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Uzner Herz schlägt für Kolumbien

Uzner Herz schlägt für Kolumbien

Patrick Müllers Herz gehört südamerikanischen Strassenkindern. Dabei hätte der Uzner das Goldschmied-Geschäft der Eltern im Städtli übernehmen können. Diese «Fernsicht» wird zum Plädoyer für eine soziale Marktwirtschaft.

Milena
Caderas
08.06.17 - 11:04 Uhr
Aus dem Leben
Hilfe vor Ort: Patrick Müller ist für das Jugendhilfswerk «Don Bosco» regelmässig vor Ort.

Patrick Müller knüpft seine Zusage, bei der «Fernsicht»-Serie mitzumachen, an eine Bedingung: «Im Titel muss Don Bosco stehen.» Don Bosco ist das kirchliche Jugendhilfswerk, für das Müller seit über zehn Jahren arbeitet. Nach dem Versprechen, dass Don Bosco einen prominenten Platz einnehmen wird, beginnt er zu erzählen – auf dem Tisch vor ihm liegen stapelweise Don-Bosco-Prospekte.

Eine Hausgeburt war es 1965 im Uzner Süsswinkel, mitten im Städtli. «Gut muss es gewesen sein», sagt Müller und lacht. Seine Familie betrieb im Städtli ein äusserst traditionsreiches Uhren- und Goldschmied-Geschäft, das sie 1991, ein Jahr vor dem 150-Jahr-Jubiläum, auflöste. Der Betrieb prägte seine Kindheit. Als Bub war er oft in der Werkstatt. Einen selbst geschmiedeten Ring hat er heute noch zu Hause in der Schmuckschatulle: einen simplen Goldring mit einfacher Schiene. Für Müller kam es nicht infrage, das elterliche Schmuckgeschäft zu übernehmen. «Mir fehlt leider das kreative Flair», sagt der Uzner.

In der Schule mochte er denn auch ein Fach besonders ungern: Zeichnen. Müller erinnert sich noch lebhaft an ein Bild vom letzten Abendmahl, das alle in der Klasse nachmalen sollten. «Mir hat mein Vater sehr geholfen», erzählt er. Ihm selber fehle das Talent. Weil für einen Goldschmied Geschick und Einfallsreichtum zentral waren und sind, schloss es Müller für sich aus, sich in diesem Berufsfeld ausbilden zu lassen. Dem jungen Patrick hatten es viel eher Fakten und Zahlen angetan. Bei Mathematik- oder in Finanzfragen fühlte er sich zu Hause. In der Schule bekam er in Fächern aus diesen Bereichen die besten Rückmeldungen.

Zielorientierte Ausbildung

Mit dem Ende der offiziellen Schulzeit drängte sich eine Frage auf: Kanti in Wattwil oder KV bei Weidmann in Rapperswil? Weidmann ist als ein weltweit führendes Unternehmen auf dem Gebiet der Elektroisolation für Hersteller und Betreiber von Transformatoren bekannt. Am Tag der offenen Tür fiel der Entscheid für die Lehre bei Weidmann. Hier konnte sich der junge Kaufmann einbringen und übernahm schon bald Verantwortung. Bereits als Lehrabgänger war er zum Beispiel allein zuständig für den internationalen Verkauf eines Isolationspapiers.

Den akademischen Weg verlor er ob all der praktischen Erfahrung aber nicht aus den Augen. Jahre später holte er die Matura nach. «Jeden Monat sind Päckli mit grünen Heften angekommen», erzählt Müller, wie er zum Lernstoff kam. Es habe schon Biss und Disziplin gebraucht, da durchzuhalten. Aber er hatte ein klares Ziel im Hinterkopf. Der Uzner wollte Berufsschullehrer werden: Handelslehrer.

Mit der Matura in der Tasche stand einem Studium nichts mehr im Weg. An der HSG in St. Gallen studierte er Wirtschaftspädagogik. Teils fühlte er sich an der Wirtschaftshochschule fremd. «Die Managertypen in St. Gallen haben ein bisschen auf die Wirtschaftspädagogik-Studenten herabgeschaut.» Nach Abschluss der Studienzeit packte Müller das Fernweh. Er habe sich gedacht: Wenn ich ins Ausland will, dann muss ich jetzt gehen. Brasilien war die erste intensive Auslandreise. Die grösste Reise bis dahin hatte ihn nach Mallorca geführt. Damals sprach er weder Spanisch noch Portugiesisch. In Quito, der Hauptstadt Ecuadors, wollte er das nachholen und begann, die Sprache seiner Sehnsuchtsländer zu lernen, gleich da, wo sie gesprochen wird.

Schauriger Sehnsuchtsort

Die berüchtigte Stadt Medellín in Kolumbien faszinierte Sprachstudent Müller. Traurige Berühmtheit erwarb Medellín, die zweitgrösste Stadt Kolumbiens, in den Achtziger- und Neunzigerjahren durch das Drogenkartell Pablo Escobars. Lange Zeit war es die gefährlichste Stadt des Landes.

Spontan schrieb er den dort tätigen Salesianern, dem kirchlichen Arm von Don Bosco, eine kurze Nachricht: Er interessiere sich sehr für ihre Arbeit; ob es eine Möglichkeit gebe, sie mal zu besuchen und mehr über ihre Arbeit zu erfahren. Innerhalb von 24 Stunden erhielt er eine Antwort: Man werde ihn am Flughafen

Die Salesianer betreiben oberhalb der Stadt das Heim «Ciudad Don Bosco». Im Wohnheim werden Strassenkinder versorgt und mit Freizeitaktivitäten unterhalten. Nach dem Schulabschluss haben sie die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zum Schreiner, Bäcker, Schlosser, auf einem Bauernhof oder der Gesundheitsstation zu beginnen. Es gibt zudem einen Kindergarten und ein Zentrum, das sich auf die Rehabilitation ehemaliger Kindersoldaten spezialisiert hat. 80 Prozent aller Kinder in ihren Hilfsprogrammen schaffen gemäss Don-Bosco-Unterlagen den Absprung weg von der Strasse und lernen auf eigenen Beinen zu stehen und ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Zwei Wirklichkeiten

Müller wurde bei seiner Ankunft am Flughafen tatsächlich erwartet und traf zum ersten Mal in seinem Leben auf Strassenkinder. Es kam zu Begegnungen, die sein Leben veränderten. «Ist es in deinem Land auch so, dass man auf der Strasse umgebracht wird?», fragten ihn die Strassenkinder. Während seines Aufenthalts besuchte er die Kinder auf der Gasse noch öfter. Kolumbien mit seinen Strassenkindern sollte Müller fortan nicht mehr loslassen. Auch wenn er in der Schweiz als Wirtschaftsprüfer bei Price Waterhouse im Businessleben erfolgreich Fuss fasste. Er lebte sozusagen in zwei Welten. Als er Überzeit kompensierte, nutzte er die freien Tage, um nach Kolumbien zu reisen. Den Kontakt dorthin hielt er die ganze Zeit aufrecht, wenn er in der Schweiz war: mit Telefonanrufen oder Briefen. Kolumbianische Freunde kamen zu Besuch.

Padre Luis aus Medellín besuchte Anfang des Jahrtausends Europa. Unter anderem wollte er das Don-Bosco-Haus im luzernischen Beromünster sehen. Als Schweizer Reiseführer fungierte Patrick Müller. So kam er das erste Mal in Kontakt mit dem Schweizer Hauptsitz von Don Bosco in der Innerschweiz. Der Besuch hallte nach. Wochen später erreichte Müllers Posteingang eine E-Mail aus dem Don-Bosco-Haus in Beromünster: Ob er sich vorstellen könnte, für das Don-Bosco-Hilfswerk «Jugendhilfe Lateinamerika» (heute «Jugendhilfe Weltweit») zu arbeiten. «Leicht fiel mir die Entscheidung nicht», so Müller. Am schwersten sei es gewesen, den Wechsel beim alten Arbeitgeber zu kommunizieren. Und was sagten seine Arbeitskollegen? «Ich glaube, die einen haben mich insgeheim beneidet.» Andere hätten wohl nicht so ganz verstanden, wieso er seinen respektablen und gut bezahlten Job als Wirtschaftsprüfer in der Privatwirtschaft aufgab. Heute ist er bei Don Bosco zuständig für den administrativen Bereich, für das Finanz- und Rechnungswesen, die Personaladministration sowie die Betreuung von Grossprojekten.

«Mein Herz schlägt nach wie vor für Kolumbien», sagt Müller. Auch heute noch ist er regelmässig in Südamerika. Pro Jahr absolviert er eine bis drei Projektreisen, regelmässig auch nach Kolumbien. «Das sind intensive Reisen», so Müller. Es sei ihm wichtig, nicht als derjenige gefeiert zu werden, der bloss das Geld bringt. Er repräsentiere ja schliesslich immer nur die Spender.

Weltweites Netzwerk

Müller betont und wiederholt: Don Bosco ist in 132 Ländern vertreten und zählt rund um den Globus 15 000 Mitglieder. Überdies ist es ihm sehr wichtig zu erwähnen, welche Bedeutung effizientem Mitteleinsatz zukommt. Von einem Spendenfranken fliessen 90 Rappen direkt ins Projekt. Die Entwicklungen einer Hilfsorganisation wie Don Bosco faszinieren ihn. Über die Jahrzehnte haben sich die Schwerpunkte der Arbeitseinsätze von Don Bosco dem Zeitgeist und neu gewonnenen Erkenntnissen angepasst. In den letzten Jahren ist beispielsweise das Bewusstsein für Ökologie gewachsen, meint Müller. Früher sei Umweltverträglichkeit meistens kein so grosses Thema gewesen.

Mit den Strassenkindern verbinden ihn teils lange und intensive Beziehungen. Was hat er aus den Freundschaften mit kolumbianischen jungen Obdachlosen gelernt? «Man muss die Menschen ernst nehmen. Die lokalen Verhältnisse akzeptieren.» Und ausserdem dürfe man die Menschen nie aufgeben. Wenn er das sage, denke er nicht zuletzt an die Situation der zahlreichen Flüchtlinge, die in diesen Tagen einen Weg nach Europa suchten.

Über die Arbeit hinaus

Don Bosco hat Müller nicht nur Sinn und Arbeit gegeben. Seine Ehefrau, eine Erzieherin, lernte Müller auch über Don Bosco kennen. Sie brachte zwei Söhne in die Ehe. Die beiden wurden für Müller «wie eigene Kinder». Einer der Buben will Wirtschaftsprüfer werden. «Ich hoffe, dass er ein sozialer Wirtschaftsprüfer wird», sagt Müller und schmunzelt. Sich selber sieht er heute in einer «Brückenfunktion». Für sich hat er die beiden Pole, soziales und wirtschaftliches Engagement, in seinem Leben und Alltag zusammengebracht. «Die Wirtschaft muss in einem Regulativ funktionieren», ist der Wirtschaftspädagoge mit dem Herz für die Strassenkinder überzeugt.

Oh ja. Weil wir es versprochen haben und es mit einem Don-Bosco-Wein verdankt wurde, auch wenn es den Weg nicht in den Titel geschafft hat: weitere Informationen unter www.donbosco.ch.

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