Mit einem Sinn weniger durch Chur: Arno Tschudi lebt blind | Südostschweiz
Graubünden
Mit einem Sinn weniger durch Chur: Arno Tschudi lebt blind
Angefahren werden und Haltestellen suchen: Arno Tschudi ist blind und bewegt sich mit weissem Stock durch Chur. Der Familienvater setzt sich für die Rechte blinder Menschen ein.
Morgen, 7.40 Uhr in Untervaz. Angenehm warme Hoodie-Temperatur, der Himmel geziert vom Morgengrau. Arno Tschudi tritt mit einem Umschlag in der Hand aus der Haustüre. Kaum ist er über der Schwelle, greift er nach seinem wichtigsten Begleiter im Alltag, einem weissen Stock. Gekonnt verlängert er diesen mit dem Teleskopmechanismus und beginnt, sich seinen Weg in Richtung Briefkasten zu bahnen. Arno Tschudi ist blind. Aufgrund einer Erbkrankheit kann er heute gerade noch hell und dunkel voneinander unterscheiden. Der Untervazer ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und Präsident der Sektion Graubünden des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (SBV). An diesem Morgen macht er sich auf, Richtung Bushaltestelle.
Der Boden als Navi
Der Weg dorthin ist ein Fussmarsch von rund 100 Metern, der dem Familienvater bestens bekannt ist. Ein Vorteil, denn: «Wenn du ortskundig bist, dann weisst du, wo was ist, und hast Orientierungspunkte.» Zum Beispiel eine Veränderung im Bodenbelag. Arno Tschudi lässt den weissen Stock über den Boden schleifen und erkennt sofort einen Gullydeckel. Für ihn ein Zeichen, dass hier die Strasse beginnt und er abbiegen muss. Nun führt der Weg zur Bushaltestelle auf dem Trottoir der Strasse entlang. Und auch hier ist die Struktur entscheidend. «Die hohe Kante des Trottoirs hilft mir dabei, gerade zu gehen und jederzeit zu wissen, wo auf dem Gehsteig ich mich befinde», erklärt der gelernte Bauspengler, kurz bevor sein Stock die nächste Unebenheit am Boden erfasst. Das Trottoir flacht ab. Ein Hinweis, dass sich hier eine Strasse befindet.
Weiss ist rot
Bevor Arno Tschudi den weissen Stock mit gestrecktem Arm nach vorne hält, veranschaulicht er dessen Bedeutung: «Weisser Stock gleich rote Ampel und ist das Zeichen dafür, dass ich loslaufe und die Strasse überquere. Dies verpflichtet alle Verkehrsteilnehmenden anzuhalten. Etwas, das leider viel zu selten funktioniert.» Um diese Aussage zu beweisen, streckt Graubündens SBV-Vertreter seinen Stock zur Strassenmitte. Mehrere Autos fahren vorbei. Keines stoppt. Eine Situation, die regelmässig vorkommt.
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Es muss mehr sensibilisiert werden. Ein Missachten kann sehr schnell teuer werden.»
Arno Tschudi, Präsident des SBVs
«Es muss mehr sensibilisiert werden. Vielen ist diese Regel gar nicht bewusst. Das, obwohl ein Missachten sehr schnell teuer werden kann», erläutert der Sektionspräsident. Denn wer den weissen Stock nicht beachtet, verstösst gegen die Verkehrsregelnverordnung und kann angezeigt werden. Vor grösseren Zwischenfällen ist Arno Tschudi bis jetzt verschont geblieben. Kleinere jedoch hat er bereits mehrfach erlebt. «Am schlimmsten ist es auf Parkplätzen. Da gab es bereits einen Fall, bei dem ich angefahren wurde», erinnert sich Tschudi. Der Autofahrer habe dann nur gemeint: «Ich dachte, du gehst aus dem Weg.» Grobe Verletzungen sind dabei glücklicherweise keine entstanden.
Vorne rechts
Zurück auf dem Weg zur Bushaltestelle ist die Strasse nun endlich frei und Arno Tschudi setzt seine Route fort. Während der weisse Stock in regelmässigen Schwüngen über den Asphalt gleitet, zeigt er ein weiteres Hindernis auf. «Manchmal kommt es vor, dass die Pflanzen am Strassenrand nicht zurückgeschnitten werden.» Dadurch habe er vor allem bei nassem Wetter immer mal wieder einen feuchten Ast im Gesicht. «Das kann mühsam sein. Mir ist auch bewusst, dass es überhaupt nicht böswillig gemeint ist, und ich möchte keinesfalls einen Vorwurf äussern. Die meisten wissen es einfach nicht anders.» Plötzlich bleibt der Familienvater stehen. «Hier ist die Bushaltestelle, das spüre ich an den Einstiegsmarkierungen.» Und tatsächlich: Am Boden sind weisse Streifen zu sehen. Dank diesen wissen blinde und sehbehinderte Personen, wo sie in den Bus einsteigen können. Fehlen die Markierungen, sind die Betroffenen orientierungslos. «Es ist schon vorgekommen, dass ich 20 Meter neben solch einer ungenügenden Haltestelle gestanden bin.»
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Es ist schon vorgekommen, dass ich 20 Meter neben solch einer ungenügenden Haltestelle gestanden bin.»
Arno Tschudi, geht mit Zug und Bus zur Arbeit
In solchen Fällen ist Arno Tschudi auf das Personal des öffentlichen Verkehrs angewiesen. «Optimal ist, wenn dich der Busfahrer oder die Busfahrerin frühzeitig erkennt und mit der vordersten Türe vor dir anhält.» So können die blinden und sehbehinderten Menschen direkt mit der fahrenden Person kommunizieren und die Linie oder den Zielort erfragen. «Am besten sind die Busfahrer und Busfahrerinnen, die dir sogar noch sagen, ob der Platz vorne rechts frei ist.» In der Regel sitzt Arno Tschudi nämlich auf diesem Sitz. «Zum einen kann ich so direkt mit dem Fahrer oder der Fahrerin sprechen, es ist der kürzeste Weg zur Türe und ich muss mich nicht durch den wackelnden und teilweise mit Gepäckstücken blockierten Gang tasten», begründet der Untervazer seine Platzwahl.
Die sprechende Waage
Einmal abgesessen und losgefahren, bekommt für ihn ein weiterer Punkt eine grosse Bedeutung. «Ich muss die Ansagen im Bus hören. Fällt eine aus oder ist zu leise, existiert die Haltestelle für mich nicht.» In derartigen Situationen hilft ihm der Busfahrer, die Busfahrerin oder seit Neuestem auch ein Technik-Gadget. Dieses trägt er unauffällig auf der Nase. Eine Ray-Ban-Meta-Brille. Dank der darin integrierten künstlichen Intelligenz kann sich Arno Tschudi den Text auf dem Bildschirm im Bus vorlesen lassen. Technologie helfe ihm auch sonst im Alltag. «Bei mir zu Hause spricht alles. Bereits früh am Morgen brüllt meine Waage das Gewicht durchs Haus.»
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Bei mir zu Hause spricht alles. Bereits früh am Morgen brüllt meine Waage das Gewicht durchs Haus.»
Arno Tschudi, Familienvater aus Untervaz
Durch hilfreiche Features kann er sogar Zeitungen und Bücher hören oder sein Handy bedienen. «Die Technik hilft immer mehr. Leider sind viele Innovationen noch nicht vollends ausgereift und dadurch fehlerhaft», meint Arno Tschudi, als er von einer neuen App erzählt, welche das Smartphone mit dem öffentlichen Verkehrsnetz verbinden soll. Die Software erlaubt es blinden und sehbehinderten Menschen, den richtigen Bus mittels Radarfunktion zu finden, in der Türe einen Signalton auszulösen und Ein- sowie Aussteigewünsche abzusetzen. Das Projekt befindet sich in mehreren Schweizer und deutschen Städten noch in der Testphase. Arno Tschudi hofft, dass es bald auch in Chur eingesetzt wird.
Alle einsteigen bitte
Die Ansage für den Bahnhof Untervaz-Trimmis klingt durch den Bus. Hier muss Arno Tschudi aussteigen und auf den Zug wechseln. Geübt tritt er wieder zur vordersten Tür aus dem Bus und lässt den weissen Stock über den Boden gleiten. So lange, bis dieser auf die Leitstreifen am Perron trifft. Kurze Zeit später braust der Zug heran. Die Türen öffnen sich und das hektische Ein- und Aussteigen beginnt. Doch etwas fehlt. Die Zugtüre pfeift nicht. «So weiss ich nicht, wo ich einsteigen kann, und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich am Zug entlang zu tasten, bis ich den Einstieg finde», verdeutlicht Arno Tschudi, nachdem er im Waggon geschickt einen Platz gefunden hat. «Das sind die Situationen, die mich am meisten nerven. Wenn Technik, die funktionieren sollte, nicht funktioniert.» Dazu schildert er eine weitere ähnliche Gegebenheit. «Einmal ist die Einstiegshilfe im Zug nicht ausgefahren. Das habe ich natürlich nicht gesehen und bin prompt mit dem Bein zwischen Zug und Bahnsteig gelandet.»
Der Rinne entlang
Unter solchen Umständen ist Arno Tschudi froh um die Hilfe von Mitmenschen. Das ist aber nicht immer der Fall. «Wenn ich an einem bekannten Ort unterwegs bin und mich auskenne, dann finde ich mich gut alleine zurecht.» Dennoch: Das Anbieten von Unterstützung sei natürlich erlaubt, betont Arno Tschudi. «Einfach immer zuerst mit der Stimme fragen und nicht schlagartig anfassen. Auch ich werde nicht gerne plötzlich von fremden Personen berührt.» Wenige Minuten verstreichen und der Zug fährt im Bahnhof Chur ein. Arno Tschudi steigt aus. Dass die Türe kein Signal von sich gibt, hat er nun gemerkt und sich den Weg nach draussen eingeprägt.
Für ihn geht es jetzt in die Unterführung, die Rolltreppe hoch und raus auf den Bahnhofplatz. Ab hier hilft dem Familienvater ein unauffälliges Detail, den Weg zu finden. «Wenn ich die Regenrinne spüre, weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und geradeaus laufe.» Eine grosse Errungenschaft für die, die darauf angewiesen sind. «Wir vom Verband hatten das Glück, zur richtigen Zeit mit den richtigen Personen zu sprechen, sodass dies entsprechend gebaut wurde», freut sich Arno Tschudi. Einige Meter weiter offenbart er eine weitere Orientierungshilfe auf seinem Weg. Mitten in der Regenrinne beginnen Leitstreifen, die eine Abzweigung signalisieren. Arno Tschudi folgt diesen und bewältigt die letzten paar Schritte bis zum Ziel.
Aktiv bleiben
Als wäre er auf seiner Reise nicht schon vor genügend Herausforderungen gestanden, stösst sein weisser Stock schlagartig auf etwas Hartes. Das Gerüst einer Baustelle blockiert die taktil-visuellen Markierungen. Auch dieses Hindernis umgeht Arno Tschudi routiniert und sagt: «Es sind kleine Sachen, die meistens erst dann auffallen, wenn man sich in unsere Situation versetzt.» Grundsätzlich ist der Präsident des SBV-Graubünden zufrieden mit der aktuellen Situation im Kanton. Obwohl seit 2023 alle Bahnhöfe und Bushaltestellen von Gesetzes wegen bereits barrierefrei sein müssten, gebe es immer noch einige Probleme, vor allem an Umsteigehaltestellen. «Wir arbeiten daran. Zusammen mit den Behörden finden wir Lösungen und gehen Kompromisse ein.» Bevor der Untervazer sein Ziel erreicht, erinnert er sich noch einmal zurück. In die Zeit, in der die Hindernisse noch viel mehr waren und er begonnen hat, Hilfsmittel zu verwenden. «Der weisse Stock ist wie ein Outing. Sobald ich ihn bei mir hatte, war ich nicht mehr Arno, sondern der Blinde.» Die Vorteile seien aber grösser. «Der weisse Stock gibt mir Freiheit, dank ihm kann ich mich frei in der Öffentlichkeit bewegen und mit meiner Seheinschränkung aktiv bleiben.»
Veranstaltung
Aktiv bleiben – auch mit einer Seheinschränkung. Das ist möglich. Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband zeigt dies an seiner Ausstellung am 15. Oktober. Der SBV heisst alle herzlich willkommen. Alle, die auf der Suche nach Ideen, Informationen oder Unterstützung sind, um auch mit einer Seheinschränkung aktiv zu bleiben. Alle, die betroffenen Angehörigen helfen wollen. Und alle, die ihren Wissenshorizont erweitern wollen. Teil des Events sind eine Hilfsmittelausstellung sowie Beratungs- und Kursangebote. Wann: 15. Oktober ab 13 Uhr Wo: GKB Auditorium in Chur Mehr Informationen gibt es hier.