Verband müsse dabei auch die Klubs einbinden, die immer mehr Talente aus Afrika und Südamerika holten, statt eigene Nachwuchsspieler zu entwickeln.

«Die Führungsspieler fehlen», stimmt Vincenzo Cristofaro, Präsident des FC Schmerikon, zu. «Im Moment sind auch in den italienischen Klubs eher Ausländer auf diesen Positionen.»

Marcel Benz, Gemeindepräsident von Weesen und langjähriger Jurist beim europäischen Fussballverband Uefa, gelangt zur gleichen Problemanalyse. Und zieht Parallelen zu Deutschland. «Nach dem Ausscheiden in der Gruppenphase an der EM 2004 hat Deutschland einen Neuaufbau gestartet und massiv in den Nachwuchs investiert.» Wellenbewegungen des Erfolgs sehe man bei allen Nationen.

Negative Folgen für die Wirtschaft

Für das WM-Turnier in Russland sei das Fehlen von Italien ein Verlust. «Die Attraktivität des Turniers ist nicht die gleiche, nachdem auch Holland fehlt», meint Benz. Wie sich das auf die WM-Stimmung in Russland auswirkt, wird sich zeigen. In Italien könne das Stimmungstief kurzfristig gar die Wirtschaft hemmen, glaubt Delli Colli. So stark fiebern die südlichen Nachbarn mit ihrem Team mit.

«Ohne Italien wird auch in der Schweiz nicht die gleiche WM-Stimmung aufkommen», befürchtet Cristofaro. Marta Curcio, die in der Schweiz geboren ist, setzt ihre Hoffnungen nun auf die Nati. Und auch Vater Donato will vor dem Klublokal in Kaltbrunn nächsten Sommer Schweizer Fahnen aufhängen. Garagist Fronzino hat derweil neben seiner zweiten Heimat Schweiz noch ein weiteres WM-Eisen im Feuer. Seine Frau ist Kroatin.

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