Mutterliebe? Fehlanzeige. In «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss
Nach seinem Vaterbuch «Vaters Kiste» aus dem Jahr 2022 widmet Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» jetzt auch seiner Mutter ein Buch. Er umkreist darin eine Leerstelle in seinem Leben.
Als der Vater verstarb, hinterliess er Schulden und eine Kiste, die der Sohn vorerst nicht öffnete. Beim Tod der Mutter bleibt ein Guthaben von 60 Franken zurück. Eine traurige Wenigkeit, die beim Sohn Schuldgefühle weckt. Er «schämt sich. Er hat nicht verstanden, wie schwach sie war».
Lukas Bärfuss nähert sich in «Königin der Nacht» der zweiten «Portalfigur» seines Lebens. Die Mutter ist in der Dominikanischen Republik verstorben. Sie war mit ihrem Partner ausgewandert, weil die kleine Rente dort weiter reichte. Wie der Sohn fünf Tage später in ihrem Schlafzimmer steht, gerät er in einen Strudel der Gefühle zwischen Schuld und Rechtfertigung.
Auf sich gestellt
Die Mutter ist gewiss, heisst es seit je her, wer immer der Vater sein mag. Und ebenso gewiss ist die Mutterliebe, sagt man. Die Mutter umsorgt ihre Kinder und beschützt sie, diese erwidern es mit Zuneigung. Das alles weiss er, «der Sohn, der Schriftsteller, ich». Aber stimmt es für ihn auch?
Lukas Bärfuss spürt in seinem «kurzen Buch über die Mutter» einem Gefühl nach, das der Sohn nicht kennt. Mutterliebe? Fehlanzeige. Der Schlüssel ist ein Erlebnis Mitte der Achtzigerjahre, als der 15-Jährige eines Tags nach Hause kommt und die Wohnung bis auf sein Zimmer leer vorfindet. Die Mutter hat sich ohne Nachricht zu ihrem Typen in eine andere Stadt davongestohlen. «Er wird sich unsichtbar machen», schreibt Bärfuss aus der Optik des Jungen, und sich bis achtzehn irgendwie durchschlagen, um ja nicht ins Heim zu kommen. Dass ihm dies gelang, auch davon erzählt dieses Buch.
Sohn überlebt Mutter
«Eine Mutter ist, was man nicht loswird», selbst wenn man sich von ihr lossagt. In diesem Zwiespalt gefangen, hat Bärfuss kein brillantes Buch geschrieben. Vieles wirkt darin etwas unausgewogen. Mal geraten Beschreibungen ausschweifend, mal gibt er sich kurz angebunden, doch oft formuliert er auch pointiert genau. «Königin der Nacht» zeugt spürbar von einem Krampf und Kampf mit der Figur der Mutter und dem biblischen Gebot, sie zu ehren.