Der gekaufte Nachbar
In Skandinavien tobt der Grosse Nordische Krieg, in London wird Georg Friedrich Händel musikalischer Leiter der neu gegründeten Royal Academy of Music, im süddeutschen Augsburg wird Leopold Mozart, der Vater von Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und in Graubünden erscheint erstmals das Wochenblatt «Montägliche Churer Zeitung». Wir schreiben das Jahr 1719.
Ein Herrscher ohne Land
Das Jahr 1719, genauer gesagt der 23. Januar dieses Jahres, markierte auch die Geburtsstunde eines neuen Landes im Herzen Europas. In Wien erhob Kaiser Karl VI. die beiden Herrschaften Vaduz und Schellenberg zu einem Reichsfürstentum, das den Namen seiner Besitzerfamilie trug: Liechtenstein. Bis heute ist das Fürstentum Liechtenstein einer von nur zwei Staaten weltweit, die nach ihrer Herrscherfamilie benannt sind – der andere ist Saudi-Arabien.
Die Familie Liechtenstein wurde allerdings nicht erst durch die Erhebung der beiden Herrschaften am Rhein zu Fürsten. Das nämlich waren sie schon lange, genauer seit dem Jahr 1608. Allerdings hatten die Fürsten von Liechtenstein ein Problem: Sie besassen gewissermassen kein eigenes Land und konnten deshalb nicht Teil des wichtigen Reichsfürstenrats sein.
Was heute undenkbar scheint, war an der Wende zum 18. Jahrhundert noch durchaus möglich: Johann Adam Andreas von Liechtenstein kaufte sich kurzerhand ein eigenes Territorium. Dabei profitierte er davon, dass die Grafen von Hohenems in finanziellen Kalamitäten steckten und die Herrschaft Schellenberg im Jahr 1699 und die Herrschaft Vaduz 13 Jahre später noch so gern an den Fürsten aus dem fernen Wien verkauften.
Ein Land ohne Herrscher
Sieben Jahre nach abgeschlossenem Landkauf wurde Johann Adam Andreas’ Nachfolger Anton Florian von Liechtenstein also doch noch Mitglied des Reichsfürstenrats. Allzu grosses Interesse an seinem Land zeigte der Fürst allerdings nicht. Er, der einst wegen seiner hohen Bildung Erzieher des späteren Kaisers Karl VI. gewesen war und danach dem spanischen König Karl III. als Erster Minister gedient hatte, dachte nicht im Traum daran, an den Oberlauf des Rheins zu ziehen. Er blieb in Wien und überliess das Tagesgeschäft vor Ort Landvögten. Erst im Jahr 1938 sollte mit Franz Josef II. der erste Fürst im Land wohnen.