Neue Studie stellt Kanton und Sprachenorganisation kein gutes Zeugnis aus
Der Titel klingt sperrig, der Inhalt ist brisant: Im Auftrag des Bundesamts für Kultur hat das Zentrum für Demokratie Aarau den Bericht «Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der rätoromanischen und italienischen Sprache und Kultur im Kanton Graubünden» erarbeitet.
Der Bund wollte von den Forscherinnen und Forschern aus Aarau wissen, wie sich die heutigen Massnahmen zur Sprachenförderung im Kanton ausgewirkt haben. Und: Die Studie soll mit als Entscheidungsgrundlage dienen, wenn die Gelder für die Förderperiode der Jahre 2021 bis 2024 vergeben werden. Befragt wurden für das Papier 54 Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft in Graubünden sowie elf Fachleute.
Die Verfasserinnen und Verfasser verweisen darauf, dass sich die Situation des Romanischen und des Italienischen in Graubünden grundlegend unterscheiden. «In Bezug auf die rätoromanische Sprache besteht bereits mittelfristig die Gefahr einer existenziellen Bedrohung», schreiben sie. Auf die italienische Sprache treffe das nicht zu. «Die grösste Herausforderung für das Italienische besteht vielmehr im Verhältnis der einzelnen Sprecherinnen und Sprecher zu den kantonalen Behörden und staatsnahen Betrieben.»
Der Kanton «zu zögerlich»
Die Resultate der Studie fallen ernüchternd aus – nicht nur, was die romanische Schriftsprache Rumantsch Grischun angeht. So kommt das Papier zum Schluss: «Insbesondere der Kanton Graubünden, dem die Hauptverantwortung für die Erhaltung der rätoromanischen und italienischen Sprache in Graubünden zukommt, nimmt die ihm aufgetragene Verantwortung nur zögerlich wahr.»
Bei dieser Einschätzung stützten sich die Verfasserinnen und Verfasser der Studie auf die Antworten der befragten Personen. Diese sind demnach der Meinung, dass die Situation der Sprachminderheiten im Kanton «auf dem Papier sehr gut» ist. Im Alltag sehe es aber anders aus. «Im Bereich der Mehrsprachigkeit wird der Kanton Graubünden von vielen als wenig aktiv wahrgenommen.»
Kritik gibt es vor allem an den Sprachkenntnissen der kantonalen Verwaltung. Von Vertreterinnen und Vertretern Italienischbündens werde «die mangelnde Mehrsprachigkeit der kantonalen Verwaltungsstellen scharf kritisiert», heisst es dazu in der Studie. «Besonders im Gesundheitsbereich – konkret in den Spitälern – sei der Mangel an italienischsprachigem Personal erheblich.» Zudem würden bei der Stellenvergabe durch den Kanton «Deutschsprachige klar bevorzugt».