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Der «Astronaut» hat seine Raumstation nach Luzern verlegt

Der «Astronaut» hat seine Raumstation nach Luzern verlegt

Das Linthgebiet ist Otto Heigold ein bisschen zu eng geworden. Sein Zuhause sei das Weltall, sagt der im Diemberg
aufgewachsene Künstler und Pädagoge. Ein Besuch im Zentrum seines Bilduniversums in Luzern.

Milena
Caderas
23.04.17 - 10:00 Uhr
Aus dem Leben
Astronaut und Lehrer: Otto Heigold geniesst die Zeit in seinem «Raumschiff».
MILENA CADERAS

Otto Heigold sagt von sich selber, dass er auf einem Bildplaneten wohnt. Ellipsen faszinieren ihn. Sie erinnern an die Umlaufbahn eines Himmelskörpers im All. Und sie tun dem Betrachter eine dritte Dimension auf. Geführt auf seiner Reise zum Bildplaneten hat Heigold stets die Frage: Wie finde ich zu meinen individuellen Bildern?

Am Anfang war das Holz

Die «Raumstation» in seinem Bilderuniversum ist das Arbeitszimmer im Dachstock seines Hauses in Reussbühl bei Luzern. Eine schmale Holztreppe führt – vorbei an Wänden voll mit älteren und neueren Zeichnungen und Drucken – ins mit Holz ausgekleidete Dachzimmer. Hier zeichnet, arbeitet und sinniert der gebürtige Eschenbacher. Papierstapel sowie Kartons mit Zeichnungen und Drucken zeugen von mehr als fünf Jahrzehnten kreativem Schaffen in diesem Zimmer.

Runde Sache: Ellipsen faszinieren Otto Heigold.
MILENA CADERAS

Die Reise zum Bildplaneten begann 1943 im Linthgebiet. Heigolds Vater hatte eine Schreinerei im Diemberg. Der kleine Otto spielte oft und gerne zwischen den Hobelbänken. «Damals hat man noch nicht so sehr aufgepasst wie heute», erinnert er sich an seine Freiheit als Kind. Die Mutter war immer wieder krank. Ärztliche Behandlungen kosteten teures Geld. Materiellen Luxus gab es keinen. Sohn Otto hätte den elterlichen Betrieb übernehmen sollen, wollte aber schon sehr früh viel lieber Lehrer als Schreiner werden.

Abenteuer und Drill

An den Schulunterricht von damals denkt er nicht unbedingt gern zurück. In der Schule jener Tage habe viel Drill geherrscht, das Klima sei einschüchternd gewesen. Manches, wie der Malunterricht, bereitete Heigold auch Freude. Die erste Erinnerung an künstlerisches Schaffen geht zurück in die 6. Klasse. Die Schüler sollten die Schlösser im Kanton St. Gallen zeichnen. «Auf ein A4-Blatt mit Bleistift», so Heigold. Noch heute strahlt der Eschenbacher, wenn er von den allerersten Versuchen als Maler und Zeichner erzählt.

Alles in allem denkt Heigold zurück an eine glückliche Kindheit, in der er auch das eine oder andere Abenteuer erlebt hat. Mit heute noch spürbarer Begeisterung erzählt er von diesem einen Mal, wo er mit seinem Freund Albert Oberholzer mit dem Velo den ganzen Weg bis nach Einsiedeln geradelt ist, um auf dem Klosterplatz in einem Zelt zu übernachten. «Heute würde das wohl nicht mehr gehen. Vermutlich würde die Polizei kommen», sagt der Pensionär und schmunzelt. Hinter dem spitzbübischen Lachen, das hinter den Gläsern der Brille mit schwarzem Rändern losbricht, muss heute noch die gleichen jugendlichen Neugier wie damals stecken.

Der Urknall

Kurz vor seinem 16. Geburtstag musste die Familie die Schreinerei verkaufen und zog ins Oberfreiamt. In Zug besuchte Heigold das Lehrerseminar St. Michael. Drei Jahre unterrichtete er im Anschluss an einer Primarschule. 1964 besuchte er mehr oder weniger zufällig ein Abendkurs in didaktischem Zeichnen. Seit damals setze er sich bewusst mit Bildern auseinander, sagt Heigold. Für sein Bilduniversum war dieser Abendkurs so etwas wie der Urknall. Er liess sich anschliessend zum Zeichenlehrer ausbilden.

Jute: Heigold benutzt für seine Kunstwerke verschiendenste Materialien.
MILENA CADERAS

Neben dem Unterrichten hat Heigold immer auch gezeichnet. «Wenn ich beginne, weiss ich nicht, was daraus wird», sagt er. Manche Drucke bleiben Jahre liegen, bevor sie vollendet werden. Andere Arbeiten schliesst er in kürzester Zeit in einem Zug ab, wieder andere Skizzen werden nie fertig. «Mir geht es nicht um das Äussere, sondern um den Kern eines Wesens», erklärt Heigold. In sogenannten Ottogrammen versucht der St. Galler, diesen Kern zu erfassen. Er wolle alles «auf das Maximum reduzieren». Es entstehen scheinbar einfache Strichfiguren und -muster als Stempel.

Der Reiseleiter

Von 1970 bis 2008 unterrichtete der Künstler an der Hochschule für Design und Kunst Luzern. Mit viel Herzblut teilte Heigold seine Aufmerksamkeit und Energie zwischen Lehre und eigenem Schaffen auf. Ihm war es immer ein Anliegen, die Studierenden bestmöglichst bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Für seine Schüler hat er zu diesem Zweck etwa ein Leporello, also ein Faltbuch mit anschaulichen Anleitungen zu verschiedenen Drucktechniken und anderen wertvollen Tipps, gestaltet.

Guter Erklärer: Während vieler Jahre lehrte Heigold an der Hochschule Luzern.
MILENA CADERAS

Die Lehre war aber nie einseitig. «Ich habe viel von den Studenten gelernt», sagt Heigold. Sie hätten immer wieder wichtige neue Ideen und Sichtweisen eingebracht. Nach einem Unterrichtstag sei er oft ziemlich geschafft gewesen. Der Austausch mit dem Nachwuchs sei immer wieder sehr intensiv geworden. Nicht immer ist es ihm leicht gefallen, die Arbeiten der Studenten zu beurteilen. Jeder fülle die Bilder mit seiner Biografie, da gebe es kein Richtig oder Falsch, sondern subjektive Wahrnehmung. Jeder sehe sein ganz eigenes Bild. Natürlich spiele beim Beurteilen immer auch die persönliche Beziehung eine Rolle.

Als Paar auf der Reise

In seiner Welt blieb Heigold nicht allein. Er ist verheiratet. Immer wieder war es seine Frau Roswitha, die ihm entscheidende Hinweise für seine künstlerische Weiterentwicklung gab. Fünf Kinder und zehn Enkelkinder haben die beiden grossgezogen oder betreuen sie ab und zu. Zum Linthgebiet gibt es heute nicht mehr viele Verbindungen. Freunde und Bekannte aus Kindertagen leben heute entweder nicht mehr in der Region oder gar nicht mehr. Aber Heimat bedeutet es ihm immer noch, sofern ein irdischer Ort einem Bewohner des Bildplaneten überhaupt Heimat sein kann.

So eine Expedition im Bilduniversum bleibt nicht ohne Risiko. Es drohen zum Beispiel Einschläge. Heigold ist klar, dass nicht alle diesen Weg als Astronaut und Lehrer unbeschadet überleben. «Ein Schutzengel hat mich durch mein ganzes Leben begleitet», sagt er. Sein grösster Wunsch ist, dass auch in Zukunft immer wieder Menschen zum Bildplaneten aufbrechen. In seiner Lebenszeit möchte er möglichst viele dort hinbringen, ihre eigenen Bilder zu finden. Das erfordert Pionier-Qualitäten. Im Laufe seiner Tage hat er trotz aller Widrigkeiten seine eigenen Bilder gefunden.

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