Die einzige Rückversicherung
«Alle kennen inzwischen das Wort ‹Biodiversität› und wissen, dass sie wichtig und bedroht ist», eröffnete Moderatorin Birgit Ottmer das Webinar. Kaum jemand verstehe allerdings, wie und warum. «Biodiversität ist alles auf der Erde existierende Leben in all seinen Formen», wagte Anne Kempel, Biologin am SLF, eine erste Annäherung an das Thema. Unterschieden würden dabei drei Gruppen: Da sei einerseits die Vielfalt aller Lebensräume und Ökosysteme. Dann gebe es die Vielfalt an Arten und schliesslich noch die Vielfalt an Genetik. Diese sei essenziell für das Überleben der Art und spiele eine besondere Rolle bei der Anpassung an veränderte Bedingungen: «Dass jedes Individuum leicht anders ist, ist die Voraussetzung, um sich anzupassen», sagte sie und zeigte das am Beispiel des Birkenspanners auf. Innert kurzer Zeit habe sich auf Englands von Russ geschwärzten Stämmen eine dunklere, vor Fressfeinden besser geschützte Variante durchgesetzt.
Die Versicherung aufgeben ?
Der Frage, warum Biodiversität wichtig ist, ging Christian Rixen, Biologe am SLF, nach. «Wir brauchen die Ameise, um zu überleben, sie hingegen braucht uns überhaupt nicht», stellte er an den Anfang seiner Ausführungen. Er brachte auch die moralische Dimension ins Spiel: «Der Mensch verursacht gerade das sechste Massensterben. Wollen wir dafür verantwortlich sein?» Weiter sprach er die Ästhetik an: «Wir mögen diverse Natur, wir finden bunte, abwechslungsreiche Wiesen schöner.» Doch es gibt auch ganz handfeste Gründe, sich eine grosse Biodiversität und deren Dienstleistung zu wünschen: «Unsere ganze Nahrungsmittelproduktion hängt davon ab, und bei der Medizin wissen wir gar nicht, was uns alles noch verborgen ist.» Weitere Leistungen der Biodiversität sind ausserdem die Bereitstellung von Trinkwasser sowie Sauerstoff und umgekehrt der Abbau von Biomasse. Ausserdem sei eine vielfältige Natur eine Versicherung nach Katastrophen. Denn sie ermögliche eine rasche Wiederbesiedlung danach. Ein Experiment habe ausserdem bewiesen, dass, je mehr Arten in einem System vorkommen würden, die Produktion an Biomasse umso höher sei. Dies wiederum bedeute für die Menschheit ein Mehr auf dem Teller, fasste er zusammen. «Ausserdem ist die Fähigkeit solcher Systeme, Kohlendioxid zu binden, um das Zweifache erhöht.» Die grösste Bedeutung liege aber in der Zukunft: «Diversität ist eine Versicherung. Niemand weiss, welche Arten oder Funktionen wir in Zukunft brauchen.» Die Rettung könnte dann bei einer kleinen, unscheinbaren Art liegen, die vorher kaum beachtet worden sei.