Was Fotografien über die Geschichte erzählen
Von Veronika Feller
Die genaue Betrachtung einer Fotografie kann ihr militärisches, politisches, gesellschaftliches und mentales Umfeld erschliessen. Der Glarner Historiker Ralf Jacober, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs Schwyz, stellte am 2. April historische Bildquellen zum Schwyzer und Glarner Militär- und Schützenwesen im 19. Jahrhundert vor.
Mit zwei Fotografien der Schwyzer Landsturmtruppe eröffnete Jacober das Referat vor dem Historischen Verein des Kantons Glarus. Für die Aufnahmen wurden repräsentative und geschichtsträchtige Orte gewählt, das Wirtshaus zum «Ochsen» am ehemaligen Sustplatz in Lachen und die Kirche St. Verena in Wollerau. Die Männer stehen in Reih und Glied, tragen einheitliche Uniformen, halten das Mehrladergewehr «Vetterli»; die Offiziere sind durch ihre Stellung im Bild und die Gradabzeichen hervorgehoben.
Militarisierung der Schweiz
Die Einheitlichkeit ist vor dem Hintergrund des eidgenössischen Militärgesetzes von 1874 zu sehen, das Uniformen, Bewaffnung und Ausbildungsinhalte vereinheitlichte. 1886 wurde die Heeresklasse Landsturm geschaffen, die «hinter den Linien» Hilfsdienste zugunsten der Kampftruppen zu leisten hatte. Die Fotos wurden zur Neuausrüstung und -bewaffnung der Landsturmtruppe im Februar 1893 gemacht. Die Szenerie vor der Kirche Wollerau erinnert an den Slogan «Für Gott und Vaterland». Das Aufgebot wurde im «March-Anzeiger», «March Boten» und «Volksblatt des Bezirks Höfe» veröffentlicht und kontrovers diskutiert.
Die Bilder stammen vom Schwyzer Fotopionier und Offizier Josef Bettschart. Die Aufnahmen zeigen eine bewusste Inszenierung von Ordnung, Traditionsbewusstsein, Wehrbereitschaft, Ernsthaftigkeit und Ästhetik. Sichtbar gemacht wird damit laut Jacober die Integration des Kantons Schwyz in den Bundesstaat.
Die Bilder sind beispielhaft für eine Militarisierung der Schweizer Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts. Militär- und bundeskritische Stimmen, die es auch gab, wurden ausgeblendet.