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Sterbehilfe gehört nicht in die dunkle Ecke

Der Berg kreisste und gebar eine Maus – so sagt man gewöhnlich, wenn jemand Grosses ankündigt und später kaum etwas vorweisen kann. Meistens ist das ein ziemlich guter Kommentar zu Bundesratsentscheiden – etwa zur seit Jahren diskutierten Regierungsreform, die gestern darin «gipfelte», dass man Bildung und Ausbildung in einem Departement bündelte.

Südostschweiz
30.06.11 - 02:00 Uhr

Von Sermîn Faki

Zum ebenfalls gestern getroffenen Entscheid der Landesregierung, die organisierte Sterbehilfe trotz grosser Ankündigung und Tausenden Seiten mit Berichten, Mitberichten und Vorlagen nicht zu regulieren, passt nicht einmal mehr das. Denn der Berg kreisste und gebar gar nichts. Wer Justizministerin Simonetta Sommaruga gestern zuhörte, bekam den Eindruck, es habe sich bei der öffentlichen Debatte um begleiteten Freitod und den Sterbetourismus nur um eine Scheinschwangerschaft gehandelt.

Das jedoch stimmt nicht. Sterbehilfe ist ein Thema, das die Schweizerinnen und Schweizer berührt – aufgrund eigener Erfahrungen und persönlicher Vorstellungen vom würdevollen Sterben. Und für nicht wenige Menschen ist eben Sterbehilfe durch eine Organisa- tion ein Weg, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden.

Der Bundesrat irrt daher, wenn er meint, dass es bei der gesetzlichen Regulierung der Sterbehilfe nur um die Ahndung von Missbräuchen geht, die tatsächlich bereits heute möglich ist. Es geht um mehr: Darum, die Selbstbestimmung zu stärken – und dazu gehört, dass sich Chronisch- und Schwerstkranke entscheiden können, ob sie für ihr Lebensende die Palliativmedizin wählen – die der Bundesrat fördern will – oder aber den Freitod. Die Palliativmedizin staatlich zu fördern, die Sterbehilfe jedoch nicht einmal gesetzlich regulieren zu wollen, hinterlässt den schalen Nachgeschmack, dass jene, die den assistierten Suizid wählen, vom Staat weniger ernst genommen werden. Das Vorgehen des Bundesrats drängt die Sterbehilfe in die dunkle Ecke der Verwerflichkeit – doch dort gehört sie in der liberalen Schweiz einfach nicht hin.

sfaki@suedostschweiz.ch

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