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Veränderungen mit Respekt begegnen

Seit Mitte August läuft die vierjährige Einführungsphase des Glarner Lehrplans. Wie war der Start? Was ist nun anders im Unterricht? Wie ist das für die Lehrpersonen? Und wie reagieren die Lernenden? Die «Glarner Woche» hat vier Lehrpersonen, eine Lernende und einen Schulleiter dazu befragt.

Südostschweiz
Donnerstag, 12. Oktober 2017, 11:09 Uhr Erstes Fazit zum neuen Lehrplan
Verschiedene Lehrpersonen ziehen ein erstes Fazit zum neuen Glarner Lehrplan.
PIXABAY

Nelly Krieg, Lehrperson Kindergarten Mollis: In der Ausbildung zur Praxisbegleiterin setzte ich mich intensiv vor allem mit dem Fach Natur, Mensch, Gesellschaft auseinander. Dies war interessant und ermöglichte einen entspannteren Start. In meiner Jahresplanung habe ich zwar auch die anderen Fächer drin, aber es wird noch viel Zeit und Energie brauchen, die richtige Darstellungsform zu finden. Momentan ist mir vieles noch zu unübersichtlich. Im Unterricht mache ich eigentlich nicht viel
anders. Aber die Planung oder Unterrichtsvorbereitung braucht mehr Zeit. Unsere Klassen werden immer heterogener, deshalb erfordert der neue Lehrplan differenzierte
Unterrichtsangebote, welche individuelle Lernwege ermöglichen. Die Auseinandersetzung mit dem zeitgemässen Lehrplan finde ich spannend. Es steckt eine immens grosse Arbeit von sehr vielen Fachleuten dahinter. Und ein Stück weit braucht es von Lehrerseite her einfach etwas Vertrauen, dass er als Arbeitsmittel
«verhebet». Die vier- bis siebenjährigen Kinder werden wohl noch keine Veränderungen bemerken im Unterricht. Für sie ist es nach der Eingewöhnungszeit im August normaler Schulalltag. Kompetenzorientierter Unterricht bedingt aber auf jeden Fall eine vermehrte Zusammenarbeit mit allen Lehrpersonen im gleichen Zyklus. Und dies werden die Schülerinnen und Schüler vielleicht realisieren.

Martin Padovan, Lehrperson 6. Klasse Glarus: Nach den intensiven Weiterbildungstagen war die Gefahr da, dass wir Lehrpersonen uns zu viel vornehmen könnten. In der Vorbereitungswoche vor dem Schulstart konzentrierten wir (meine Stellenpartnerin / schulische Heilpädagogin) uns darum wie geplant auf die zwei Hauptfachbereiche Deutsch und Mathematik. Da die beiden Lehrmittel weitgehend LP21-kompatibel sind, ist der Start gut gelungen. Mein Unterricht hat sich auf den ersten Blick nicht geändert. In den zwei Hauptfachbereichen, die ich im Fokus habe, löse ich mich Schritt um Schritt von der Lernzielformulierung und suche die passende Kompetenzformulierung. Neu versuche ich, vermehrt nicht nur das Endprodukt eines Schülers zu beurteilen, sondern auch bewusst die Handlung (Prozess), die zum Produkt führt, zu beobachten und in einem kurzen mündlichen Feedback auszudrücken. Ich arbeite ähnlich weiter wie bis anhin, mit dem Fokus auf die zwei Hauptbereiche. Mehr liegt nicht drin, da wir auch noch Weiterbildungen in den Fächern Französisch sowie Medien und Informatik haben. Ich begegne all diesen Veränderungen mit Respekt. Es ist gut, dass wir vier Jahre Zeit haben für die Umsetzung. Für die Lernenden sind die Unterschiede nicht offensichtlich, sondern in den Details sicht- und spürbar. Sie freuten sich zum Beispiel auf das neue Fach Medien und Informatik, weil sie dachten, wir arbeiteten immer mit dem PC. Dies ist halt nicht der Fall, was enttäuschte Gesichter gab.

Ursula Schmid, Lehrperson 1. Realschule Glarus:  Ich habe mich vor allem in der Mathematik intensiv mit dem neuen Lehrplan befasst und diesen bei der Vorbereitung beigezogen, um zu sehen, welche Kompetenzen und Kompetenzstufen bearbeitet werden sollen. Im Unterricht versuche ich nun bewusster, Sequenzen einzubauen, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen und Können auch zeigen müssen. Der Unterschied vom Wissen zum Können muss ihnen bewusst gemacht werden. Nur weil sie einmal etwas in der Schule «gehabt haben», heisst es noch lange nicht, dass sie es auch können. Es ist interessant, spannend und befriedigend, so zu arbeiten, aber es braucht auch viel Zeit und Durchhaltewillen. Ich bin froh, haben wir vier Jahre für die Einführung. Diese nutze ich und gehe Fach für Fach vor. Der Weg stimmt, die Richtung auch. Spannend ist zu sehen, wie die Lernenden plötzlich bewusst wahrnehmen, ob sie «kompetent» sind. Hier bietet das Lernatelier Raum und Zeit, um individuell an Lernaufgaben zu arbeiten, die kompetenzorientiert aufgebaut sind. Die meisten meiner Lernenden machen es gut, arbeiten motiviert mit und sind zufrieden. Es geht ja nicht darum, dass sie mit viel Wissen aus der Schule in die Lehre gehen, sondern mit Können, das fundiert und passend ist und ihnen Sicherheit gibt im weiteren Leben.

Matthias Hobi, Lehrperson 3. Sekundarschule Schwanden: Ich bin gut gestartet mit dem neuen Lehrplan. Neu ist beispielsweise das Fach «Projektunterricht». Diesen gab es bisher an der Oberstufe Schwanden nur für die Oberschüler. Nun lernen Sek-, Real- und Oberschüler in zwei Lektionen, was ein Projekt ist und wie man ein solches plant und durchführt. Ebenfalls neu ist, dass etwa Geschichte und Geografie zum Fach Räume-Zeiten-Gesellschaft zusammengefasst werden. Zu den neuen Fächern gehört auch Wirtschaft- Arbeit-Haushalt, welches das frühere Fach Hauswirtschaft etwas weiter fasst. Ich wurde als Quereinsteiger an der Pädagogischen Hochschule Zürich bereits nach dem Lehrplan 21 oder Glarner Lehrplan ausgebildet. Daher habe ich von Beginn an so unterrichtet. So oder so werden wir die Auswirkungen erst in einigen Jahren spüren. Entwicklungen, wie weniger Deutschund Mathelektionen oder etwa eine geringere Bedeutung des Kopfrechnens, muss man kritisch beobachten und Fehler korrigieren. Ich glaube nicht, dass die Lernenden viel vom Lehrplanwechsel bemerken. Wir Lehrer haben uns vor dem neuen Lehrplan Mühe gegeben und werden dies auch mit dem neuen Lehrplan weiter tun. Der Projektunterricht wurde von den Schülerinnen und Schülern gut aufgenommen.

Luana Fragapane, Lernende 3. Sekundarschule, Schwanden: Ich denke, es hat sich eigentlich nicht so viel verändert im Unterricht. Einfach dass man beispielsweise während der Stunde für die Berufsmaturitätsschule oder Fachmittelschule lernt. Ich persönlich würde lieber Bildnerisches Gestalten (Zeichnen) statt Musik haben. Dieses haben wir wegen der veränderten Stundentafel in der dritten Klasse nicht mehr. Die meisten meiner Mitschülerinnen und -mitschüler finden das Fach Wirtschaft-Arbeit- Haushalt ein wenig unnötig. Allgemein wünsche ich mir, dass der Unterricht interessant und spannend ist und auch bleibt.

Marco Hodel, Schulleiter Glarus-Riedern:  Der Start ist sehr gut verlaufen. Es muss klar gesagt werden, dass die Schulen beziehungsweise die Lehrpersonen Zeit haben, bis 2021 den ganzen Lehrplan umzusetzen. Es war ein grosser Vorteil, dass sich alle in der Weiterbildungswoche im Mai und in der letzten Sommerferienwoche intensiv mit dem Glarner Lehrplan auseinandergesetzt haben. Neben der Planung standen auch die Zusammenarbeit und die Koordination unter den Lehrpersonen im Vordergrund. Meine Arbeit verändert sich mit dem neuen Lehrplan nicht grundlegend. Guter Unterricht ist primär nicht nur vom Lehrplan abhängig – er wird erst durch gut ausgebildete und motivierte Lehrpersonen ermöglicht. Bei meinen Unterrichtsbesuchen werde ich vermehrt auf den kompetenzorientierten Unterricht und die Zusammenarbeit im Unterrichtsteam achten. Ein besonderes Augenmerk wird auch auf die Differenzierung und Individualisierung im Unterricht gelegt. In den nächsten vier Jahren wird es sicher noch Anpassungen geben. Die Weiterbildung der Lehrpersonen samt Einarbeitung in die neuen Lehrmittel wird vermehrt im Mittelpunkt
stehen. Absprachen zwischen den einzelnen Zyklen und Stufen müssen intensiviert werden. Umgehend muss auch ein Beurteilungsprozess, der auf den neuen Lehrplan ausgerichtet ist, entstehen und umgesetzt werden. Im Zentrum soll dabei eine ganzheitliche und nachvollziehbare Beurteilung stehen.

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Es gibt keinen Zweifel, dass die Lehrer sehr bemüht sind, alles richtig zu machen und ihren Schülern zu helfen. Allerdings vermisst man in den Beiträgen kritische Untertöne. Das erstaunt, weil der Lehrplan 21 wegen seiner OECD-Kompetenzorientierung mit dem "selbstgesteuerten Lernen" ja alles andere als unbestritten ist. Oder wurden die kritischen Lehrer nicht befragt? Das wäre schade. Ein Pädagogikprofessor erklärte unlängst, dass eine gute Schule Kritik ertragen können müsse.