«Wir mussten das Sofa opfern für den Flügel»
Von Elvira Jäger
Sie wissen fast auf den Tag genau, wie alt Ihr Flügel ist. Weshalb?
Ich habe einen Beleg der Firma Steinway, der ihn als Nummer 406 ausweist. Dieser Flügel kam im November 1893 nach Zürich zur Instrumentenbaufirma Hug.
Was wissen Sie sonst noch über seine Geschichte?
Ich habe ziemlich schlüssige Hinweise darauf, dass der Klangkörper noch in New York gebaut wurde, die Mechanik aber bereits von Steinway Hamburg stammt. Diese europäische Niederlassung wurde 1880 gegründet. Es brauchte jedoch Jahre, bis dort ein Holzlager für die Produktion bereitstand. Ausserdem sind die wuchtigen Füsse meines Flügels typisch amerikanisch. Nur sechs Instrumente vor meinem Flügel hat Steinway übrigens eine üppig verzierte Sonderanfertigung produziert, die heute im Whitney-Museum in New York zu sehen ist. Es macht mich schon ein bisschen stolz, dass mein Flügel und dieser Museums-Steinway sich in der Fabrik vielleicht «begegnet» sind.
Wie ist Ihr Schmuckstück zu Ihnen gekommen?
Die Firma Jecklin, bei der er inzwischen gelandet war und bei der ich damals gearbeitet habe, wollte ihn entsorgen, weil er so kaputt war. Ich hatte mir schon lange einen Flügel gewünscht und musste nur den Transport organisieren. So kam er vor rund 20 Jahren zu mir und ich habe ihn in meiner Freizeit repariert. Die Lackierung und die Klaviatur aus Elfenbein habe ich belassen, das gibt dem Instrument eine wunderschöne Patina, wie ich finde. Besaitung und Mechanik sind neu. Man soll das Instrument brauchen können, ich restauriere nicht fürs Museum.
Haben Sie die Stunden gezählt?
Es waren wohl an die 150 Arbeitsstunden. Mir war wichtig, dass das Instrument so nah wie möglich ans Original herankommt. Das ging deshalb gut, weil der Flügel vorher noch nie revidiert und somit auch noch nie verschandelt worden war.