Afghanisches Flüchtlingspaar ist gefangen im «Paradies»
Auf dem Vorplatz des Ammler Asylzentrums Bergruh jagen Kinder umher. Keine Wolken am Himmel. Über dem Walensee hängen Nebelschwaden. Alles eitel Sonnenschein? Weit gefehlt. «Ich kann nicht mehr länger», sagt Malihe Nabizadeh mit Tränen in den Augen. Seit fast dreieinhalb Jahren warten sie und ihr Mann auf den Asylbescheid.
«Sonst töten wir dich»
Ihr Mann, Jawad Esmailzada, arbeitete als Geschichts- und Religionslehrer in Afghanistan. Wenn seine Schüler ihn über die Taliban ausfragten, äusserte er sich hin und wieder kritisch und hinterfragte das Handeln der fundamentalistischen Terrorgruppe. Eines Tages erhielt er Post: «Wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest, töten wir dich», stand im Brief, unterschrieben und gestempelt von den Taliban.
Das war aber nicht der einzige Grund für die Flucht. Ein Geschäftspartner hat den 40-Jährigen um umgerechnet 8000 Franken geprellt. Esmailzada bewirkte, dass sein ehemaliger Partner ins Gefängnis musste. Das trug ihm Lob und Respekt ein von anderen, die ebenfalls vom Beschuldigten über den Tisch gezogen wurden. Sie sagten aber auch: «Wenn er in ein paar Jahren rauskommt, wird er dich töten, das ist dir doch klar?» Seit 40 Jahren herrsche in Afghanistan Krieg, sagt Esmailzada. Sie flüchteten.
Täglich am Tisch mit 100 anderen
In der Schweiz beschränkt sich die Privatsphäre des Ehepaars auf 20 Quadratmeter; so gross ist ihr Zimmer. «Frühstück, Mittag- und Abendessen mit hundert anderen, und das jeden Tag», klagt die 28-Jährige. Stickige Luft, lautes Stimmenwirrwarr und immer wiederkehrende Mahlzeiten zeichnen die Kantine aus.
Ein Teil ihrer Familie flüchtete schon vor Längerem in die Schweiz. Sie, kaum erwachsen, musste in Afghanistan bleiben. Für einen Familiennachzug war sie um ein paar Monate zu alt. Stattdessen übernahm sie acht Jahre lang die Mutterrolle für ihren kleinen Bruder.